Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus

Es naht der 1. Mai …

Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung – Albert Weidner

… ist nun doch gedruckt erhätlich.
186 Seiten für EUR 10,– inkl. Porto.
Über den Buchhandel über die ISBN-Nr. 978-3-921404-06-5.

email an barrikade [at] gmx.org – Lieferung erfolgt prompt gegen Rechnung!

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Altona, 3.3.2017

Zum Jahreswechsel

Moin 2017,

schreiberling-2es ist leider weiterhin so, dass das meistverkaufte Buch unseres Verlages das lokale Altonaer Fußballbuch über Adolf Jäger ist. Das ist ebenso erfreulich wie ärgerlich, sind wir doch ein explizit anarchistischer Verlag. Aber wir wollen nicht klagen, denn die Bücher von Doris Ensinger und Tim Wätzold werden über die Zeit auch ihre Käufer finden.

Die angekündigte Erstveröffentlichung von deutschen Texten von Emma Goldmann kostet Zeit und viel Energie, da wir doch einiges an weiterem Material aus der damaligen Yellow-Press (Boulevard-Zeitung seiner Tage, u.a. der New York World von Joseph Pulitzer, einem Konkurrenten des Hearst-Konzern) aus dem Jahre 1893 hinzufügen wollen … es folgt aber in einigen Tagen eine Erstveröffentlichung über Die ‚deutsche‚ Emma Goldmann. Hier dann auch die Neuerung, dass längere Texte auch gleich als pdf-Datei zur Verfügung stehen werden.

Der Reprint des Büchleins von Albert Weidner – Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung – ist nun doch noch erfolgt. Er ist seit Anfang März 2017 für EUR 10,– bei 186 Seiten Umfang käuflich zu erwerben.

Wir drucken hier aber trotzdem zur Erbauung und Erinnerung das Kapital Die Arbeitslosenversammlung ab. Der springende Punkt ist allerdings die doch ziemlich ehrabschneidende Darstellung Albert Weidners, denn er geht auf die Folgen des Skandals nicht weiter ein. Es folgen nämlich umfangreiche Gerichtsverfahren, die als Gummischlauch-Prozesse oder auch als Massenpresse-Prozeß nicht nur in die Annalen der Berliner Arbeiterbewegung und reichsdeutsche Geschichte 1894 eingehen.

Ergänzt wird das Ganze durch einen juristischen Artikel aus der Zeit: Anarchistenprozesse. Hier die pdf-Datei zum schnellen download: bieber_anarchisten-prozesse_1897

Damit machte sich Weidner m.E. nicht nur für seine Ex-Genossen zum Verräter. Dennoch folgt hier eine würdigende Erinnerung an den anarchistischen Genossen und Verleger  Albert Weidner.

Wer selber weiter forschen möchte, hat hier eine Auswahl Zeitungen, in denen nach Vorliebe gut recherchiert werden kann: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/

In diesem Sinne, möge der Glockenschlag der Geschichte mal wirklich zu unseren Gunsten erklingen – noch wartet der „Schläger“ ja mit seinem toque revolucionario … leider seit viel zu vielen Jahren und Jahrzehnten sehnsüchtig.

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verlag | barrikade
25. Dezember 2016

banderarojinegra[27.12.2016]

Die ‚deutsche‘ Emma Goldmann

Die ‚deutsche’ Emma Goldmann

emma_goldmanEmman Goldmann (1869-1940) hier um 1892

Die angekündigte Erstveröffentlichung von deutschen Texten von Emma Goldmann kostet Zeit und viel Energie, da wir doch einiges an weiterem Material aus der damaligen Yellow-Press (den ersten Boulevard-Zeitungen wie der u.a. der New York World von Joseph Pulitzer) übersetzen und ergänzen wollen. Der Text hier als pdf-Datei eg_barrikade-2017

* * *

Emma Goldmann erster Text in einer deutschen Zeitung:
Der Anarchist 1880 - St. Louis

Eingesandt.

Lange Jahre hat es ein Mann fertig gebracht, sich als Held und Märtyrer hinzustellen, die größten Schurkereien zu verüben und zu verlaumden und so die besten Kräfte zu untergraben.
Und dies allen unter dem Deckmantel des Anarchismus, ohne daß auch nur eine Hand sich erhoben hatte, die Maske von dem Gesicht dieses Mannes herab zu reißen.
Der Mann von dem ich hier spreche ist John Most der „Anarchistenführer“, der Mann, der es wagt, sich an die Seite eines Krapotkin. einer Perowskaya und anderer Helden unterer Bewegung zu stellen.
Genossen und Freunde, wenn ich jetzt die Feder ergreife, um Euch diesen Most in das richtige Licht zu stellen, so ist es wahrlich  nicht persönlicher Haß, (ich bin gerade im Interesse der Bewegung noch nicht gegen Most aufgetreten), sondern die Empörung über die Haltung dieses Schuften, unserem Genossen Berkmqann gegenüber. Ja, die Empörung die einen jeden ehrlichen Arbeiter ergreifen muß. über dieses verläumderische Treiben, über dieses Denunziantenthum dieser Demagogen.
Die Genossen werden das Interview, das M. mit einem Reporter hatte, an anderer Stelle übersetzt finden.
Was, frage ich, kann einen Menschen veranlassen, so gemein, so niederträchtig zu handeln?
Einfach der schmutzige persönliche Haß, der Neid und die Furcht ist es, was diesen Menschen treibt so zu sprechen. Most ist feig, feig bis zum Äußersten, daß ist jeden bekannt, der ihn nur ein bischen genau kennt.
Ich, die ich ihn leider gut kennen gelernt habe, die jeden Charakterzug zur Genüge studirte, ich behaupte, daß Most ein ganz erbärmlicher Feigling, ein Lügner, Schauspieler und zugleich ein Waschlappen ist.
Alle seine sogenannten heroistischen Thaten sind nicht der Liebe zur Sache, der Ergebenheit zum Prinzip entsprungen. Oh nein! Es war Berechnung, es war ganz schmutziger Ehrgeiz, der ihn zwang „sein“ Prinzip (?) zu vertreten. Was hat denn Most bisher Großen geleistet? Ein paar Jahre hat er im Gefängniß, wo es ihm nebenbei bemerkt, sehr gut erging, zugebracht, das ist alles. Die Arbeiter haben ihren letzen Cent hingegeben, um es diesen Parasiten an nichts fehlen zu lassen.
Wo es aber galt, irgend eine That zu vollbringen oder andere zu unterstützen, da hat er sich stets feige und erbärmheh gezeigt.
Ich führe nur aus letzter Zeit einige Beispiele an, die Versammlung auf Union Square am 1.. Mai, wo er aus Furcht nicht hinkam, troztdem er Wochen zuvor aufforderte die Genossen möchten sich an der Maidemonstration betheiligen. — Weiter die Versammlung in Philadelphia, die er deshalb sich nicht zu adressiren getraute, weil kurz zuvor Genosse Hoffmann verhaftet wurde.
Und die größte und gemeinste Feigheit die jetzigen Handlung Most‘s. Aus Angst und persönlichem Haß erzählt er allerlei Lügen über Genossen Berkmann. Anstatt diese That propagandisch auszunützen, versucht er sie in den Koth hinab zu ziehen. Nichts ist ihm zu schlecht, um es gegen B. anzuwenden. Er erzählte unter anderem dem Reporter, daß B. ein sehr ungeschickter Arbeiter sei, troztdem er mir und anderen gegenüber hundertemal betheuerte, daß B. ein sehr geschickter und fleißiger Arbeiter sei.
Aber weil B. frei und offen M. die Meinung in‘s Gesicht sagte, weil er gesagt hat, daß er alles andere eher sei, als ein Anarchist, weil B. die Corruption und den Schmutz in der „Freiheit“ aufgedeckt, wurde er Mitte Juli entlassen, mit dem Versprechen bald wieder eingestellt zu werden.
Genossen! wenn in Euch noch ein Funken Selbstachtung vorhanden ist, wenn Ihr nicht theilnehmen wollt an den Schurkereien dieses Charlatan, dann bedenkt diese Worte.
Ihr seid es, die ihn ernähret, die ihn Mittel schafft, um ein feines Leben zu fuhren. Durch Euren Schweiß und Euer Blut, hat er sich einen Namen erworben. Hat er doch so oft gesagt, er sei lieber Carl Schurz als John Most.
Genug der Worte, denn man müßte ein Buch schreiben, um all die elenden Handlungen zu behandeln.
„Die Polizei will ihn verhaften.“ Eine größere Dummheit, eine größere Schande könnte der That B.‘s nicht gemacht werden. B. würde Most niemals etwas anvertrauen, einfach weil er diesen Schwätzer kennt Most hat schon manche That eines Genossen hintertrieben, so manche Tapfern abgehalten etwas zu thun. Das fanatische russische Volk hat die Niedertracht eines Alexander III. erkannt, hoffentlich werden auch die aufgeklärten deutschen Genossen endlich die elenden Handlungen eines Most erkennen.
Denn solange wir solche Demagogen groß ziehen, welche durch uns und unsere Groschen „Größen“ werden, wird die Bewegung gehemmt sein und die herrschende Klasse triumphieren.
Worte helfen bei solchen Menschen nichts; eine Tracht Hiebe würde diesen Menschen wohl nicht ändern, aber ihm das Maul stopfen.

Emma Goldmann.

• Der Anarchist, 30. Juli 1892

* * *

Schlecht beraten.

In’s Fahrwasser des Anarchismus gerathen die Arbeitslosen.

Die gestrige Demonstration auf Union Square — In Brandreden wird radikaler Unsinn verzapft und denen, die nach Brod schreien, wird ein Stein gegeben.

Professionelle Hetzer, Volksverführer, Utopisten und Demagogen machen sich die mißliche Lage, in welche infolge der allgemeinen Geschäfts-Depression ein großer Theil der Arbeiter gerathen ist. weidlich zu Nutze und tragen durch die maßlose Aufreizung der niederen Klassen das ihrige dazu bei, daß die Situation sich, wenn dies möglich ist, noch verschlechtert. Beweis hierfür ist die Demonstration, welche gestern Abend stattfand.

Mit einer zweiten großen Massenversammlung auf dem Union Square, noch größer als die am Samstag stattgehabte, schloß der gestrige Tag für die Arbeitslosen.

Etwa fünftausend Menschen hatten sich auf dem großen Platze, der so manche Volks-Demonstration gesehen, eingefunden und besonders unter ihnen auffallend war die Zahl der jungen Leute unter 25 Jahren. Der Demonstration auf dem Square ging ein Umzug der Arbeitslosen heran, welcher um 7 Uhr Covenant Hall, No. 56 Orchard Str., verließ und etwa 2500 Mann stark die Orchard Str. hinauf ging, die Houston Str., Ave. A, 2. Str., 2. Ave., 13. Str. passirte und um 7 ½ Uhr auf dem Square eintraf.

Der Umzug war ein sehr ruhiger und der einzige zu erwähnende Vorfall war, daß Kapitän Devery in der Orchard Str., zwischen der Rivington und Delancey Str., einem der Männer eine schwarze Flagge wegnahm und sie konfiscirte.

Auf der Terrace vor der Cottage am Square präsidirte David Levy. während zwei Lastwagen zu beiden Seiten der Cottage als Rednertribünen verhielten. Dr. Theodore Kinzel, der erste Redner, erklärte, daß er ein Anarchist sei, worauf er die bestehende Gesellschaftsordnung kritisirte, die „sociale Revolution“ ankündigte und den Anwesenden rieth, sich für dieselbe vorzubereiten.

Unter den anderen Rednern war es besonders der Schneider John Timmermann [1], welcher durch seine aufreizende maßlose Redeweise die Anwesenden packte. „Wir müssen Brod haben“, rief er; „wenn die Kapitalisten Euch ohne Brod lassen, so sind sie Mörder und wenn sie uns kein Brod geben, so müssen wir es nehmen. Wir sind keine Politiker und haben nichts mit der Politik zu thun.“ Nachdem er von der französischen Revolution gesprochen, erklärte er, daß auch hier Straßenkämpfe stattfinden würden.

Bereitet Euch auf die sociale Revolution vor. Gewalt gegen Gewalt! Ich sage Euch, die Zeiten werden noch schlechter werden, wie sie jetzt bereits sind, und man wird uns auf den Straßen tödten. Ihr habt die Paläste gebaut, Ihr habt alles geschaffen, aber Ihr selbst habt nichts. Fordert Brod! Es ist Euer Recht, dasselbe zu verlangen, und könnt Ihr es nicht bekommen, so könnt Ihr es ja nehmen“ Er schloß mit den Worten: „Hoch lebe die Anarchie!

Nach ihm sprachen Arthur Morton, F. Herschdorfer und Bamet Brave. Letzterer erklärte, daß man sie Anarchisten nenne, weil sie Brod verlangten, und man rufe dann die Polizei herbei, sie zu verhaften. „Wenn sie einen verhaften, sollen sie alle mitnehmen, alle unsere Familien. Man hat mir mitgetheilt, daß ich verhaftet werden soll. Sie sollen es nur thun. Ich kann im Gefängnis nicht schlimmer daran sein, als ich es jetzt bin. denn morgen soll ich ermittirt werden. Giebt man uns kein Brod, so werden wir es nehmen.

Emma Goldmann sprach dann zu der Menschenmenge, welche begierig den Wortschwall der Petroleuse verschlang und denselben stürmisch applaudirte.

Das ist das Land eines Thos. Jefferson, eines John Brown, eines Abe Lincoln.“ geiserte die Maulheldin in schlechtem Englisch, „und in ihm schreien Hundertausende nach Brod. Könnten jene dieser Versammlung beiwohnen, so wurden sie vor Scham erröthen. Die Reichen wohnen herrlich und in Freuden und ihre Frauen haben alles, was das Herz begehrt, aber die Lohnsklaven sind schlimmer daran, wie die Farbigen in der Sklavenzeit. Die schlechte Zeit kommt nicht von der Silberkrise her. sie hat andere Ursachen. Ihr verlangt Brod und wenn Ihr es nicht auf friedlichem Wege bekommen könnt, so werdet Ihr es Euch mit Gewalt holen. Vereinigt Euch und nehmt es mit Gewalt, wenn Ihr es nicht friedlich bekommen könnt. Man hat in den Zeitungen berichtet, daß Arbeiter nach Albany gehen wollen, um dort Forderungen zu stellen; was werden sie erhalten? Nichts. An solche Geschichten glaube ich nicht mehr. Verlaßt Euch auf Eure eigene Kraft, da die Kapitalistenklasse die Polizei bewaffnet hat. Nochmals, könnt Ihr kein Brot bekommen, so nehmt es mit Gewalt. Geht hinaus in die sociale Revolution!

Der Wortlaut der Brandrede ist nur deshalb bemerkenswerth, weil sich voraussichtlich die Polizei mit der Urheberin derselben befassen wird.

Nur wenige Redner sprachen nach Emma Goldmann. Es hatte sich inzwischen das Gerücht verbreitet, daß die Polizei beschlossen habe. Timmermann und Emma Goldmann wegen ihrer Reden zu verhaften und dies sah um so wahrscheinlicher aus, als sich wohl ein Dutzend Detektives auf der Platform befand.

Plötzlich verschwand Timmermann, und man konnte nicht in Erfahrung bringen, ob er verhaftet worden sei oder ob ihn seine Freunde fortgcschmuggclt hänen. Nachdem Emma Goldmann geendet, entfernte sie sich langsam in Begleitung einiger Freunde.

Mehrere Reporter folgten, sowie ein kleiner Menschenhaufen. Durch den Park ziehend, schwoll der Zug im Nu um Hunderte an und als er um die Cottage gehend die Ecke der 17. Str. und 4. Ave. erreicht hatte, befanden sich nahezu tausend Leute in Emma’s Gefolgschaft.

Immer größer wurde das Gedränge. Es ging die 4. Ave. hinunter bis zur 14. Str. und als man dieselbe erreichte, waren wenigstens 2000 Personen in dem Zuge. Plötzlich kam der Haufen zum Stillstehen. Emma hatte eine in westlicher Richtung fahrende Car bestiegen und mehrere Leute waren nach ihr hinaufgesprungen. Die Car entfernte sich und langsam ging die Menge auseinander. Es hieß, daß sie noch später  verhaftet werden würde.

Im Laufe des Tages fanden zwei sehr ruhige Massenversammlungen der Arbeitslosen statt, eine in Covenant Hall, No. 56 Orchard Str.. und die andere in Pythagoras Hall in der Canal Str. nahe der Bowery. In letzter sprachen A. Jablinowski, Jos. Lederer, M. Hillkowitz und Jac. Milch, welche die Anwesenden ermahnten, keine Ruhestörungen zu begehen. In der ersteren sprach Emma Goldmann, welche die entgegengesetzte Maßnahme empfahl. (…)

  • New Yorker Staats-Zeitung, New York, 22. August 1893  [zitiert nach: EG Band 1, S. 142-144]

* * *

Interview in der New York World, 28. Juli 1892 [1]

Die Höhle der Anarchie.

———

Emma Goldman, ihre Königin, regiert mit einem Nicken die wilden Roten.

———

PEUKERT, der schweigsame Autonomist, die Macht hinter ihr.

———

BERKMAN, der Attentäter, das Werkzeug dieser Führer.

———

Ihr Hauptquartier in einer billigen Wohnung in der Fünften Straße.

———

[…] Und hier war Emma Goldman.[2]

In der äußersten Ecken, nahe einem staubigen, mit Spinnweben verhangenen Fenster, saß eine Frau. Allein in dieser Versammlung hartgesichtiger, halbbekleideter Männer, eingehüllt in einer dichten Wolke erstickenden Rauchs, lehnte sie sich gelassen in einem Kneipenstuhl zurück und las. Sie schien ziemlich hübsch zu sein. Die Lehne ihres Stuhls lehnte gegen die hintere Mauer, und ihr linker Fuß ruhte auf der Sprosse eines Stuhles, der vor ihr stand. Ein weißer Strohhut mit einem blauen, weiß gepunkteten Band lag auf dem Tisch neben ihrem Ellenbogen.

Haselnußbraunes Haar, das seitlich gescheitelt worden war, war über ihrer Stirn aufgeplustert und ließ nur eine Spur dieses Teils sichtbar werden. An der Rückseite war das kurze Haar nachlässig arrangiert. Sie hatte einen wohlgeformten Kopf; eine lange, niedrige weiße Stirn; helle blaugraue Augen, bewehrt mit einer Brille; eine kleine, fein gemeißelte Nase, an den Nasenlöchern eher zu weit, um symmetrisch zu sein; die Haut farblos; Wangen, die einst voll gewesen waren, aber nun leicht eingesunken sind, geben einem Gesicht, das seine Formschönheit im rapiden Abfall zum Kinn verliert, eine etwas zusammengedrückte Erscheinung. Der Mund in Ruhestellung ist hart und sinnlich, die Lippen voll und blutlos.

Ein Nacken, der einst gerundet war, war immer noch wohlgeformt, aber als sie ihren Kopf drehte, wölbten sich die Sehnen aus der Magerkeit heraus, und Flecken hier und dort verstärkten die heftige Enttäuschung, die einen überkommt, nachdem man den oberen Teil des Gesichtes verlassen hat. Eine schlanke Figur, fünf Fuß vier oder fünf Inches [1,65 – 1,68 m] groß, gut geformt mit festem Fleisch, gekleidet in eine weiße Bluse, einen ockerfarbenen Gürtel und einen Rock aus blauem Satin mit weißen Streifen und ockerfarbenen Schuhen.

Das war Emma Goldman, während sie in der anarchistischen Trinkhöhle [3] saß, gestern Nachmittag, um 5 Uhr.

„Sie sind Fräulein Emma Goldman?”

„Das bin ich.”

Der Reporter machte ein paar Scherze, und sie lächelte. Ihre Lippen verzogen sich zu Falten, die ihr Gesicht häßlicher machten, als es in Ruhestellung war [4]. Die beiden Vorderzähne standen weit auseinander, und an beiden Seiten waren Zahnlücken, die das Innere des Mundes schwarz aussehen ließen, oder eher wie jener stumpfe undurchsichtige Farbton, der für die Mäuler einiger Schlangen charakteristisch ist. Ihr Englisch war gut, mit sicherer Betonung, aber es gab einen bemerkbaren Akzent.

Stolz ein Anarchist zu sein.

„Ja, ich kenne Berkman. Er ist ein großartiger Mann – ein Mann voller Intelligenz und Mut. Ob ich ein Anarchist bin? Ich bin es, und ich bin stolz darauf. Sie haben Mollock verhaftet, wie ich sehe. Nun, ich bin sicher, daß Mollock nichts mit der kleinen Affäre in Pittsburgh zu tun hatte.” [5]

„Aber Mollock und Berkman waren Freunde?”

„Oh ja, sie waren Freunde, und ich nehme an, Mollock schuldete Berkman etwas Geld. Tatsächlich weiß ich, daß er das tat,und darum schickte er es ihm.”

„Wann haben Sie Berkman zuletzt gesehen?”

„Oh, vor einiger Zeit; vielleicht vor einer Woche oder vor zehn Tagen. Ich kann mich nicht genau erinnern.”

„Hat er Ihnen gesagt, wohin er gehen wollte und was vorhatte?”

„Nein, er zieht Leute in solchen Dingen nicht ins Vertrauen.”

„Aber Sie sind seine Frau?”

„Ha! ha! ja, ich bin seine Frau, aber auf anarchistische Art, Sie wissen nicht, was das bedeutet! Die Anarchisten glauben nicht an Eheschlüsse nach dem Gesetz. Wir wollen kein Gesetz, und wenn wir vereinbaren zu heiraten, nun, ha! ha! das ist es.”

„Die anarchistische Ehefrau erwartet nicht das Vertrauen ihres Gatten?”

„Warum sollten wir? Aber das ist eine Sache, die ich nicht zu diskutieren beabsichtige.”

„Sie haben mit Frau Mollock zusammengelebt?” [6]

„Ja.”

„Der Name unter der Klingel ist Pollak, ist das ihr richtiger Name?”

„Ich nehme es an. Sie ist Mollocks Frau, so wie ich Berkmans bin. Sie konnte nicht mit ihrem ersten Ehemann leben und ging mit Mollock.”

„Aber Mollock unterzeichnet seine Briefe an sie mit dem Namen Pollak?”

„Stimmt das?”

Fräulein Goldman versuchte spaßig zu sein. Es war ein schrecklicher Fehlschlag, den sie nicht wiederholte.

Die Polizei ermüdet mich.”

„ Mollock lernte seine Frau in Buffalo kennen, und als sie hierher kamen, half Berkman ihnen, und wir lebten alle in der Chrystie Street zusammen. Nein, ich weiß nicht, wo seine Frau jetzt ist, aber ich glaube, sie ist nach Long Branch gegangen, um ihren Gatten zu sehen. Die Zeitungen haben um mich einen großen Aufstand gemacht, aber ich habe mich nicht versteckt. Ich bin die ganze Zeit in der Stadt gewesen.”

„Sind Sie gestern Abend von Chief O’Mara [7] von der Pittsburgher Polizei besucht worden?”

„Nein, wurde ich nicht. Die Polizei ermüdet mich. Die meisten sind Trottel. Sie wandern geheimnistuerisch herum und machen nichts. Alles was sie taten war, den alten Narren Most [8] ins Gefängnis zu stecken.”

„Sie sind ein Freund von Most?”

„Ein Freund! Der alte Betrüger! Ich wünschte mir nur, daß ich, als ich die Möglichkeit dazu hatte, ihn dazu gebracht hätte, mir etwas von seinem Geld zu geben. Er ist ein Feigling und ein Anarchist nur gegen Bezahlung.”

„Waren Sie nicht seine anarchistische Gattin, bevor er sich mit Lena Fischer [9] zusammentat und Sie Berkman trafen?”

„Ha, ha, ha!”

Wieder dieses harte, unmusikalische Lachen. Diese Mal hatte es einen Beiklang von Unehrlichkeit an sich, der ihre Worte Lügen strafte. „War ich nicht”, sagte sie entschieden [10].

„Wann hatten Sie die Möglichkeit, ihn dazu zu veranlassen, daß er ihnen Geld gibt?”

„Ihr Reporter seid zu impertinent. Ich hasse Reporter.”

„Warum?”

„Weil ich alle Inquisitoren hasse. Ich habe dieses ganze Land bereist, Vorträge vor den Gruppen gehalten, und ich habe hier gesprochen, als diese Memme Most Angst vor der Polizei hatte. Ja, ich bin eine Russin, aber ich habe nicht die Absicht zu sagen, aus welchem Teil Rußlands. Aber vor allem bin ich Anarchist.”

„Sind Sie denn stolz auf das, was Ihr Geliebter erreicht hat?”

„Das bin ich tatsächlich; das sind wir alle.”

„Sie haben letzten Sonnabend verschiedene Telegramme erhalten; waren sie von Berkman?”

„Ich habe jetzt nicht mehr die Absicht, mehr zu sagen. Ich habe Ihnen genug erzählt, und ich schätze, Sie werden einen Haufen Lügen schreiben. Das macht ihr alle, denn eure Leute müssen sich an die Kapitalisten verkaufen, die euch das Brot geben, und die Kapitalisten mögen es, die Lügen über uns Anarchisten lesen.”

„Wollen Sie mir nicht erzählen, wann Sie zuletzt von Berkman gehört haben?”

„Das geht die Öffentlickeit nichts an. Jetzt, mein Herr, werde ich nichts mehr sagen. Und wenn Sie mir die ganze Nacht Fragen stellen würden, ich würde nicht antworten.”

Die anderen Anarchisten erhoben sich.

Einer nach den anderen hatten sich die dunkelhäutigen, halbbekleideten und schmutzigen Anarchisten aus dem Vorderraum dem Platz genähert, wo ihre Königin saß. Einer von ihnen hatte ihr möglicherweise ein Zeichen gegeben, nichts mehr zu sagen. Ein Dutzend handfester schwarz- und rotbärtiger Anarchisten standen ein paar Schritte hinter den Rücken des Reporters. Ein anderer Reporter näherte sich und stellte Emma Goldman eine Frage. Während ihre Augen der Gruppe ihrer Freunde einen bedeutsamen Blick zuwarfen, sagte sie mit einer Stimme, die weitaus lauter als notwendig war, so laut, daß sie sogar im Vorderraum gehört werden konnte:

„Ich habe nichts zu sagen. Wollen Sie mich nicht allein lassen?”

Als ob ihre Worte ein Signal gewesen wären, umzingelte ein halbes Dutzend Anarchisten den Reporter, fuchtelten mit ihren Fäusten in der Luft herum und schleuderten Flüche und Beschimpfungen auf Deutsch und Russisch gegen die Reporter. Ein Mann stand nahe bei einem Tisch, mit einem Eispickel in seiner Hand.

Alle Reporter sollten umgebracht werden.”

Die Gruppe wurde größer. Emma Goldman stand auf. Ein stämmiger Anarchist, breiter gebaut als Sullivan [11], ballte seine Fäuste und rief – sein Gesicht gerötet von Bier, Hitze und Zorn – auf Deutsch, daß alle Reporter umgebracht werden sollten.

„Ja, er kann Deutsch verstehen!” heulte er. „Du – –!”

„Nein”, antwortete die Frau auf Deutsch, „er ist ein Amerikaner.” Sie lächelte dieses hohlwangige Lächeln, während ihre Augen hinter ihren Brillengläsern leuchteten. Ein glücklicher und stolzer Ausdruck war auf ihrem Gesicht, und während sie einen schwachen Versuch machte, ihre Sklaven zu beruhigen, bekam ihr fahles Gesicht einige Farbe, und sie stand da, von Lächeln umkränzt, inmitten von Rauch und Bierdünsten. […]

interview-womans-anarchy-1892Anmerkungen

[1] New York World, 28. Juli 1892, S. 2. Anmerkungen des Übersetzers sind mit (AdÜ) gekennzeichnet, alle anderen sind aus der Vorlage übernommen. Emma Goldman wird mit EG, Alexander Berkman mit AB abgekürzt. (AdÜ)

[2] Der Artikel enthält eine Zeichnung von EG. Er fährt fort mit kurzen Interviews mit Claus Timmermann und Josef Oerter, die sich beide vor polizeilichen Ermittlungen durch vage und ausweichende Antworten auf die Fragen des Reporters schützten. Die Überschrift bezieht sich auf Joseph Peukert, anarchistischer Kommunist und ein Führer der Gruppe Autonomie.

[3] Zum Großen Michel, der Saloon in 209 Fifth Street, dem regelmäßigen Treffpunkt der Gruppe Autonomie wie auch die Adresse der Brandfackel und von Claus Niedermann, der die Brandfackel herausbrachte, während ihr Gründer und Herausgeber Claus Timmermann 1893 auf Blackwell’s Island inhaftiert war. Der Reporter bemerkte später, daß „an den Wänden Werbung für anarchistische Zeitungen hing und sich in einem Regal gebundene Ausgaben von La R[é]volt[é], [Die] Autonomie und andere Zeitschriften mit offensichtlich anarchistischer Ausrichtung befanden”.

[4] Der Satz lautet in der Vorlage: „Her lips wreathed into lines that were uglier than when her face was in repose.” (AdÜ)

[5] Die Polizei in Long Branch, New Jersey verhaftete auf Anforderung der Polizei von Pittsburgh Frank Mollock um den 23. Juli, weil er an AB in Pittsburgh sechs Dollar geschickt hatte. Mollock gab zu, das Geld geschickt zu haben, leugnete aber jegliche Beteiligung an ABs Versuch, Henry C. Frick umzubringen – die „kleine Affäre”, auf die sich EG in dem Interview bezieht. AB erzählte im Gefängnis, wie er direkt nach seiner Ankunft in New York am 10. Juli versucht hatte, Geld einzusammeln, das ihm verschiedene Genossen schuldeten.

[6] Josephine Mollock, bei der EG und AB gewohnt hatten, hatte anscheinend auf Druck des Vermieters EG nach ABs Attentat aus der Wohnung ausgesperrt.

[7] O’Mara, der Chef der Polizei von Pittsburgh, hatte kurz zuvor behauptet, daß ABs Anschlag auf das Leben von Henry C. Frick Teil einer anarchistischen Verschwörung sei, siebzig Millionäre zu ermorden, deren Namen auf einer Liste erschienen, die in der Schreibtischschublade des Pittsburgher Anarchisten Henry Bauer gefunden worden sei, der als Komplize verdächtigt wurde.

[8] Johann Most war kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er eine Haftstrafe abgesessen hatte (Juni 1891 bis April 1892), die er für seine Brandrede vom 12. November 1887, dem Tag nach der Exekution der Haymarket Märtyrer, erhalten hatte.

[9] Lena Fischer war die Schwester des Haymarket-Anarchisten Adolph Fischer, obwohl der Reporter sie mit Helene Minkin verwechselt haben mag, einer jungen Anarchistin, die mit EG und AB zusammengewohnt hatte und später Johann Most heiratete.

[10] Tatsächlich fühlte sich EG zu Most sowohl als Liebhaber wie als Mentor hingezogen, kurz nachdem sie das erste Mal nach New York gezogen war. Er ermutigte sie, half bei der Organisierung ihrer ersten Vorträge und unterstützte so den Anfang ihrer Karriere als öffentliche Rednerin.

[11] Hinweis auf den Schwergewicht-Weltmeister im Bare-knuckle-Boxen (Boxen ohne Handschuhe) John L. Sullivan, der den Titel von 1885 bis 1892 hielt.

• Quelle: The Emma Goldman Papers, Berkeley Library, University of California
http://www.lib.berkeley.edu/goldman/pdfs/Anarchy%27sDen_GoldmanSuspectedintheFrickAssassinationAttempt.pdf

[ Übersetzung und bearbeitet von  Jonnie Schlichting | barrikade ]
eg-1901-polizeifotoPolizeifoto nach ihrer Festnahme nach Arbeitslosen-Rede am Union Square 1893

 Einer ihrer ersten Artikel in einer anarchistischen Zeitschrift:

Das Recht der freien Rede in Amerika.

Es ist schon lange nichts Neues mehr, daß die herrschende Klasse Amerikas unter dem Deckmantel der sog. Freiheitlichen Institutionen einer Republik, die größten Niederträchtigkeiten und schamlosesten Vergewaltigungen dem arbeitenden Volke gegenüber begangen hat.  Die Gefängnisse Amerikas bergen eine große Zahl von Menschen,  die es gewagt hatten für ihre unveräußerlichen Rechte einzutreten; gar nicht jener Zahlreichen zu gedenken, die von Seiten des herrschenden Raubgesindels auf feige und niederträchtige Art hingemeordet wurden. Das Recht der freien Rede wurde zwar schon längst mit Füßen getreten, die herrschende Klasse konnte aber bisher die Ausrede gebaruchen, daß bei dieser oder jener Gelegenheit ihre Schergen von den Arbeitern attaquirt wurden, oder daß das Eigenthum irgend eines Blutsaugers gefährdet schien und sie daher das Recht hätte, dieselben zu zu bestrafen und Reden zu unterdrücken, die zu derartigen Handlungen aufreizen.

Das Elend der Arbeiterschaft Amerikans wächst von Jahr zu Jahr und niemals haben es noch die Hungernden gewagt, ihre Stimme laut werden zu lassen. In diesem Jahre aber wurde die Noth zu groß, der Hunger gräßlich und die Arbeiter wollen ihr Joch  nicht länger mehr ertragen. Der Schrei der Unterdrückten und Hungernden ertönt aus allen Ecken und Enden Amerikas, und die Entrechteten versammelten sich zu Tausenden, um den Ausführungen der Redner mit Spannung und Aufmerksamkeit zuzuhören. Solches liegt gar nicht im Interesse der herrschenden Blutsaugerbande — das wäre ja das Recht der freien Rede auf eine ganz sonderbare Art interpretirt. Wir, die Arbeiter, diese unsere Sklaven, unsere Ausbeutungs-Objekte, ihnen soll dieses Recht auch zugestanden werden? Nie und nimmermehr! In dem Momente wo die Arbeiter sich ihrer wahren Lage bewußt werden, derselben Ausdruck zu geben suchen und so an unseren Vorrechten rütteln, in diesem Momente ist unsere Existenz auf das Ernstlichste bedroht.

So und ähnlicher Art hat die capitalistische Bande in den letzten Tagen gedacht und gesprochen und in ihrer Angst und Bestürzung ihre Heer von Schergen auf diejenigen gehetzt, die es unternommen, die hungernden Arbeitslosen aufzuklären und denselben Mittel und Wege anzugeben — sich Brod zu verschaffen.

Nach Ansicht der herrschenden Capitalistenbande, haben also die Arbeiter, diese modernen Slaven des neunzehnten Jahrhunderts, hierzulande nicht den geringsten Anspruch auf das Recht der freien Rede; sie haben kein Recht, ihre Forderungen um Brot geltend zu machen; sie haben kein Recht, über ihre Noth und ihr Elend und über die Mittel zur Beseitigung derselben zu sprechen: sie haben kein Recht, von der reichgedeckten Tafel des Lebens etwas für sich in Anspruch zu nehmen — sie haben nur ein Recht: das Recht, geduldig zu verhungern.

Von diesem Geiste beseelt, hetzten also die aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit gescheuchten Volksbedrücker ihre Bluthunde auf einige der Redner, die in den Arbeiterslosen-Versammlungen der letzten Zeit es versuchten, das gedrückte, entrechtete und ausgesogene Volk auf die richtige Bahn zu leiten und demselben zu zeigen, wie es sich von einem schmählichen Sklavenjoche befreien könne. Der ganze Büttel-Apparat von New York und Philadelphia wurde beispielsweise in Bewegung gesetzt und eine ganze Scharr von Spionen war in Thätigkeit um meiner Person habhaft zu werden, trotzdem ich nicht das Geringste unternahm mich vor den Häschern zu verbergen, vielmehr überall offen und frei meine Tätigkeit weiter entfaltete. Ich will mich über die mir seitens der Polizeibrut zu Theil gewordenen brutalen Behandlung und über die ganz niederträchtige Vergewaltigung, die mir von den Philadelphier Behörden wiederfuhr, hier nicht weiter ergehen — das eine nur will sagen, daß in meinen Augen der Leichenschänder des Schlachtfeldes ein ehtenwerter Mann ist im Vergleich zum Polizisten im Allgemeinen, und zum amerikanischen Polizisten im Besonderen. — Ich hatte es in ganz kurzer Zeit während rneiner Haft in Philadelphia herausgefunden, daß man mich mit den angewandten raffinirten Torturen und niedrigen Anträgen zu demoralisiren suchte.

Bekanntlich soll das Weib hierzulande mehr Rechte haben. Ja, aber nicht das Proletarierweib, nicht eine Anarchistin. Mit Verachtung sieht der Amerikaner auf die Despotie RußIands hin und doch werden hier unter dem Deckmantel der Freiheit dieselben Greuelthaten am Volke begangen. Nun wohl, wenn ich nicht frei meine Meinung sagen kann, so werde ich noch andere Mittel und Wege finden um dem Volke die Augen zu öffnen., zu ihm zu sprechen, daß den capitalistischen Cäsaren Amerikas das Herz im Leibe beben wird; ich werde der feigen Bande die Maske der Lüge noch vom Gesichte reißen. Die Idee der wahren Freiheit wird fortleben bis zum Tage der großen Abrechnung; an diesem Tage wird das jahrtausende lang getretene und gedrückte Volk zu neuem Leben erwachen — zum wahrhaftig freien Leben in der Anarchie.

Emma Goldmann.
Tombs Prison, New York

  • Die Brandfackel, 1. Jg., Nr. 2 – 13. September 1893 (S. 3-5)

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[1] Claus Timmermann, emigrierte um 1883 in die USA und wirkte ab 1889 in St. Louis als Anarchist, gab hier u.a. die Zeitschrift Die Parole (1884-1891) mit herausaus und von 1889-1891 Der Anarchist. Dann in New York war er Herausgeber der Brandfackel (1893-1894), des Sturmvogels (1897-1899). Er arbeitete u.a. als Tischler (baute Setzkästen), als Tellerwäscher und als Handwerker. Er starb im Camp Greylock im Jahr 1941.

„Ein glühender deutscher Anarchist … Er hatte erhebliches poetisches Talent und schrieb kraftvolle Propaganda … Er war ein sympathischer Kerl und ganz vertrauenswürdig, obwohl ein erheblicher Trinker“.
Mein Leben. Emma Goldman über Claus Timmermann

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anarchists-in-action-1894[27.12.2016]

Anarchistenprozesse.

Hier noch ein kleiner juristischer Nachschlag zu Albert Weidners Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung und den Prozessen um die Arbeitslosendemonstration 1894 in Berlin.
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Dr. jur. Richard Bieber (Berlin)

Anarchisten-Prozesse. [*]

Es dürfte allgemein bekannt sein, dass in unserer Gerichtspraxis die einzelnen Sachen in der Weise bezeichnet werden, dass man den Namen des Angeklagten nennt und die Strafthat hinzufügt, wegen der die Anklage erhoben wurde. So wurde der letzte Aufsehen erregende Prozess vor dem hiesigen Schwurgericht richtig in den Zeitungen bezeichnet: „wider Koschemann und Genossen wegen versuchten Mordes“. Von dieser wohl für ganz Deutschland gängigen Praxis wird aber in der amtlichen Aktenbezeichnung eine Ausnahme gemacht, welche nicht bekannt sein dürfte. Seit mehreren Jahren bezeichnet man bei dem Landgericht I zu Berlin eine Reihe von Strafthaten nicht bloss wie oben angegeben, sondern es steht auch noch auf dem Aktendeckel von vornherein roth unterstrichen der Name [1] „Anarchistensache“, und zwar wird dieser Name nur aus dem Grunde daraufgesetzt, weil die politische Polizei den Angeklagten als Anhänger der politischen Lehren des Anarchismus bezeichnet. So unscheinbar an sich diese Aeusserlichkeit einem dem Gerichtsleben Fernstehenden vorkommen mag, so schwerwiegend ist sie in Wirklichkeit. Gerade bei unserem Strafverfahren und der dasselbe beherrschenden freien Beweiswürdigung darf man psychologische Eindrücke in keiner Weise unterschätzen. Man muss sich klar machen, wie selbst in unseren Richterkreisen, und natürlich noch mehr in den weiten Kreisen der Bevölkerung überhaupt, eine fast absolute Unwissenheit herrscht über das, was die Anarchisten-Lehre predigt und bezweckt, um übersehen zu können, welches Vorurtheil von vornherein wachgerufen wird, wenn auf der Anklagebank eine Person vorgeführt wird, die durch die Bezeichnung Anarchist in den Augen der Richter jeder That fähig erscheint, welche gegen Gesetz und Gesellschaftsordnung verstösst. Sind doch nach Meinung unendlich Vieler die Anarchisten Leute, die mit Bomben in der Tasche umherlaufen, um bei erster bester Gelegenheit eine Schreckensthat zu begehen. Bezeichnet nun gar der Vertreter der politischen Polizei auf Grund seiner, von unbekannten und ungenannten Hintermännern ihm gewordenen Information den Angeklagten als Anhänger der Propaganda der That, so überlauft sämmtliche Betheiligte ein Gruseln, das wahrlich nicht dazu beitragt, eine objektive Urtheilsfindung zu erleichtern.

Vor Allem muss darum auch immer und immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die Lehren des Anarchismus an sich absolut nichts mit den Schreckensthaten, welche von einzelnen Anhängern dieser Lehren zweifellos verübt worden sind, zu thun haben. Bezeichnet doch Elisée Reclus, der berühmte Geograph und Anarchist, als Propaganda der That: die vorbildliche Lebensführung, welche beweise, dass jeder Herrschaftszwang entbehrlich sei, und verlangt, dass die Anarchisten durch eine solche Propaganda der That für ihre Ideallehre eintraten. Die grosse Zahl der sogen. Anarchisten, welche unter dieser Bezeichnung die Anklagebank betreten und meistens als Verurtheilte verlassen haben, bestritten auf das Entschiedenste, und in durchaus glaubwürdiger Weise, Anhänger der Propaganda der Thal im Sinne der Anklagebehörde zu sein. In der langen Reihe von Anarchisten-Prozessen, die sich in Berlin seit dem Jahre 1892 vor dem Prozess Koschemann abgespielt hatten, ist niemals ein Delikt auch nur nur Sprache gekommen, das als ein spezifisch anarchistisches, d. h. als gewalttätiges wahlloses Zerstören von Eigenthum und Leben gerichtetes, bezeichnet werden kann. Es handelt sich fast immer um Pressvergehen oder um aufreizende Reden.

Die Art und Beurtheilung dieser Delikte zeigen am deutlichsten einige Beispiele. Im September 1893 befanden sich auf der Anklagebank 3 Männer, beschuldigt der Geheimbündelei. Monatelang waren zwei derselben aua den Grunde in Untersuchungshaft, weil sie den dritten gekannt, anarchistische Schriften besessen, und der eine überdies 2 Adressen bei sich geführt hatte, über welche er glaubhafte Auskunft nicht hatte geben wollen, während der andere in einem Brief an den Hauptangeklagten erwähnt worden war und im Besitz eines Briefes sich befunden hatte, in dem zwei Mal die Abkürzung K. A. vorkam und ausserdem die Worte „Ich verbitte mir solche Injurien, wie Kutschergruppe, so wat jiebts hier nicht zu lecken”. Die Anklage folgerte hieraus, dass der Angeklagte mit dem Klub Autonomie in London zu thun, und „dass er zur Bildung einer anarchistischen Kutschergruppe aufgefordert habe”. In Wirklichkeit war mit K. A. „Kommunistische Anarchisten“ gemeint, der Adressat war gar kein Kutscher, sondern Mechaniker, und mit Kutscher war eine bekannte Mischung von Kümmel mit Rum gemeint. Allerdings wurden diese Angeklagten, aber doch erst nach langer Untersuchungshaft, freigesprochen. — Ein anderer, besonderes Aufsehen erregender Fall waren die Anklagen gegen den jungen praktischen Arzt Dr. G. [2] aus Oesterreich im Februar und Mai 1894. Derselbe wurde in einer Volksversammlung verhaftet, weil er in seiner Rede die geschmacklose Aeusserung gemacht hatte, „der Staat sei eine organisierte Räuberbande”. In diesen Worten wurde eine Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen gefunden, und eine Strafe von 9 Monaten Gefängnis ausgesprochen. Charakteristisch scheint mir aber besonders, dass derselbe Mann dann noch wegen Aeusscrungen, die er in einer früheren Rede gethan hatte, unter Anklage gestellt wurde, und auch hierfür weitere 9 Monate Gefängnis erhielt. Unsere Polizei macht doch im Allgemeinen mit unliebsamen Ausländern nicht viel Umstände. Es ist mir unerfindlich, warum man den Dr. G. nicht sofort nach seiner ersten Rede verhaftete oder auswies und so am weiteren Delikten im Lande verhinderte, anstatt ihn erst, ohne ihm auch nur Mittheilung zu machen, dass man an einer ersten Rede Anstoss genommen habe, längere Zeit sich hier noch aufhalten zu lassen, bis er wiederum mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Bei der Verbindung gegen Dr. G. ereignete sich auch jenes denkwürdige Ereignis, dass der jetzige Erste Staatsanwalt Dr. Benedix, welcher zunächst etwa 2 Jahre Gefängnis beantragt hatte, auf die Vertheidigungsrede des Dr. G. hin, welcher ausführte, dass eine längere Gefängnissstrafe gegen ihn gar keinen Sinn habe, da die Gefängnissbeamten ungebildet und nicht in der Lage seien, ihn zu bessern, aufsprang, und nunmehr wegen dieser Rede eine Gefängnissstrafe von 8 Jahren verlangen zu müssen sich verpflichtet hielt. — In Kottbus hatte man im Juli 1895 3 Leute wegen Geheimbündelei angeklagt. Nach viermonatlicher Untersuchungshaft stellte sich als einziges Ergebniss der als Geheimbündelei bezeichneten intimen Beziehung heraus, daß die Drei befreundet waren, und in ihren Familien miteinander verkehrt hatten. Nur der Eine von ihnen gab zu, Anarchist zu sein, und es wurde in dieser Beziehung weiter nichts erwiesen, als dass er ein Heft der anarchistischen Bibliothek, welches hier in Berlin anstandslos und mit Wissen der Polizei vertrieben worden war, an einen Logisgenossen verkauft halte mit den Worten: „Das sei etwas zum Lesen”. Hieraus folgerte das Gericht „die Absicht, dass nicht nur der Käufer, sondern auch Andere die Schrift lesen sollten”. Das Gericht fand nun in der Brochüre an einigen Stellen Aufforderungen zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Die beiden anderen Angeklagten wurden freigesprochen, der anarchistische Verkäufer erhielt wegen Verbreitung einer derartigen Schrift 9 Monate Gefängnis. — Gegen einen ferneren Angeklagten. welcher unter seinen Genossen den Spitznamen „der gesetzliche Anarchist” erhalten hatte, weil er stets die Ansicht vertrat, er wolle beweisen, dass man Anarchist sein könne, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, führte der Staatsanwalt bei einer Anklage wegen Betheiligung an einem Pressvergehen als strafschärfend aus: der Angeklagte sei besonders gefährlich, weil er es bisher verstanden habe, sich so zu halten, dass er noch nie mit den Gesetzen in Konflikt gekommen. Den Drucker der anarchistischen Zeitung „Der Sozialist” klagte man wiederholt mit an, weil in der Zeitung ein Artikel strafbaren Inhalts erschienen war. Er wurde zunächst stets freigesprochen, schließlich aber doch auf Grund des gleichen Thatbestandes unter der Feststellung, dass er sich um die Redaktion und Expedition der fraglichen Nummer nicht gekümmert habe, zu 6 Monaten Gefängnis verurtheilt, natürlich mit Hülfe des bekannten Dolus eventualis [3]. Ein andermal erhielt der Redakteur des Sozialist für einen ohne jeden Zusatz erfolgten Abdruck des bekannten Gedichts von Heine „König Langohr” [4] wegen Majestätsbeleidigung 4 Monate Gefängnis. Alle diese Verurtheilungen und Beurtheilungen sogenannter anarchistischer Strafthaten sind nur wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen. Sie könnten noch um eine erhebliche Anzahl Beispiele bereichert werden.

Die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Rechtsprechung Anarchisten gegenüber hat erst der Prozess wider Koschemann und Genossen, welche der Absendung einer Sprengkiste an den Polizeiobersten Krause beschuldigt wurden, erregt, welcher vom 6.—15. April d. J. vor dem Schwurgericht am Landgericht I Berlin verhandelt wurde.

In der Nacht vom 29. zum 30 Juni 1895 kam in Berlin aus Fürstenwalde eine an den Obersten Krause, Alexanderplatz 2, adressirte Kiste an. Dieselbe wurde infolge heraustropfender Flüssigkeit verdächtig, und als sie unter Anwendung von Vorsichtsmaassregeln auf der Post geöffnet wurde, ergab sich als Inhalt des Packets eine sogenannte Höllenmaschine: ein Pulverbehälter mit Zündschnur, die mit einer Weckeruhr derart verbunden war, dass nach Ablauf einer bestimmten Zeit die Explosion erfolgen musste. Die Anklage beschuldigte die beiden Hauptangeklagten Koschemann und Westphal der gemeinsamen Thäterschaft. Sie sollten beide in der Wohnung Westphals die Kiste hergestellt und Koschemann sie dann selbst in Fürstenwalde zur Post gegeben haben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angegeben. Für die erstere Behauptung wurde gar kein Beweis angetreten, für die Thäterschaft wurde in der Hauptsache angeführt: Koschemann sei identisch mit der Person, die das Packet in Fürstenwalde aufgegeben hat. Es wurden ca. 20 Zeugen vernommen, welche die in Frage kommende Person am 29 Juni 1895 gesehen hatten. Auf fast sämtliche Zeugen hatte die Person den Eindruck einer verkleideten Frau gemacht. Von Koschemann, einem durchaus männlich gebauten, jungen Menschen von 23 Jahren mit bartlosem, vielleicht etwas mädchenhaftem Kopf, sagten nun einige Zeugen, er könne mit jener Person identisch sein, andere verneinten es mit Bestimmtheit. Ferner bekundete der Bibliotheksdiener Brede, gegen dessen objektive Glaubwürdigkeit erhebliche Bedenken geltend gemacht wurden: Koschemann habe ihm gegenüber viel Redensarten über den Obersten Krause gemacht, er habe ihm am zweiten Pfingsttag (3. Juni) 1895 gesagt, dass er sich in Wusterhausen eine Weckuhr gekauft habe. In der Kiste befand sich nun eine sogenannte Junghans-Weckuhr. Ein Uhrmacher in Wusterhausen hatte am zweiten oder dritten Pfingstfeiertag (nach der Eintragung in den Büchern aber wahrscheinlich am dritten) eine solche Weckuhr an einen ihm unbekannten Käufer, der den Namen Kurte angab, also einen Namen, der mit demselben Buchstaben anfange, wie Koschemann, verkauft. In Bezug auf die erste und wichtigste Frage, die Identität mit der in Fürstenwalde gesehenen Person trat Koschemann einen Alibi-Beweis an, dessen Beweiskraft aber von der Anklagebehörde bestritten wurde. Diese blieb auf Grund der mündlichen Verhandlung bei der Ansicht, dass Koschemann die Kiste zur Post gegeben habe, verlangte dagegen Verurtheilung des Westphal nur wegen Begünstigung, welche darin gefunden werden sollte, dass Westphal versucht habe, dem Koschemann den Alibi-Beweis zu sichern, in der Absicht, ihn der Bestrafung zu entziehen.

Die Geschworenen haben die Frage, ob Koschemann der Thäter ist, verneint. Sie haben also Koschemann nicht für die Person gehalten, welche die Kiste in Fürstenwalde zur Post gegeben hat. Die Geschworenen haben aber die Frage, ob er zur That Beihülfe geleistet habe, bejaht und haben ferner Westphal der Begünstigung schuldig erklärt. Jener wurde zu 10 Jahren und 1 Monat Zuchthaus, dieser zu 1 Jahr Gefängnis verurtheilt.

In welchen Thatumständen die Geschworenen eine Beihülfe gefunden haben, die Koschemann unbekannten Thätern geleistet haben soll, entzieht sich der öffentlichen Kenntniss. Wie nun aber die Geschworenen weiter dazu gekommen sind, trotz der Verneinung der Thäterschaft Koschemanns die Frage gegen Westphal auf Begünstigung zu beziehen, ist unerfindlich. Es sei denn, man nehme an, dass die Geschworenen der Ansicht waren: die Angeklagten sind Anarchisten, man kann sich von ihnen der That versehen, und darum werden sie verurtheilt.

Die Möglichkeit, dass die Geschworenen zu einem solchen Urtheil kommen konnten, muss man zugestehen, wenn man der ganzen langen Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt ist. Da durfte zunächst der Kriminalkommissar Bösel eine lange Geschichte über das angebliche Treiben der hiesigen Anarchisten in einem Lokal in der Petersburgerstrasse (wo die Angeklagten aber, wie Bösel selbst zugiebt, nie verkehrt haben) und in einem Lokal bei Späth, wo ein Diskutirklub nach polizeilicher Anmeldung seine Sitzungen abhielt und wo allerdings die Angeklagten auch ab und zu hingegangen sind, erzählen. Gerade an diesen Orten sollten nach Angaben des Herrn Bösel eifrige Anhänger der Propaganda der That verkehren, wie ihm seine — ungenannten — Gewährsmänner versichert haben. Es ist aber nun doch mehr als auffällig, dass noch nicht ein Mal gegen irgend einen Besucher dieser Diskutir-Versammlungen eine Anklage wegen strafbarer Aeusserungen erhoben worden ist. Entweder sind die Angaben der Gewährsmänner des Herrn Bösel falsch, oder man lasst dort bei Späth ruhig Strafthaten begehen, die anderswo, wie wir an oben aufgeführten Beispielen ersehen haben, mit schweren Strafen belegt worden sind. Aus diesem Gedankengang heraus wird es dann verständlich, wenn ein anderer im Prozess vernommener Zeuge die Diskutir-Versammlungen bei Späth als „Spitzelfalle” bezeichnete. — Ein anderes Mal bekundete der Zeuge Bösel in längerer Auseinandersetzung, wie die Polizei dazu gekommen sei, nach Jahr und Tag doch wieder den schon einmal fallen gelassenen Verdacht gegen die Angeklagten aufzunehmen [5], warum er sie für schuldig halte, und dass das Beweismaterial erdrückend sei. Hat man denn schon jemals früher in einem Prozess einen Polizeibeamten, welcher die Vorermittelungen angestellt hatte, als Gutachter auftreten lassen? Ein Zeuge ist zum Bekunden von Thatsachen da; eine gutachtliche Meinungsäusserung über die Frage, ob das Beweismaterial erdrückend ist, oder nicht, hat ein Gericht noch niemals extrahirt, weil dies die Frage ist, die von den Urtheilenden selbst zu beantworten ist. — Ein anderer Kriminalbeamter hielt den Geschworenen einen ausführlichen Vortrag über die Herkunft des in der Sprengkiste befindlichen Revolvers, um damit zu schliessen, dass es nicht gelungen sei, irgend einem der Angeschuldigten zu beweisen, dass sie überhaupt einen Revolver, am wenigsten den hier in der Kiste befindlich gewesenen jemals besessen haben. Bei einem der freigesprochenen Angeklagten hatte man die Abschrift eines Sprengstoff-Rezeptes gefunden. Flugs hält der sachverständige Chemiker den Geschworenen einen Vortrag über die Gefährlichkeit des Stoffes, welcher nach diesem Rezept angefertigt werden könne. Zum Schluss aber die (in diesem Prozess fast übliche) Bezeugung, dass das Rezept mit der an den Obersten Krause adressirten Sprengkiste und deren Inhalt nicht das Geringste zu thun habe. Dutzende von Zeugen werden vernommen, nur um darzuthun, dass irgend welche anderen Leute, die nicht auf der Anklagebank sitzen, auf die man aber vielleicht hatte Verdacht werfen können, nicht die zur Anklage gestellte That begangen haben. Ja, muss denn nicht schliesslich in den Geschworenen die Ansicht sich festsetzen: wenn alle Anderen es nicht gewesen sind, dann bleiben ja nur die Angeklagten übrig. Bisher war im Gerichtsaal Sitte, dass man nicht aufwies, wer es nicht gewesen sei, sondern nur sich für verpflichtet erachtete, zu erweisen, dass der Angeklagte die That begangen. Wehe den Angeklagten, wenn die Rechtsprechung diesen einzig zulässigen Weg verlässt.

Dass alle diese Umstände zusammen geeignet sind, auf Geschworene dahin zu wirken, dass sie die Angeklagten mit anderen Augen ansehen, als sie es Angeklagten gegenüber gethan haben worden, deren politische Ansicht ausser Betracht geblieben wäre, bedarf keines besonderen Beweises.

Der Unterzeichnete hörte einmal aus berufenem Munde in einer Anarchistensache den Ausspruch: „Was, solche Leute berufen sich auf das Gesetz!” Mit diesem Ausspruch ist die Stimmung bezeichnet, in welcher allein es möglich ist, von Anarchistensachen als von einer besonderen Kategorie von Strafprozessen zu sprechen. Erste Grundlage des Rechtsstaats sollte es doch wohl sein, dass alle Menschen, mögen sie selbst die Gesetze für noch so schlecht halten, mögen sie politische oder religiöse Ansichten haben, welche sie wollen, von ihren Richtern nur nach dem Gesetz beurtheilt werden. Er ist deshalb unzulässig, einen Angeklagten allein darum, weil er sich Anarchist nennt, für schuldig zu erachten.

Die zahlreichen Anarchisten-Prozesse, welche in den letzten 5 Jahren, und namentlich seit dem Scheitern der Umsturzvorlage [6], angestrengt wurden, haben das eine gemeinsame Ergebniss zutage befördert, dass es eine anarchistische Bewegung, welche den gewaltsamen Umsturz anstrebt, in Deutschland nicht giebt. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gefahr einer solchen Bewegung gänzlich ausgeschlossen sei. Diejenigen, welche den Wunsch hegen, es möge in Deutschland wirklich zur feststehenden Methode werden, anarchistischen Angeklagten gegenüber ein anderes Beweisverfahren und eine andere Rechtsprechung zu üben, als gegenüber Angeklagten anderer politischer Richtungen, mögen sich klar machen, dass dann allerdings einmal ein also Verurtheilter aufstehen und sagen könnte: Ihr habt mir gegenüber das Gesetz ausser Kraft gesetzt, ich halte mich infolgedessen auch meinerseits nicht mehr an ein solches gebunden.

Mit Ungerechtigkeit wird man Ungerechte nicht zu Gerechten machen.

Richard Bieber

Anmerkungen
*      Soziale Praxis. Centralblatt für Sozialpolitik (Berlin – Frankfurt/M). Jg. VI, No. 31, 29. April 1897, Spalte 745-751. – Unveränderter Nachdruck der Erstausgabe. Sperrungen im Original werden kursiv wiedergegeben, Anmerkungen der Herausgeber sind mit [JS] gekennzeichnet.

Richard Bieber (1858 – 1936), Dr. jur.; Schriftsteller, Rechtsanwalt und Notar. Verheiratet mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hanna Bieber-Böhm (1851 – 1910). Beide gehörten 1892 zu den Begründern der in Berlin ansässigen Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur und ihrer Zeitschrift Ethische Kultur, die bis 1936 bestanden. Bieber war lange Zeit in der Leitung der Gesellschaft und Herausgeber der Zeitschrift. In der Gesellschaft waren bekannte Linksliberale und Sozialisten wie Ferdinand Tönnies, Dora Lux (geb. Bieber), Heinrich Lux, Lily Braun und Friedrich Wilhelm Foerster aktiv. [JS]

[1]      Durch Zufall wurde dem Unterzeichneten gegen Ende des Jahres 1892 das erste Mal eine Vertheidigung in einer sogenannten Anarchistensache übertragen, und er hat seit dieser Zeit in der weitaus grössten Mehrzahl derartiger zur Verhandlung gekommener Sachen mitgewirkt. Es ist dies im Ganzen in 27 Anklagen der Fall gewesen. Für die herrschenden Vorurtheile muss als charakteristisch erwähnt werden, dass in der beim Landgericht Kottbus verhandelten Sache (s. u.) die Angeklagten sich an den Unterzeichneten wandten, weil es ihnen nicht möglich war, in Kottbus selbst einen Vertheidiger zu finden; dass der Unterzeichnete ferner sehr häufig gefragt wird, ob er etwa selbst Anarchist sei, offenbar weil in den Augen der Frager ein Anarchist ein Individuum ist, das an sich auf Gerechtigkeit keinen Anspruch hat, und das man gegen ungerechte Anklagen nur zu vertheidigen wagt, wenn man selbst dessen politische Anschauungen theilt.

[2]      Władysław (Ladislaus) Gumplowicz (1869 – 1942); Wirtschaftswissenschaftler, Geograph, Politiker; nach der Verhaftung Gustav Landauers 1893 kurzfristig Herausgeber des „Sozialist”; Übersetzer von Peter Kropotkin, Die historische Rolle des Staates, Berlin 1898; Verfasser von Nationalismus und Internationalismus im 19. Jahrhundert (Am Anfang des Jahrhunderts, 7. Heft), Berlin 1902; Kwestya polska a socyalizm, Warszawa 1908. [JS]

[3]      Dolus eventualis, Eventualvorsatz, Eventualdolus oder bedingter Vorsatz: wenn der Täter den Taterfolg als Folge seines Handelns ernsthaft für möglich hält und ihn zugleich billigend (im Rechtssinne) in Kauf nimmt und sich damit abfindet (wikipedia). [JS]

[4]      Heinrich Heine, König Langohr I. (http://www.heinrich-heine.net/langohr.htm) [JS]

[5]      Sofort am 30. Juni 1895 hat die politische Polizei gegen Koschemann und Westphal ein Ermittelungsverfahren begonnen. Die damaligen Ermittelungen hatten damit geendet, dass die Polizei das Alibi als bewiesen annahm. Nach etwa einem Jahr nahm man das Verfahren wieder auf. Da die Polizei es gleich nach der That nicht für nötig gehalten hatte, die Entlastungsbeweise in ausführlichen Protokollen festzulegen, verwickelten sich die Beschuldigten nunmehr nach Jahr und Tag in einzelnen Punkten in Widersprüche (und wer würde sich nicht in Widersprüche verwickeln, wenn er gezwungen würde, sich heute darüber auszusprechen, wo er am 29. Juni 1895, sowie an den Tagen vorher und nachher sich aufgehalten habe), welche danach das Hauptbelastungsmaterial der Anklage bildeten.

[6]      Gesetz, betreffend Änderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuchs, des Militärgesetzbuchs und des Gesetzes über die Presse – ein am 6. Dezember 1894 von der Regierung Hohenlohe dem deutschen Reichstag vorgelegter Gesetzentwurf, der sich in erster Linie gegen die Sozialdemokratie und deren (angeblich) gesellschaftsumstürzende Absichten richtete und einer verschärften Neuauflage des Sozialistengesetzes gleichkam, in seinen verwaschenen Formulierungen allerdings auch tiefgreifende Eingriffe in die Pressefreiheit und selbst in die Freiheit der Forschung und Lehre möglich gemacht hätte. Der Gesetzentwurf führt zu einer breiten Protestbewegung, an der sich neben der Arbeiterbewegung auch die liberalen Parteien, Stadtverwaltungen, Bauernverbände sowie bekannte Intellektuelle aus Kunst und Wissenschaft beteiligen. Die Umsturzvorlage scheiterte am 11. Mai 1895 in zweiter Lesung im Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokratie und den liberalen bürgerlichen Parteien. [JS]

[JS – bearbeitet von Jonnie Schlichting | barrikade]

kaiserzeit02_gross[26.12.2016]

Die Arbeitslosenversammlung – 18. Januar 1894

Vor 123 Jahren passierte in Berlin folgendes …

poor-houseWarten auf den Einlaß in eine Wärmehalle – das Bild stammt aus England -, ähnlich dürfte es am Alexanderplatz in Berlin ausgesehen haben (Poor house – Armenhaus)

Die Arbeitslosenversammlung

 Anfangs der neunziger Jahre legte sich eine schwere Depression über das wirtschaftliche Leben Deutschlands. Besonders die arbeitenden Schichten des Volkes litten darunter außerordentlich, und die Zahl der Arbeitslosen wuchs zusehends, um schließlich andauernd in einer Höhe zu bleiben, wie kaum je zuvor.

Die Sozialdemokratie ergriff die Gelegenheit zur Einberufung von Arbeitslosenversammlungen, die sich eines zahlreichen Besuchs erfreuten und in denen Männer wie Liebknecht die sozialdemokratischen Ziele als einzige Erlösung von dem Drucke und von der ewigen Existenzgefahr darlegten, unter denen das moderne Proletariat leide. Daneben wurde gewöhnlich in Resolutionen an Staat und Kommune die Forderung geeigneter Maßnahmen zur augenblicklichen Steuerung und Verminderung des großstädtischen Arbeitslosenelends gestellt.

Schon war es im Anschluß an derartige Arbeitslosenversammlungen zu aufsehenerregenden Demonstrationen auf offener Straße gekommen. Die Arbeitslosen hatten sich, wie es der Zufall gab, zu geschlossenen Zügen formiert. Aus den Vorstädten, wo diese Versammlungen gewöhnlich stattfanden, bewegten sie sich nach dem Stadtinnern, dem Rathaus und dem königlichen Schloß zu, mit jenem Instinkt, der jede revolutionäre Volksmenge zu dem Sitz der obersten Gewalten hinstreben heißt.

Da erwachte im Januar 1894 bei einer Anzahl Berliner Anarchisten die Idee einer großen Arbeitslosenversammlung, von einer Art, wie sie Berlin noch nicht gesehen.

Das Publikum der gewöhnlichen, sozialdemokratischen Arbeitslosenversammlungen bestand durchgehend aus jener verhältnismäßig gut situierten Schicht der industriellen Arbeiterschaft, die sich in den Gewerkschaften organisiert findet, augenblicklich Arbeitslose, die immerhin insofern noch Boden unter den Füßen haben, als ihnen die, wenn auch mitunter nicht allzunahe Hoffnung auf Arbeitsvermittlung durch den gewerkschaftlichen Arbeitsnachweis winkt.

Die erwähnte Anzahl Anarchisten jedoch, selbst Arbeitslose, faßten die Idee, einmal jene breite, stumme Masse aufzurütteln, die den sozialen Bodensatz der Großstand bildet. Gelegentlich der – schon erwähnten – Februarkrawalle von 1891 hatte das sozialdemokratische Zentralorgan, der „Vorwärts“, dieser untersten Schicht des Volkes, dem Lumpenproletariat gegenüber die arbeitslose Arbeiterschaft streng abgetrennt.

Nun sollte einmal der Versuch gemacht werden, dieses Lumpenproletariat zu versammeln, dem jeder Zusammenhalt fehlt und das so tief gesunken ist, daß ihm von irgend einer Interessengemeinschaft nichts bewußt ist.

„Unsere Anklage“ – so kündigte der Einberufer an – „wollen wir der heutigen Gesellschaft entgegenschleudern, bis unter der Wucht dieser Anklagen und der von allen Seiten auf sie eindringenden Not- und Verzweiflungsschreie diese morsche Gebäude der Unvernunft und der Willkür zusammenbricht.“

Zum 18. Januar wurde die Versammlung anberaumt, und zwar in einem der größten Berliner Versammlungssäle, dem der Brauerei Friedrichshain im Nordosten der Stadt; Inserate in der Arbeiterpresse wie Plakate an den Anschlagsäulen waren wie gewöhnlich auch hier Publikationsmittel.

Mehrere Tage vorher machten indessen bereits außergewöhnliche Anzeichen auf diese Versammlung aufmerksam. Da die Veranstalter derselben sich sagen müßten, daß jene Parias der Großstadt, die sie aufzurütteln gedachten, die Inserate der Arbeiterblätter so wenig lesen als die öffentlichen Plakate beachten würden, bedienten sie sich alsbald noch anderer Mittel und Wege, sie auf diese Versammlung hinzuweisen. So wurde das Lumpenproletariat direkt an jenen Orten aufgesucht, wo sein bedauernswertes Los es zusammendrängt. In den Volksküchen und Volkskaffeehäusern, in den Wärmehallen und in den Asylen tauchte die Versammlungsankündigung in Gestalt von Zetteln auf, die unbekannte Hände verteilten und die von Hand zu Hand weitergingen.

* * *

Unweit des Bahnhofs Alexanderplatz befindet sich, in einigen Stadtbahnbogen etabliert, die städtische Wärmehalle. Während der Wintermonate ist sie der einzige Zufluchtsort jener Tausende bejammernswürdiger Existenzen, die durch Arbeitslosigkeit zur Obdachlosigkeit gesunken sind. Nur ein Teil findet in den weiten Hallen Raum. Auf rohen Holzbänken dicht zusammengefercht, lassen sie die gastfrei gespendete Wärme den gebrechlichen, wenn nicht schon gebrochenen Körper durchströmen. Schweigsam oder leise flüsternd hocken sie beisammen, eine Anzahl „Booste“ oder „Kalfaktore“ beobachtet sie ständig und sorgt dafür, daß sie nach einer bestimmten Zeit die Plätze wieder verlassen. Denn auch hier sind sie nicht zu unbegrenzter Ruhe geduldet; neue Scharen warten schon des Einlasses.

Dicht zusammengedrängt harren diese draußen auf der Straße, von einem starken Polizeiaufgebot zu Reihen formiert und streng bewacht. Eng an den Straßenbahnviadukt ist die Menge gepreßt. Ein Zug donnert über ihre Köpfe hin – und plötzlich rauscht es und flattert herab: hunderte kleine Zettelchen, aus dem Coupéfenster geschleudert, breiten sich über den Menschenschwarm aus. Hunderte Hände recken sich empor, alles greift danach. Und ehe noch die resolut eindringende Schutzmannschaft die Versammlungsankündigung den Widerstandslosen aus den verklammten Händen gerissen, läuft die Sensation durch die Menge; eine Versammlung für uns! Und bei Nacht, im Asyl wie in jenen Schlupfwinkeln, wo berechnendes Geschäftigkeit selbst von den Pfennigen dieser Heruntergekommenen noch Profite zu machen weiß, überall raunt die Kunde von der Versammlung, wo über „Das Elend der Arbeitslosigkeit und seine Bekämpfung“ gesprochen werden soll.

* * *

Doch auch an anderer Stelle hat das bevorstehende Ereignis die Gemüter erregt.

Gegenüber der Wärmehalle ragt jener gewaltige Gebäudekomplex empor, in dem die Großstadtpolizei ihre Zentrale hat. Dort erscheint unter dem Eindruck dieser anarchistischen Propganda das Gespenst der Rebellion und befängt die Gemüter.

So ballt sich ein Gewitter zusammen.

In einem vornehmen Restaurant des Westens sitzen drei Männer an einem Tisch, deren halblaut geführte Unterhaltung sich um die bevorstehende Demonstration dreht.

Der Polizeikommissar Röwer in Begleitung des seinem Ressort angehörenden Kriminalschutzmannes Lachmund haben in Eile den Schlosser Brandt zu einem Rendevouz geladen. Er ist ein intimer Freund des Einberufers der in drohende Nähe gerückten Arbeitslosenversammlung. Wenige Wochen zuvor hat Lachmund gelegentlich einer gegen Brandt eingeleiteten Untersuchung versucht, diesen in Polizeidienst zu locken. Er hat dem Arbeitslosen, der mit Weib und Kindern bitter Not leidet, ein Goldstück über den Tisch hin zugeschoben. Im Verlauf des Verhörs hat der so Attackierte es wiederholt zurückgeschoben; schließlich siegt die Begier; er steckt es ein. Und er empfängt seine Weisungen. Nur beobachten und berichten darf er, nicht selbst handeln, provozieren. Letzteres sei früher wohl mal geübt worden, aber mit diesem System sei gebrochen.

Im Norden, „im 6. Wahlkreise“, vermutet die Polizei „Männer der Tat“. Ihre Namen werden genannt. An sie soll Brandt sich heranmachen. Gegen 50-70 M. Monatseinkommen. Gelingt es ihm, rechtzeitig zu ermitteln, daß ein Attentat geplant sei, oder vermag er irgendwo das Vorhandensein von Dynamit zu entdecken, so soll er spornstreichs per Droschke zur Behörde eilen: 1000 M. seien ihm sicher.

Der Vigilant aber hat seinen Freunden, eben diesen verdächtigen „Männern der Tat“, vor dem Handel Mitteilung gemacht. Er berichtet das, was er mit diesen vorher verabredet. So auch die geplante Arbeitslosendemonstration. Und er verschweigt nicht, daß er zu dem Druck der mysteriösen Handzettel, die an den Stätten des Elends massenhaft kursieren, einige Mark beigesteuert.

Angesichts dieser Tatsache ist bei dem Polizeikommissar, der die Affäre Brandt leitet, der Verdacht rege geworden, daß der Vigilant ein doppeltes Spiel treibe.

Nun tritt der Kommissar bei diesem Rendevouz dem zweifelhaften Vigilanten persönlich gegenüber.

„Sie treiben ein falsches Spiel mit uns! Sie geben von Ihrem Gelde, das sie von uns erhielten, zur Veranstaltung dieser Demonstration, damit es nachher heißt: sie sei mit Polizeigeld gemacht, eine Provokation!“

So fährt der aufgeregte Beamte den Anarchisten an.

Dieser verteidigt sich.

Die paar Mark seien Geld, das er von früher her im Besitz habe.

„Wie dürfen Sie sich überhaupt in solche Geschichten einlassen!“ herrscht ihn der Kommissar an. „Das ist direkt gegen unsere Anordnungen! Wollen Sie die Verantwortung übernehmen für das, was geschieht? Glauben Sie man nicht, daß die Sache so milde abgehen word, wie bei den Krawallen von 1892.“

Alle Möglichkeiten werden in der weiteren Unterredung erwogen. Ja, daß es gelegentlich der Versammlung Blutvergießen und Leichen geben könne. Schließlich droht der Kommissar dem Anarchisten, von dessen doppelter Rolle er sich allmählich überzeugt hat, mit sofortiger Verhaftung für den Fall, daß derselbe in der Versammlung das Wort zu nehmen wage.

* * *

Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Am Morgen des 18. Januar zeigt der Friedrichshain am Königstor ein ungewöhnliches Aussehen. Ueberall blitzt und leuchtet es von Helmspitzen. Der Weg vom Tor zum Versammlungslokal, links von den Vorgärten der Häuser, rechts vom Hain begrenzt, gleicht einer Spießrutengasse. Schutzleute zu Fuß und zu Pferde bilden eng Spalier.

Um 11 Uhr ist die Versammlung anberaumt. Doch schon vom frühen Morgen an kommen die Besucher in schwarzen Scharen herangezogen. Zwei Stunden vor Beginn ist der riesige Raum gedrängt voll.

Ein Polizeiaufgebot schließt den Saal und bewacht seine Ausgänge.

Tausend müssen vor der verschlossenen Türe umkehren. Schwarz und dicht steht die Menge am Königstor. Von wo aus die Polizei schließlich die ganze Straße zum Saal absperrt.

Inzwischen harren die Versammelten des Beginnes.

An dreitausend sitzen still und starr beieinander. Vor ihnen auf der Estrade, an einem kleinen Seitentisch der überwachende Polizeileutnant und sein Begleiter. Auch ihn mag der Anblick peinigen, denn das ist keine Versammlung wie so viele andere. An langen Tischen, auf denen die üblichen Biergläser völlig fehlen, hockt da, tausenfältig vervielfacht, jenes scheue Individiuum, das man sonst nur vereinzelt zu sehen gewohnt ist, bleich, von Hunger und Kälte zermergelt, in verschlossenem, zerlumptem Gewand. Von den Veranstaltern hat keiner in den Saal zu dringen vermocht. Er war überfüllt und gesperrt, ehe sie ihn erreicht. Ein halbes Dutzend ihrer Genossen stehen schweigsam am Eingang des Saales beisammen, befangen gegenüber dieser Menge, von der aus es wie ein einziger Schrei nach Brot und Sonne emporsteigt.

Mitten in der Menge sitzt ein Mann in guter, bürgerlicher Kleidung, den Zylinder auf dem Kopf. Aus dem ernsten Antlitz mit der hohen, gewölbten Stirn und dem festen, energischen Kinn leuchten ein Paar mildblaue Augen über die Menge hin: es ist Moritz von Egidy, der einstige Oberstleutnant. Von den dogmatischen Satzungen der Kirche innerlich befreit, hat er auch äußerlich den Bruch vollzogen. Und hat weiter seine militärische Stellung aufgegeben, an der er mit Liebe hing, wie selten einer; nicht um der Luft an Herrschaft und Blutvergießen willen, aber um der Freude willen, die dieser klaren kernigen Mannesnatur der Dienst mit seinen Anforderungen, Strapazen und seiner Entwicklung schlagfertiger Energie bedeutete.

So sitzt die Versammlung wohl zwei Stunden beisammen. Ruhig und peinlich schweigsam. Bis endlich einer der Anarchisten [35] die Estrade ersteigt, um nach kurzer Auseinandersetzung mit dem überwachenden Polizisten der Menge in wenigen Worten mitzuteilen, daß der Einberufer verhaftet ist und daß die Versammlung deshalb nicht tagen dürfe. Dann tritt er zurück. Und ohne einen Laut des Mißfallens, niedergeschlagen, wortlos erheben sich die Tausende, und langsam, Schritt für Schritt, ohne Drängen, verlassen sie den Saal über die breite Treppe, die zur Straße führt.

Dichter noch steht hier das Polizeispalier. Lautlos schiebt sich die Menge hindurch. So wogt es zum Känigstor. Eine geschlossene Kette von Polizisten ist hier aufgestellt. Sie hat wohl die Instruktion, die Menge zu verteilen. Diese aber weiß nichts davon, begreift es nicht. Die Vordersten werden aufgehalten, in eine bestimmte Richtung gewiesen. Allein wer vermöchte in dem Drängen der von hinten heranrückenden Masse der Weisung zu folgen. So schiebt es sich schwer über den Platz.

Plötzlich ist das Bild verändert.

Kommandorufe erschallen. In die Polizei kommt Bewegung. Mit ihren Pferden bricht sie in die Menge. Blanke Säbel blitzen in der Luft, Zivilbeamte mit Gummischläuchen werden bemerkbar, und im Nu bedeckt ein wildes Getümmel den Platz. Schläge und Geschrei. Die Menge, hilflos, ratlos, drängt sich nach allen Seiten, verfolgt und mit Waffengewalt zerstreut. Einige Minuten später spielen sich in den angrenzenden Straßen die letzten Szenen des Schauspiels ab. Vereinzelte, die sich vor dem Getümmel in die Häuser felüchtet, werden herausgeholt und von berittenen Schutzleuten verjagt.

* * *

Die Anarchisten aber, denen die Polizei die Inszenierung einer Revolte zugetraut, von deren Bewaffnung gemunkelt wurde, waren nicht in die Versammlung gelangt und saßen, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, in einem Lokal dicht am Schauplatz des Getümmels, von dem in jeder geschilderten Unterredung des Scheinvigilanten mit dem Polizeikommissar gedroht worden war, daß es mit Blut und Leichen enden werde.

War nun auch dieses letztere nicht eingetroffen, so veranlaßten die geschilderten Vorgänge doch sowohl die sozialdemokratische wie auch die freisinnige Presse zu einer scharfen Kritik des polizeilichen Vorgehens. Die Folge davon war ein umfangreicher Prozeß, der unter der Leitung des später im Irrenhause verstorbenen Landgerichtsdirektors Brausewetter tagte und in dem der Staatsanwalt Bendix die Bestrafung der Preßsünder durchsetzte, obgleich die Zeugenaussagen, vor allen die klaren, konkreten Aussagen M. von Egidys, die Ereignisse, wie sie sich ohne Verschulden der Einberufer wie der Arbeitsloen abgespielt, anschaulich darlegten.

Der Einberufer der Versammlung wurde gleichfalls unter Anklage gestellt. Ihm wurde vorgeworfen, mit seinem Aufruf zum Besuch der Versammlung gegen den § 130 (Aufreizung zu Gewalttätigkeiten) verstoßen zu haben. –

Berlin hat eine ähnliche Versammlung nie wieder gesehen. Ein von einigen Anarchisten wenige Tage später unternommener Versuch, eine Arbeitslosenversammlung zum 27. Januar (dem Geburtstag des deutschen Kaisers) im Saale des Feenpalast, eine Minute vom Königl. Schloß entfernt, abzuhalten, scheiterte an dem Bedenken des Saalbesitzers, der seinen schon zugesagten Saal noch vor Ankündigung der Versammlung verweigerte.

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2-G50-A6-1892 -------------------- D: -------------------- Polizeieinsatz gegen Arbeiter, 1892 Geschichte: Arbeiterbewegung. - Polizeieinsatz gegen demonstrierende arbeitslose Bauhandwerker auf der Strasse Unter den Linden in Berlin (Naehe Denk- mal Friedrichs II.) am 25.2.1892. - Zeitgen. Holzstich.

Polizeieinsatz gegen demonstrierende arbeitslose Bauhandwerker auf der Strasse Unter den Linden in Berlin in der Nähe des Denkmals für Friedrichs II. am 25.2.1892. (Zeitgenössischer Holzstich)

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In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 18. Januar 1894 – Abendausgabe lesen wir unter „Aus Berlin.“:

„lb. Eine für heute Vormittag auf 10 ½ Uhr durch den unabhängigen Sozialisten Metallarbeiter Rodrian nach der Brauerei Friedrichshain einberufenen Versammlung von Arbeitslosen konnte nicht stattfinden, weil, wie Metallarbeiter Litsin den Versammelten mittheilte, der Einberufer verhaftet und die polizeiliche Genehmigung deshalb nicht zur Stelle war. Der Andrang zu der Versammlung war sehr bedeutend. Schon um 10 Uhr wurde das etwa 2000 Personen fassende Lokal als gefüllt polizeilich geschlossen. Die zahlreich aufgebotene Schutzmannschaft – die 500 an diesem Tage dienstfreien Schutzleute waren einberufen – verhinderte schon an den Zugangsstraßen zum Friedrichshain, am Königsthor u.s.w. jede Ansammlung.“ (Seite 2 unten)

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Und die anarchistische Wochenzeitung Der Sozialist – Organ aller Revolutionäre. (Redakteure/Herausgaber u.a. Gustav Landauer und Albert Weidner) schreibt am Sonnabend, den 27. Januar 1894, Nr. 4 / 4. Jahrgang (verantwortlicher Redakteur: Oskar Adam, Berlin) u.a. folgendes:

„Schon zu früher Stunde sah man Schutzleute zu Fuß und zu Pferde truppweise nach einer dem Königsschlosse entgegengesetzten Richtung die Straße ziehen. Weiter dem Osten zu waren dem Auge kleine Gruppen von Arbeitern bemerkbar, die schweigend ihres Weges gingen, ebenfalls der Richtung nach dem Königsthor zu.

Das Verhalten der Polizei in der Morgenstunde von 9 bis 10 Uhr, also als die Gefahr einer Demonstration noch nicht vorlag, ist ganz und gar nicht zu erklären. Schon um diese Zeit wurde am Königsthor und in der Greifswalderstraße blank gezogen und Passanten belästigt. – Vor den Rinnsteinen der Straße standen Mann an Mann geheime Polizisten und Schufte von Achtgroschen-Jungen, die für diesen Tag ein Extraschnapsgeld bezogen haben mochten, Spalier. Unter die Arbeiter mischten sich verrätherische Schufte, agents provocateurs in künstlich zerlumpten Kleidern, und suchten bereits am frühen Morgen die Arbeitslosen zu provozieren und traktirten auf ein gegebenes Zeichen, oder auch selbständig, ohne mit ihren Provokationen Erfolg gehabt zu haben, die Arbeitslosen und andere unbetheiligte Passanten mit ihren Knüppeln, Gummischläuchen und Ochsenziemern. Ich sah, wie eine alte Frau, die über den Fahrdamm ging, von hinten mit einen Säbel angegriffen wurde und wie dann eine Bestie mit ihrer Waffe der Frau den Topf mit Milch aus der Hand schlug, daß Milch und Scherben auseinanderstoben und die Frau von der Wucht der Schläge hinstürzte. Einem Barbier, der ahnungslos in seiner Ladenthür stand, schlug ein Polizeiagent mit seinem Ochsenziemer mitten in’s Gesicht. Doch das Alles war Kinderspiel gegen die Metzeleien und rohen Gewaltthaten der darauf folgenden Stunden.

In der Versammlung, in der Dr. Gumplowicz über „das Elend der Arbeitslosigkeit und seine Bekämpfung“ referiren sollte, bestieg gegen 11 ¼ Uhr Genosse Litsin die Rednertribüne und theilte der Versammlung mit, daß der Einberufer, Metallarbeiter Rodrian, in dessen Besitz sich die polizeiliche Genehmigung der Versammlung befinde, plötzlich verhaftet worden sei und die Versammlung, da eine polizeiliche Anmeldung derselben einen anderen Genossen nicht zugegangen sei, daher nicht stattfinden könne, (in Wirklichkeit war der mit der Anmeldung erschienene Freund Rodrian’s nicht zur Versammlung zugelassen worden). Litsin mahnte zur Ruhe und warnte davor, sich von Unbekannten zu unbesonnenen Handlungen hinreißen zu lassen. Der Umstand, daß man Rodrian in frechster Weise belästigte, war allein schon provozirend, aber jedenfalls mußte es provozirend wirken, daß man angesichts der versammelten Menge, die gekommen war, sich über ihr Elend auszusprechen, den durch den Besitz der Versammlungsgenehmigung als Einberufer qualifizirten Arbeitslosen den Einlaß verweigerte. Nichtsdestoweniger war die versammelte Menge friedlich gestimmt, wie es den Deutschen mit ihrer Eselsgeduld geziemt.“ Danach zitiert das Blatt den Bericht des Vorwärts.

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Dem Gummischlauchprozeß am 5. Mai folgte am 8. Mai 1894 – der Massenpresseprozeß unter dem Rubrum «Adam und Genossen»

Im sogenannten Massen-Preßprozeß werden gegen neun Zeitungsredakteure mehrmonatige Gefängnisstrafen ausgesprochen. Die Angeklagten hatten behauptet, Krimalbeamte und Politische Polizei in Zivil hätten im Januar nach der Arbeitslosen-Kundgebung am 18. Januar 1894 Demonstranten mit Gummischläuchen geschlagen.

Den Vorsitz der zweiten Strafkammer des Landgerichts I hatte Landgerichtsdirektor Brausewetter, die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Dr. Benedix. Es sind ca. 40 Zeugen geladen, darunter Polizeihauptmann Feist, vier Polizeilieutenants, mehrere Schutzleute und Kriminalbeamte, Oberstlieutenant v. Egidy, mehrere Zeitungsberichterstatter u.s.w. [Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1894 – Nr. 211, Abendausgabe (S. 2)]

Vorab einige Bonmots aus dem Prozeß, entnommen ddem Prozeßbericht der Volks-Zeitung vom 9. April 1894 (Abendausgabe):

  • „Der Verteidiger will sich ferner vergewissern, daß es gerichtsnotorisch sei, daß über die Existenz von Polizeispitzeln eine Legendenbildung im Volke bestehe, die von den Sozialdemokraten weidlich ausgebeutet wird. – Präs.: Das kann ich sofort beantworten: Ich gehöre auch zum Volke und weiß von Lockspitzeln nichts. – Rechtsanwalt Mosse beantragt dann die Verlesung der Akten in dem Prozesse Christensen in Bern. Ein Berliner Gericht hat damals festgestellt, daß ein Polizeibeamter Ihring-Mahlow[1] als agent provocateur zu Dynamitverbrechen etc. aufgefordert habe. Das Posener Gericht ist in gleicher Angelegenheit anderer meinung gewesen. Daraus schon wird sich ergeben, daß eine Legendenbildung in Sachen Lockspitzeltums besteht. – Der Vorsitzende will von einem solchen Antrage nichts wissen. Der Staatsanwalt bittet, den Antrag abzulehnen. Hier handle es sich einfach um die Frage, ob das Polizeipräsidium den Beamten den Befehl erteilt hat, unter fingirtem Vorwande auf die Menge loszuschlagen, d.h. durch agents provocateurs Unruhen zu provoziren. Er habe durch den Kommissarius Boesel und den Hauptmann Feist das gegenteil strikte erwiesen. – Die beiden Letztgenannten bestätigen dies, namentlich erklärt Hauptmann Feist, daß er nur den Auftrag erhalten habe, unter allen Umständen für Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Er habe sich lange Zeit sehr ruhig verhalten und den Beamten der Befehl erteilt, sehr ruhig und zurückhaltend vorzugehen. Er sei aber dann doch gezwungen gewesen, energische Maßregeln zu ergreifen. Dadurch sei es möglich gewesen, in ganz kurzer Zeit den Platz wieder so herzurichten, wie er vorher war. – Rechtsanwalt Mosse: Der Angeklagte Grüttsien hat direkrt die Frage aufgeworfen, ob die Ihring-Mahlow’s noch existiren und das Polizeipräsidium hätte doch eine Aufklärung geben sollen. – Präs.: Wem denn? – Rechtsanwalt Mosse: Der Öffentlichkeit. – Präs.: Ach was, die Öffentlichkeit existirt nicht! – Rechtsanwalt Mosse: Gott sei Dank, daß sie doch existirt! – Präs.: Solche Dinge wie Lockspitzel, agents provocateurs etc. existiren doch nur in der Einbildung sehr konfuser Köpfe. – R.-A. Mosse: Dann müssten also die betr. Berliner Richter sehr unvernünftige Menschen gewesen sein. – Präs.: Wir sind hier auch ein Berliner Gericht! Wenn wir anderer Meinung sind, dann existirt jener Gerichtsspruch für uns nicht. Es ist doch ein reiner Unsinn, von Lockspitzeln und dergl. zu reden. Die Polizei braucht Leute, die ihr Nachrichten zubringen, zur Sicherheit des Publikums und zur Information! – Der Antrag des Verteidigers wird hierauf abgelehnt.“ Hintergrund ist, dass der Rechtsanwalt Mosse behauptet und beweisen will, „daß Lorenz den Brandt im Auftrage des Röber als Polizeispitzel für anarchistische Dinge angestellt hat, daß Brandt dafür 95 Mark erhalten und das Geld zum Druck der Einladungen zu jeneer Versammlung verwendet hat. Es ergebe sich daraus, daß die Kriminalpolizei durch Beschäftigung solcher unzuverlässiger Leute wider ihrem Willen anarchistischen Bestrebungen Verschub leiste.“ Der Staatsanwalt Dr. Bendix stellt darauf ebenfalls Beweisantrag, um das „direkte Gegenteil zu erweisen und diese Unterstellung als unrichtig hinzustellen.“
  • „Der Berichterstatter der ‚Deutschen Warte’, Journalist Joël, hat an Ort und Stelle gesehen, daß plötzlich aus den Häusern Männer herausschwirrten und mit Gummischläuchen auf die Menge losschlugen.“
  • „Auf Antrag des Staatsanwalts Dr. Benedix werden sodann Artikel des ‚Vorwärts’ und des ‚Sozialist’ vom Jahre 1892 über das Thema der damaligen Februar-Excesse verlesen. Der ‚Vorwärts’ hatte die Excedenten als Vertreter der ‚Ballonmützen’[2] und Wachtparade-Radaubrüder bezeichnet, und der ‚Sozialist’ hatte ihn darob arg abgekanzelt.“
  • „Bei der Frage der Erledigung des Antrages des Rechtsanwalts Mosse fällt von diesem wieder das Wort „Lockspitzel“, gegen welches sich der Vorsitzende wieder wendet. Er meint, das Wort „Lockspitzel“ sei in der besseren Gesellschaft den meisten unbekannt. Das sei nur gebräuchlich in der anarchistischen und sozialistischen Presse. – Rechtsanwalt Mosse überreicht ein Zeitungsblatt, in welchem das ganz gebräuchliche Wort auch vorkomme. – Präs.: Das ist wohl auch ein anarchistisches Blatt. – Rechtsanwalt Mosse: O nein, es ist die ‚Norddeutsche Allegemeine Zeitung’![3] (Heiterkeit) – Der Präsident rügt es weiter, daß es jetzt Mode werde, immer 24 Stunden vor Beginn einer Verhandlung mit ellenlangen Beweisanträgen zu kommen. – R.-A. Mosse verweist darauf, daß es ihm trotz vieler Mühen nicht geglückt sei, Einsicht in die Akten zu erhalten und daß hier die Anklage gegen so viele Personen auf einmal erhoben wird, gegen die auch getrennt hätte verhandelt werden können. – Staatsanwalt Dr. Bendix: Das geht den Verteidiger garnichts an, wie die Anklage erhoben wird.“

Das Urteil vom 9. Mai 1894 (auszugsweise aus der Berliner Volks-Zeitung vom 10. April 1894, Morgenblatt):

„Die Versammlung war von einem als Anarchisten bekannter Mann einberufen und zwar auf Grund einer sehr aufreizenden gedruckten Einladung. Zum Schutze des Publikums und zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der Ruhe war ein kleines Aufgebot von Polizeioffizieren und Schutzleuten angerückt. Die Polizeibeamten haben zuerst von den Waffen nicht Gebrauch gemacht, unter der Menschenmenge, die mit der Polizei in Konflikt kam, befanden sich viele jugendliche Leute, die in Berlin hauptsächlich die Radaubrüder bilden. Diese vielen Personen im Zaume zu halten, war, wenn man sich der Februarereignisse des Jahres 1892 erinnert, ein wichtiges und schweiriges Werk, dessen Misslingen äußerst gefährlich werden konnte. Die Polizeibeamten haben nach Ansicht des Gerichts ihre volle Pflicht und Schuldigkeit getan, wenn sie die Bildung von Ansammlungen zu verhindern suchten und event. Die Menschenmassen zwangen, auseinanderzugehen. Demgemäß hat die Polizei operirt. Der Polizei-Hauptmann Feist hat unter seinem Eide bekundet, daß er wohl hundert Mal zum Auseinandergehen aufgefordert hat und daß erst, als der Polizei aktiver und passiver Widerstand geleistet wurde, zu energischen Maßregeln gegriffen werden musste. Der Polizeisergeant Arndt hat eidlich bekundet, daß seinen Mannschaften ein ganzer Haufe entgegengekommen war und er deshalb blank ziehen musste. Der Polizeihauptmann Feist hat auch ausdrücklich bekundet, daß die Mannschaften zur größten Zurückhaltung instruirt waren. Erst dann, als die Aufforderungen vergeblich waren, wurde das Kommando zum Blankziehen gegeben. Der Widerstand der Bevölkerung musste gebrochen werden. Unter diesen Umständen lag für die Presse kein Anlass vor zu gehässigen Angriffen gegen die Polizei. Was hätte wohl daraus werden sollen, wenn die Auftritte vom Jahre 1892 sich wiederholt hätten? Auch der Vorwurf, daß einzelne Personen, die sich in die Häuser geflüchtet hatten, von den Beamten wieder herausgeholt wurden, ist nicht berechtigt. Die Polizei musste diese Leute holen, damit dieselben nicht hinter dem Rücken der Polizei sich wieder zusammentaten und Trupps bildeten. Der Gerichtshof erachtet auch für erwiesen, daß einige Personen, welche zufällig in die Menge geraten waren, unter den polizeilichen Maßnahmen haben leiden müssen und daß sogar Frauen in arger Weise in Bedrängnis gerieten. Aber dergleichen kommt bei dergleichen Tumulten immer vor und kann der Polizei nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Hauptschuldigen und Anstifter wissen sich immer zu decken, die Verführten und zufällig hinein Geratenen müssen leiden. Jeder hat das Recht, darüber zu berichten und kann auch in Erwägung ziehen, ob es praktisch ist, Beamte in Zivil mit Gummischläuchen auszustatten, aber dies muss in einer Form geschehen, die in den zulässigen Grenzen bleibt und nicht beleidigt.“ [Originalschreibweise nicht verändert]

Zu den Verurteilten gehört auch Dr. Gustav Keßler (Volkszeitung), später Mitbegründer der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften: „Auch aus den Artikel des Angeklagten Keßler springt die Absicht der Beleidigung in die Augen. Er hätte sich bei der Übernahme dieses Artikels aus dem ‚Vorwärts’ sagen müssen, daß derselbe auf Wahrheit nicht beruhen kann. Mit Rücksicht auf seine Vorstrafen ist der Angeklagte zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden.“. Der anarchistische Genosse Oskar Adam (Sozialist) ist flüchtig. Schmidt hat 5 Monate Gefängnis bekommen (‚Vorwärts’), „wegen dreier beleidigender Artikel“.

Die Angeklagten Redakteure waren: 1. Oscar Adam (‚Sozialist’), 2. Max Zachau (‚Vorwärts’), 3. Gustav Keßler (‚Volksblatt’), 4. Franz Wißberger (‚Berliner Zeitung’), 5. Siegmund Perl und 6. Ernst Grüttesien (beide ‚Berliner Tagebblatt’), 7. Friedrich Harnisch (‚Die Lichtstrahlen’), 8. Wilhelm Schütte (‚Allg. Fahrzeitung’), 9. Schmidt (‚Vorwärts’).
[Quelle: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1894 – Nr. 211, Abendausgabe (S. 2)]

Wann und ob der Genosse Oskar Adam gefasst oder nach Deutschland zurückgekehrt ist und ob er abgeurteilt wurde, haben wir bisher nicht ausfindig machen können.

(Abtipperei: FM)

Fußnoten:

[1]  Ihring-Mahlow, agent provocateur der Berliner Politischen Polizei, der sich als Schutzmann Ihring als „Techniker Mahlow“ in die Berliner Sozialdemokratie eingeschlichen hatte. Er schwelgte in Majestätsbeleidigungen, vertrieb anarchistische Schriften und wirkte für die „Propaganda der Tat“.

[2]  Ballonmütze, auch Schiebermütze, abfällig für Arbeitermütze und die von Berliner Kleinganoven

[3]  ‚Norddeutsche Allgemeine Zeitung’, das Sprachrohr und Magenblatt des Eisernen Kanzlers, Otto Fürst von Bismarck, Reichskanzler …

Kleiner Nachtrag:
• Kurze Zeit später verfiel der Gerichtspräsident Brausewetter dem Wahnsinn unheilbar anheim; ebenso endete der Staatsanwalt Benedix in einer Irrenanstalt in Breslau.

...Karikatur eines „Anarchisten“ in der schweizer Satire-Zeitschrift Nebelspalter 1895
– Zeichnung von Fritz Broscovitz (mit freundlicher Genehmigung des ‚Nebelspalter‘)

Netter Nachtrag:

„In Zukunft werden wir den Arbeitern raten müssen,
sich mit Revolvern zu bewaffnen, sie haben doch nicht nötig,
sich von der Polizei überfallen zu lassen.“

Berliner Volks-Zeitung, 24. Januar 1894 – Beiblatt –
Notstandsdebatte – Hier Disput zwischen Karl Heinrich von Boetticher
(Stellvertreter des Reichskanzlers) und dem rechten SPD-Abgeordneten Paul Singer

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Zur Infiltration der anarchistischen und sozialdemokratischen Bewegungen siehe die beiden Beiträge von Albert Weidner in Aus den TiefenDie unsichtbaren Fäden der Polizei und Eine mißglückte Spitzelwerbung (hier wird der Polizeikommissar Boesel enttarnt, siehe Foto).

spohr-landauer-weidner-1898Drei Männer mit Bärten bei der Aufdeckung der Spitzelaffäre Machner um den Polizeikommissar Boesel in Berlin:
Landauer übersandte Boesel das Foto mit der handschriftlichen Widmung: „Herrn Kriminalkommissarius Boesel zur freundlichen Erinnerung an den schönen Abend in der Gewerbe-Ausstellung, 1. Oktober 1896, Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Albert Weidner“ (von links).

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A l b e r t   W e i d n e r

alfred-weidneralbert-weidner-unterschriftAlbert Wilhelm Weidner (24.2.1871-1.2.1946), in Berlin geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater fiel im Deutsch-Französischen Krieg 1871. Er erlernte den Beruf eines Schriftsetzers, arbeitete aber auch als Buchdrucker.

Politisch bekannte sich Albert Weidner seit ca. 1891 zu den Unabhängigen Sozialisten. Er strebte aber bald zum Anarchismus und geriet seit 1895/96 deshalb unter strenge Polizeikontrolle. Er wurde Vorsitzender der Freien anarchistisch-sozialistischen Vereinigung und übernahm um 1896 die Redaktion der Zeitung der Unabhängigen, Der Sozialist. Aus dieser Zeitung wurde dann das ‚Organ für Anarchisrnus und Sozialismus‘, das er zusammen mit Gustav Landauer und Wilhelm Spohr leitete. Ab 1896 war er gleichzeitig verantwortlich für das anarchistische Agitations- und Arbeiterblatt Der arme Konrad.

1899 erschien die letzte Ausgabe des Sozialist; Weidner musste die Herausgabe einstellen – 2.000 Mark Schulden beim Drucker und nur noch 4-500 Abonnenten waren der Grund.

Als Mitglieder des Friedrichshagener Dichterkreis (dies war eine lose Vereinigung von Schriftstellern, die seit 1888/89 zunächst in den Häusern von Wilhelm Bölsche und Bruno Wille in Friedrichshagen am Müggelsee – heute im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick – zusammenkamen) sind als bekannte Anarchisten John Henry Mackay und Gustav Landauer, Wilhelm Spohr, Max Baginski, Hermann Teistler sowie Bernhard und Paul Kampffmeyer, der sozialistische Politiker Georg Ledebour, eben auch Albert Weidner zu nennen. Angesichts dieser Breite unterschiedlicher Milieus und ihrer politischen und literarischen Wortführer der gesellschaftlichen Opposition, charakterisierte Bruno Wille, sie als „literarisches Zigeunertum und sozialistische wie anarchistische Ideen, keckes Streben nach vorurteilsloser eigenfreier Lebensweise, Kameradschaft zwischen Kopfarbeitern und begabten Handarbeitern, aber auch geistvollen Vertretern des Reichtums“. (1)

Weidner schreibt nebenher im Jahre 1898 auch in der rechten SPD-Theorie-Zeitschrift Sozialistische Montshefte Artikel über den Anarchismus, so wie Spohr und Landauer und andere linksradikale intellektuelle Genossen ebenfalls.

Seit dem 4. Mai 1902 gab Weidner die Zeitung Der arme Teufel heraus. Für ein Jahr arbeitete auch Erich Mühsam als Redakteur für das Blatt. Den Satz machte Weidner in seiner Wohnung selbst. Um den Drucker vor Polizeimaßnahmen zu schützen meldete er eine Druckerei an. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten erschien der Arme Teufel unregelmäßig und wurde 1905 eingestellt.

Erich Mühsam erinnert sich an die Zeit: „Ich kam nach Friedrichshagen als Mitbegründer, Mitarbeiter und verantwortlicher Redakteur der Wochenschrift Der arme Teufel, als dessen Herausgeber Albert Weidner zeichnete. Weidner war von Hause aus Setzer, die Zeitschrift wurde dadurch materialisiert daß er sich auf Abzahlung den erforderlichen Schriftsatz kaufte; seine Artikel flössen stets ohne Manuskript aus dem Kopf in den Setzkasten, währenddem ich dabeisaß und mir bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarre das aktuell-satirische Gedicht abquälte, das unter dem Pseudonym »Nolo« jede Nummer beleben mußte, oder technische Redaktionsarbeiten erledigte.“ (2)

Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung erscheint dann 1905 in den Berliner Großstadt-Dokumenten. Zu dieser Zeit ist er – seit 1904 – auch Redakteur des Organs Der freie Arbeiter in Berlin. Diese Wochenzeitung der Föderation kommunistischer Anarchisten (FKAD) ist die Fortsetzung der Konkurrenzgründung Neues Leben, deretwegen seinerzeit angeblich der landauersche Sozialist einging (es waren finanzielle Gründe!). Mit Weidners Übernahme der Redaktion – er hat sich die Namensänderung wohl als Forderung ausbedungen gehabt – erscheinen auch vermehrt literarische Artikel und Übersetzungen in der Wochenzeitung. Er bleibt trotz heftiger Querelen wegen seines Stiles, der den radikaleren Elemente als zu gemäßigt daherkam, und die im Jahre 1904 bereits sein Ausscheiden erwarteten, und dieser Mißachtung und schlechten Behandlung durch einen Teil der Genossen bis zur Mainummer 1906 als verantwortlicher Redakteur im Amt. Allein zwischen der Nr. 1 (1904) und der Nr. 31 (1914) wurden 86 Verbote gegen das Blatt erlassen. Ab der Nr. 31 (1. August 1914) wurde die Zeitschrift polizeilich verboten sowie Geldzuweisungen und Briefe von der Post gesperrt.

Bisher ist nichts mehr auffindbar zu dem Hinweis bei Volker Linse, dass Albert Weidner im Jahre 1907 eine neue eigene Zeitung namens Die Unabhängigen editiert haben soll.

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Weidner ging auf Reisen nach Süddeutschland und Holland, wo er für den Anarchismus agitierte. In den folgenden Jahren wandte er sich immer mehr vom Anarchismus ab. Er legte seine Tätigkeit als Redakteur nieder und wurde sogar 1913 aus der „Anarchistenliste“ der Berliner Polizei gestrichen. Nebenbei hatte Weidner bereits bei der vom liberalen Hellmuth von Gerlach herausgegebenen Wochenzeitung Welt am Montag : Unabhängige Zeitung für Politik und Kultur mitgearbeitet, an der auch Erich Mühsam regelmässiger Mitarbeiter war. Beide wurden dafür in der anarchistischen Bewegung kritisiert, weil sie dort für Geld arbeiteten.

Ob Albert Weidner als Soldat in den 1. Weltkrieg eingezogen wurde, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Sein Engagement bei der WaM umschrieb er 1920 so: „Vielmehr wollte sie eine Lücke im Berliner Zeitungswesen ausfüllen: es fehlte an einem Blatte, das über Partei- und sonstige Gruppeninteressen stand, das infolgedessen, vorurteilslos und rücksichtslos der Wahrheit dienend, Schäden und Schädlinge geißeln konnte, wo immer sie sich zeigten.“ (3)

1930 schreibt er noch in Ossietzkys Weltbühne einen Nachruf auf Gustav Landauer.

Die Familie Weidner, die aus zehn Personen bestand, war auf Grund ihrer elenden finanziellen Verhältnisse gezwungen bis zum Jahr 1913 zehnmal umzuziehen.

Anfang Februar 1932 beantwortete er noch Fragen von Max Nettlau zur Geschichte des Sozialist. Darin schreibt er u.a.: Nachdem Landauer und Spohr im August 1895 aus dem Gefängnis entlassen waren, betrieb „Landauer jetzt besonders die Propaganda der Arbeiter-Konsum-Genossenschaft als Waffe proletarischer Selbsthilfe. (…) Im Sozialist begann nun eine gründliche Debatte über die sozialistischen Theorien. Sie dehnte sich im Raum des Blattes schließlich so stark aus, dass im Kreise der Genossen sich Widerstand dagegen regte, das das Blatt durch Überlastung mit theoretischen Abhandlungen dem Propagandazwecke zu stark zu entziehen. Die Verärgerung bei einer Anzahl Gruppen wurde zu einem noch schlimmeren inneren Kampf. Schließlich konnten die drei Herausgeber des Sozialist sich nicht der Einsicht verschliessen, dass jene Kritik nicht ganz unzutreffend war. Deshalb entschlossen sie sich, neben dem Sozialist noch ein kleineres, ganz populäres, mehr aktuelles Wochenblatt zu schaffen, so erschien im August 1896 neben dem Sozialist neu Der arme Konrad, herausgegeb, redigiert und zum Teil gesetzt von Weidner.“ (4)

Als fest angestellter Redakteur arbeitete Weidner bis zum 6. März 1933 bei der Welt am Montag, mit dieser 10. Ausgabe des 39. Jahrgangs wurde das Erscheinen durch die Nationalsozialisten verboten. Es ist der Tag nach dem überwältigenden Wahlsieg der NSDAP bei den „letzten freien Reichstagswahlen vom 5. März 1933“ …

Aber, – „Albert Weidner blieb seiner Gesinnung treu, für die ‚Hakenkreuzblätter‘ schrieb er keine Zeile mehr. Von 1935 bis 1945 lebte er zurückgezogen von der Tätigkeit als Lektor des Ullstein-Verlages, später Deutschen Verlages, für Unterhaltungsromane.“ (5)

Hierbei wird leider nicht erwähnt, dass nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 das Familieunternehmen Ullstein 1934 „arisiert“ wurde. Der Verlag wurde 1937 in Deutscher Verlag umbenannt und dem Zentralverlag der NSDAP (Franz Eher Nachfolger GmbH) angegliedert. Die politisch-inhaltliche Ausrichtung – auch der Unterhaltungsromane, die Weidner lektorierte! – wurde durch die Übernahme im Sinne des NS-Regimes verändert. Wie Weidner das ertragen oder mitmachen konnte, ist zumindest fragwürdig.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Weidner 1925 ein zweites mal und siedelte nach Charlottenburg über. Hier wurde er 1943 ausgebombt und kehrte nach Friedrichshagen zurück.

Nach Kriegsende erhielt er 1945 vom Friedrichshagener Kultur- und Volksbildungsamt den Auftrag, die Volksbücherei ‚vom Nazigift zu reinigen‘. Im September trat er der SPD bei, veröffentlichte Artikel in dem Parteiorgan Das Volk und hielt Vorträge in der Volkshochschule Friedrichshagen.“ (6)

Von Mai 1945 bis November 1946 wohnte er bei Verwandten in der Bruno-Wille-Str. 75, wo er auch im 75. Lebensjahr am 1. Februar 1946 an einem Hungerödem verstarb. (7)

Albert Weidner lebte also in östlichen Ostberlin in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Die Gründung der DDR 1949 erlebte er nicht mehr, ebenso erspart geblieben ist ihm die Vereinigung von SPD und KPD am 21./22. April 1946 zur SED und damit zur Staatspartei des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates“ auf deutschem Boden.

Albert Weidner ist eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Figur im kaiserlich-wilhelminischen Anarchismus Berlins. Seine vielfältigen Fähigkeiten als Setzer, Redakteur und Autor spiegeln seine pazifistisch-liberales verständnis eines friedfertigen Anarchismus wider, den es in Literaten- und Bohéme-Kreisen seiner Zeit mannigfaltig gab, diese intellektuell-idealistische Sichtweise – geprägt durch Landauers geradezu gottesfürchtigem Sozialismus-Anarchismus-Begriff – führte zu den Konflikten in und mit der mehrheitlich klassenkämpferisch eingestellten anarchistischen Arbeiterbewegung Berlins.

Weidners Beschreibungen der Verhältnisse zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 sind so tiefschürfend interessant und amüsant zugleich, dass wir uns entschlossen haben, sein ‚Hauptwerk‘ nachzudrucken. Es ist schon deshalb erhellend, weil er versucht, einem mehrheitlich bildungsbürgerlichen Publikum – die Großstadt-Dokumente erreichten recht hohe Auflagen – eine Sicht auf den Anarchismus zu verschaffen, der selbst heute noch bürgerlichen Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, ob ihrer verdrehten Gewaltphantasien.

Folkert Mohrhof

 

(1) Bruno Wille – Aus Traum und Kampf. Mein 60jähriges Leben. (Berlin 1920, S. 507)
(2) Erich Mühsam – Namen und Menschen. Unpolitische Erinnerungen, Leipzig 1949 (erschienen zuerst 1927-1929 in der Vossischen Zeitung)
(3) Albert Weidner: „25 Jahre Welt am Montag“, in: Welt am Montag, 26. Jg., 13.12.1920
4) Brief von Albert Weidner an Max Nettlau vom 2. Februar 1932 (Quelle: IISG)
5) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. Von Friedrichshagen nach Woltersdorf. Briefe an Albert Weidner 1903-1939 (Berlin 1998)
6) Nachwort von Albert Burkhardt (S. 64) des Friedrichshagener Hefte Nr. 17 – Fidus. (1998)
7) Albert Weidner ist in Berlin auf dem Friedhof Christophorus-Friedhof, Feld B beerdigt und hat dort einen Ehrenplatz auf der Gedächtnisstätte gefunden. (http://www.berlin.friedparks.de/such/gedenkstaette.php?gdst_id=1201)

Nazi-Politik in Spanien 1936-39

Die Faschisten marschieren auf Madrid 20.7.1936Der Kampf beginnt … die spanischen Faschisten starten ihren Militärputsch … Norddeutsche Nachrichten, Ausgabe Altonaer Nachrichten vom 20. Juli 1936 … Gleichzeitig startet das „Olympische Feuer“ in Griechenland zu den Olympischen Spielen in Berlin im August 1936 …

barricadas-sucesos-mayo.png              Barrikaden in Barcelona im Mai 1937 …
… und die Abrechnung der Ausgaben für die Legion Condor 1936-1938

Ausgaben Drittes Reich Spanien 1936-38 Seite 765.jpg

Vortrag Doris 27. April 2016

Hiermit veröffentlichen wir den überarbeiteten Vortrag zur Buchvorstellung von Doris Ensinger, den sie am 27. April 2015 in der AGiJ gehalten hat.

WER TYRANNEI SÄT, WIRD GEWALT ERNTEN

Die Vorstellung meines Buches „Quer denken – gerade leben. Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo“ findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe 80 Jahre Soziale Revolution in Spanien statt. Im ersten Teil meines Beitrags – den ich mit WER TYRANNEI SÄT, WIRD GEWALT ERNTEN betitele – möchte ich über die 80 Jahre sprechen, die dem Spanischen Bürgerkrieg und der sozialen Revolution vorausgegangen sind. Zum einen spielen sie in einem Kapitel des Buches eine kleine Rolle, worauf ich am Ende eingehen werde, zum anderen müssen die Geschehnisse in den vorangegangenen Jahrzehnten berücksichtigt werden, um verstehen zu können, warum sich die Anarchisten, die ihrem Selbstverständnis nach Antimilitaristen und Antibellizisten sind, mit Gewalt gegen die Faschisten wehrten.

Doris Ensinger VORTRAG (download)

 

Doris Ensinger im ‚Schattenblick‘

Spanien36-Flyer-klein_Seite_1Vorder- und Rückseite des 6er-Faltblattes der ASG Hamburg-Altona
und des verlag | barrikadeSpanien36-Flyer-klein_Seite_2Download Spanien36-Flyer-klein
DSC_2459Foto von unserer Veranstaltung am 27. April 2016 mit Doris Ensinger
in Rahmen unserer Veranstaltungen zum
80. Jahrestag der Spanischen Revolution
abr16-ed160430-pag060pdf-1461961840586Am 30. April erschien dann ein kleines Interview in der Tageszeitung El Periodico in Barcelona: «No soy una mujer heroica, pero defiendo mis ideas»
http://www.elperiodico.com/es/noticias/sociedad/doris-ensinger-soy-una-mujer-heroica-pero-defiendo-mis-ideas-5098002
dsc05996Doris Ensinger bei ihrer Buchvorstellung am 1.11.2015
in Nürnberg auf der 20. Linken Buchmesse

Interview vom 1. November 2015 – veröffentlicht am 9.1.2016 im ‚Schattenblick‚:
http://www.schattenblick.de/infopool/d-brille/report/dbri0040.html

Revolutionsromantik

SPD-1«Die Autonomie», London, Nr. 164 – 12. Dezember 1891 – VI. Jahrgang, S. 4

 

Revolutionsromantik

______________________________

Wer sich daran erinnert, daß sozialdemokratische Wortführer im Anfang der neunziger Jahre mehrfach die soziale Revolution, d.h. das, was man gemeinhin als den „großen Kladderadatsch“ bezeichnet, für das Jahr 1898 ankündigten, wird es begreiflich finden, daß zu jener Zeit in den Tiefen der großstädtischen Arbeiterbewegung die Zuversicht der bevorstehenden Umwälzung eine allgemeine war. Eine Reihe an Umfang und Wirkung zunehmender wirtschaftlicher Krisen hatten das wirtschaftliche Leben in Deutschland stark erschüttert, und es schien, als solle die marxistische Krisentheorie durch die Tatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung ihre baldige Bestätigung erleben und die Realisierung der sozialistischen Ideale damit in nächster Nähe gerückt sein.

In der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wurde um diese Zeit mit aller Kraft die politische Organisation des Proletariats zu vervollkommnen gesucht, damit im entscheidenden Moment, wenn die Gewalt einer wirtschaftlichen Krise das bisherige soziale System umstürze, die politische Macht der Arbeiterklasse einer reaktionären Konterrevolution siegreich standzuhalten vermöge.

In den anarchistischen Arbeiterkreisen machte sich ein mehr praktisch-revolutionärer Zug geltend. Derselbe äußerte sich aber keineswegs in Taten, sondern blieb – entsprechend dem zu pedantischer Tüftelei neigenden Charakter der deutschen Arbeiter – auf die theoretische Diskussion revolutionärer Möglichkeiten beschränkt. Wie weit das ging, mag die Erwähnung einer Auseinandersetzung beweisen, der ich einmal beiwohnte und in der um das Schicksal der öffentlichen Kunstschätze und Bibliotheken für den Fall einer Revolution heiß gestritten wurde; es gab zwei Meinungen: die einen hielten das Schicksal dieser Kulturgüter bei aller Anerkennung ihres Wertes doch für so unwichtig, als daß man sich darüber etwa während eines Straßenkampfes den Kopf zerbrechen dürfe, – die anderen aber erklärten den Schutz und die Erhaltung derselben für eine der ersten Aufgaben fortgeschrittener Revolutionäre und priesen die Bewachung der Museen und Bibliotheken gegen etwaige Plünderungen durch Unwissende als nicht minder rühmlich wie den Kampf auf der Barrikade.

Es liegt in Hinsicht auf derartige Debatten nahe, anzunehmen, daß in diesen Kreisen positiv auf den Ausbruch einer Revolution hingearbeitet worden wäre. Jedoch war das keineswegs der Fall. Nichts lag ihnen ferner als der Gedanke etwa an eine Verschwörung oder der Inszenierung eines Putsches und Michael Bakunin, dessen Anschauungen von Staat und Gesellschaft der Ideengang dieser Männer zu folgen versuchte, hätte solchen Anhängern wohl gelangweilt und verdrossen den Rücken gewandt.

Einzig der felsenfeste Glaube, daß eine Krise im Laufe des gesellschaftlichen Entwicklungsganges die soziale Revolution automatisch auslösen müsse, und daß dieses Ereignis unmittelbar bevorstehe, führte zu einer revolutionären Stimmung, die besonders prägnant da zum Ausdruck kam, wo es, sei es in Volksversammlungen oder am Biertisch, Streitigkeiten mit Sozialdemokraten gab, deren sozialreformatorische Bestrebungen als revolutionshemmend und –hinausschiebend angesehen wurden.

Johann Most, der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, der zufolge seiner radikalen Tendenz Deutschland zur Zeit des Sozialistengesetzes verlassen mußte, und seitdem, zuerst in London, dann in Neuyork, die kommunistisch-anarchistische Wochenschrift „Freiheit“ herausgab und noch herausgibt, hat ein – schon erwähntes – Büchlein herausgegeben, betitelt: „Revolutionäre Kriegskunst“. Es stellt gewissermaßen eine Strategie des Straßenkampfes, wie auch der indivivuellen, revolutionären Tat, des Attentats, dar. Die Herstellung von Nitroglyzerin, der Bau von Barrikaden und ähnliches sind darin anschaulich geschildert.

Ich fühle mich außerstande, den praktischen Wert dieser Schrift zu beurteilen. Ich weiß jedoch, daß die Polizei ihr eine große Bedeutung beimaß, sehr eifrig danach fahndete und daß sie einem Polizeikommissar – wie wir noch sehen werden – als ein begehrenswerter Besitz erschien. Andererseits weiß ich aber ebensowohl, daß in den Kreisen derer, für die das Buch geschrieben ist, es nie eine andere Schätzung erfahren hat, als die, daß es allgemein für eine Rarität galt, nach dessen Lektüre manch einer sich mit demselben erwartungsvollen Schauer sehnte wie ein stupides Dienstmädchen nach der Fortsetzung ihres Schundromans. Es ist zu bezweifeln, ob es je und irgendwo zur Ausbildung auch nur eines einzigen entschlossenen Revolutionskämpfers beigetragen hat.

Zur selben Zeit, da in Paris der Anarchist Vaillant seine unschädliche Demonstrationsbombe in die französische Deputiertenkammer warf, und, um seinen Tod unter der Guillotine zu rächen und zur Vernichtung der Bourgeoisie anzuspornen, sein Genosse Emile Henry die Explosion im Pariser Café Terminus bewirkte, um diese Tat alsdann vor Gericht sachlich und mit geradezu philosophischer Kaltblütigkeit eingehend zu begründen, – in diesen Tagen, da die Anarchistenverfolgung auch in Deutschland eine äußerst rigorose war, dachte gleichwohl unter den Anarchisten niemand daran, solche Taten nachzuahmen. Die in diese Zeit fallenden, weiter vorn schon einmal erwähnten Schüsse des Berliner Anarchisten Schewe auf einen Kriminalpolizisten stellen lediglich einen spontanen Zornesausbruch über eine unaufhörliche und schließlich unerträgliche Observation dar.

Ein akademisch gebildeten Feuerkopf slawischer Abstammung, der einmal unter Berliner Anarchisten Pläne entwickelte, die auf die Propaganda anarchistischer Ideen im Heere abzielten, begegnete allgemeiner Skepsis, der sich teilweise sogar direktes Mißtrauen zugesellte.

Ein proletarischer Feuerkopf, der sich hoch und teuer verschwor, dem damals noch lebenden Reichsanwalt Tessendorf seine Rigorosität in den Hochverratsprozessen gegen Sozialdemokraten und Anarchisten einzutränken und an ihm ein abschreckendes Beispiel zu demonstrieren, ward weder ausgelacht oder gemieden. Mit Büchners „Kraft und Stoff“ in der einen, und einem Revolver in der anderen Tasche, erzählte er davon jedem, der es hören wollte, und behauptete verdrossen, seinen Plan nur deshalb nicht ausführen zu können, weil ihm kein Mensch den Taler zum Fahrgeld nach Leipzig pumpe, dem Wohnsitz des Verhaßten.

… Fortsetzung folgt …

––––––––––

… im Buch. Auszug aus dem im März/April 2016 erscheinenden Neuauflage
Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung
von Alfred Weidner aus dem Jahre 1904.

Dieser Nachdruck wird ergänzt durch Prozeßberichte zum Koschemann-Prozeß
sowie eine Kurzbiografie über Albert Weidner.

Insgesamt ca. 180 Seiten Umfang – Preis 10 €uro

Die Adolf Jäger-Story im «neuen deutschland»

Heute, am 13. November 2015, erschien ein weiterer Artikel zum Adolf Jäger-Buch aus unserem Verlag,
diesmal im «neues deutschland»:

https://www.neues-deutschland.de/artikel/991043.vom-schustersohn-zum-fussballstar.html

Hier der Artikel als download: AdolfJäger_ND13.11.2015

jagerDas Buch kann weiterhin gegen 6,80 EUR (inkl. Porto) bei uns bezogen werden. Bedankt!

Neuerscheinung: Der Libertäre Atlantik von Tim Wätzold

Seit dem 1. September 2015 neu im Sortiment – unser erster Band der ‚Wissenschaftlichen Reihe‘

TB AtlantikDer Libertäre Atlantik

von Dr. Tim Wätzold

Der Libertäre Atlantik behandelt die Entstehung der Arbeiterbewegungen Südamerikas im Zusammenhang mit der europäische Massenmigration anhand der Untersuchungsländer Argentinien, Uruguay und Brasilien im Zeitraum 1870 bis 1920. Der Schwerpunkt liegt in der Analyse der soziokulturellen Transformationsprozesse im transnationalen historischen Vergleich. Durch Untersuchung der Entwicklung anhand von Institutionen, Diskursen sowie performativen, politischen als auch kulturellen Praktiken werden die transkulturellen Aspekte der kollektiven Identität als internationale Arbeiterbewegung behandelt. Diese vergleichbaren Praktiken im atlantischen Raum waren Teil der Subjektivierung des Internationalen Proletariats. Neben der Gründung von Gewerkschaften und Vereinen werden die damit verbundenen kulturellen Einrichtungen wie Schulen, Theater und Bibliotheken sowie die Alltags- und Freizeitgestaltung untersucht. Berücksichtigt werden die Entwicklung der Migration, Industrialisierung und Urbanisierung in den südamerikanischen Einwanderungsländern, die den Kontext bildeten für die Entstehung und Interaktion der Arbeiterbewegungen im libertären Atlantik.

ISBN  978-3-921404-04-1               • 360 Seiten – Preis: 24,80 EUR                      • Gewicht: 643 g

Libertärer Atlantik Umschlag

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Unsere Heimat ist die ganze Welt
2. Grundlagen und Kontext der atlantischen Massenmigration
2.1 Soziale und politische Entwicklung in Europa und der Welt
2.2 Europäische Massenmigration mit Destination Südamerika
2.3 Urbanisierung
2.4 Lebensbedingungen in Südamerika
2.4.1 Landwirtschaft in Brasilien
2.4.2 Landwirtschaft in Argentinien und Uruguay
2.5 Mythos Fazer America
2.6 Urbane Lebensbedingungen
2.7 Kontext der Industrialisierung
3. Praktiken der Subjektivierung:
3.1 Sozioökonomische Organisation
3.1.1 Argentinien
3.1.2 Uruguay
3.1.3 Brasilien
3.2 Zäsur: Der Erste Weltkrieg und die Eskalation des sozialen Konflikts
3.2.1 Der Generalstreik in São Paulo im Juli 1917
3.2.2 Der Fokus der Streiks, Rio de Janeiro 1918
3.3 Interaktion mit sozialen Bewegungen
3.4 Die Infrastruktur der Subkultur
3.4.1 Soziale Zentren
3.4.2 Libertäre Schulen
3.4.3 Weiterführende Bildung, das Projekt der Volksuniversität
3.5 Theater als Subjektivierungspraxis
3.6 Feiertage, Rituale, öffentliche Performance und Freizeitgestaltung
3.6.1 Der 1. Mai als Feiertag und Ritual der internationalen Arbeiterbewegung
3.7 Musik als Symbol in der Subjektivierungspraxis
3.8 Das Arbeiter Picknick als kosmopolitische Subjektivierungspraxis
4. Die urbane Bewegung und der Kontakt zu den Arbeitern auf dem Land
5. Libertäre Literatur als Beitrag zur Subjektivierung
6. Die Kommunikationsbasis des libertären Atlantiks
7. Der Libertäre Atlantik Schlussfolgerungen
8. Literatur- und Quellenverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Literatur
8.3 Periodika
8.4 Internet
8.5.Sonstige und Onlinearchive
Danksagung

Über den Autor

Dr. Tim Wätzold, Promotion in Iberischer und Lateinamerikanischer Geschichte (2007-2010) Universität zu Köln, Post-Dok Stipendiat des Graduierten Kollegs Migration der Kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt (2011-2014) mit dem Forschungsprojekt: Die Entstehung der Arbeiterbewegungen Südamerikas und die europäische Massenimmigration. Transnationale Zusammenhänge und Konstruktion kollektiver Identitäten. Post-Dok Stipendiat der brasilianischen Bundesuniversität UFMG (2014 -) mit dem Forschungsprojekt: The „columbian exchange“ the other way around. The impact of the dutch trading companies on the globalization of food and beverages in the 17 th century. Autor verschiedener Artikel, Beiträge und Bücher zur globalen Sozial- und Kulturgeschichte.

Ein Gespräch mit einem neuseeländischem Syndikalisten: Percy B. Short

Ein Gespräch mit einem neuseeländischem Syndikalisten: Percy B. Short (1914)

Percy_Short

Vorbemerkung des Bearbeiters.

I. Die Quelle

Das Interview mit dem neuseeländischen Mitglied der Industrial Workers of the World (IWW) Percy B. Short (1) wurde Anfang 1914 geführt. Entdeckt hat den Text Jared Johnson in den »Max Nettlau Papers« (2) im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG) in Amsterdam (3). Es handelt sich um ein Typoskript, von dem nur die Seiten 2 und 3 erhalten sind, und das wie eine Presse-Korrespondenz o. ä. wirkt (4). Der Text wurde auf der Internet-Seite ‚Red Ruffians‘. Fragments of Aotearoa’s Anarchist and Syndicalist Past erstmals veröffentlicht. Dort ist er sowohl auf deutsch (in seiner ursprünglichen Fassung) wie auch in englischer Übersetzung nachzulesen (5).

II. Interviewer Nettlau?

Als Interviewer wird von den ‚Red Ruffians‘ der anarchistische Historiker Max Nettlau genannt. Dies wird in dem Nachdruck des Interviews im Newsletter des Labour History Project (6) und in einem Artikel in der Zeitschrift der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), Gai Dào, (Nr. 24, Dezember 2012) übernommen (7). Aber stimmt das?

Schon bei der ersten Lektüre auf der Internetseite der ‚Red Ruffians‘ irritierten mich vor allem die grammatischen und sprachlichen Schnitzer des deutschen Textes. Und die Partien, in denen Short direkt zu Worte kommt, wirken wie eine wörtliche Übersetzung aus dem Englischen, ohne Rücksicht auf die deutsche Grammatik – ein Eindruck, der sich durch den Vergleich mit der englische Übersetzung verstärkt. Völlig unverständlich sind schließlich die eingestreuten niederländischen Worte (z.B. »Einborlinge« für »Eingeborene«; »von den Blanken verdrungen« für »von den Weißen verdrängt«) – wenn man davon ausgeht, daß der Verfasser des Textes Max Nettlau ist, ein Deutsch-Österreicher. Der vorliegende Text ist jedoch offenbar von jemandem verfaßt worden, der das Deutsche zwar beherrscht, dessen Muttersprache allerdings Niederländisch (oder Flämisch) ist. Nettlau als deutscher Muttersprachler scheidet damit definitiv aus.

Der Text scheint, wie erwähnt, in einer Presse-Korrespondenz oder ähnlichem erschienen zu sein. Doch in welcher? Am wahrscheinlichsten erscheint mir, daß das Interview aus einer Ausgabe des Bulletin international du mouvement syndicaliste stammt, welches der niederländische Syndikalist Christiaan Cornelissen vom 8. September 1907 bis zum 22. März 1914 wöchentlich in französischer, deutscher, englischer und niederländischer Sprache in Paris herausgegeben hat (8). Hier würde alles passen: ein Niederländer, der neben Französisch auch Deutsch und Englisch spricht (9) und ein mehrsprachiges internationales revolutionär-syndikalistisches Bulletin herausgibt.

Der Internationale Syndikalistische Kongreß 1913 in London (10) richtete ein Informationsbüro in Amsterdam ein, unter dessem Dach Cornelissen das Bulletin weiter herausgab (11). Die erste Nummer erschien am 5. April, die letzte, Nr. 17, am 26. Juli 1914, wenige Tage vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs (12). Das Interview ist wohl – wenn meine Annahme stimmt – in einer der ersten Nummern des Jahrgangs 1914 erschienen, die gleichzeitig eine der letzten Nummern ist, die Cornelissen in Eigenregie herausgab.

Aber wer führte das Interview? Da der Ort nicht angegeben ist, ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Falls Percy B. Short auch in Frankreich war, so könnte Cornelissen der Interviewer sein. Ich habe bisher allerdings keine Informationen gefunden, die das bestätigen könnten. Alternativ dazu – und das ist wahrscheinlicher, da in dem Text nur erwähnt wird, daß »Short nach England reiste« – könnte das Interview von Frida Tscherkessowa-Rupertus (13) in London geführt worden sein, der Schwester von Cornelissens Lebensgefährtin Lilian ‚Lilly‘ Rupertus, die aktiv bei der Distribution des Bulletin in Großbritannien mithalf (14).

III. Datierung

In der Vorbemerkung der Red Ruffians wird das Interview auf »around 1914« datiert. Vor dem Interview befindet sich in der Vorlage eine Notiz zum Bündnis dreier britischer Gewerkschaften, der Mining Federation of Great Britain, der National Union of Railwaymen und der National Transport Workers‘ Federation, die sogenannte Triple Alliance, die Anfang 1914 gegründet wurde. Die im Interview erwähnte Zeitung der australischen IWW, Direct Action, erschien seit Januar 1914. Damit ist auch die Datierung des Interviews auf Januar, spätestens aber Februar 1914 möglich. In der Zeitschrift Gai Dào wird das Interview unverständlicherweise in das Jahr 1915 verlegt (15).

VI.

Sämtliche Anmerkungen und Ergänzungen in [eckigen] Klammern stammen vom Bearbeiter. Eingriffe in den Text sind in den Anmerkungen nachgewiesen.

Jonnie Schlichting, 2. Juni 2015

* * *

DA_Kopf_(Sidney)_No_5_(15-05-1914)

Wir hatten das Vergnügen, mit einem Genossen von den Antipoden (16) zu sprechen, der nach Europa gekommen ist, um die syndikalistische Bewegung der verschiedenen Länder kennenzulernen.

Vor einigen Wochen erhielten die Industrial Workers of the World der Sektion Auckland ein Schreiben vom Herausgeber eines offiziellen syndikalistischen Organes in Europa, um Auskunft über die letzten grossen Streiks in Neuseeland [zu bekommen] (17).

Unser Genosse Percy B. Short wurde mit einem anderen Genossen beauftragt, die Antwort zu redigieren; da aber Short nach England reiste, wurde er ersucht, persönlich die Antwort und alle ferneren Auskünfte [zu] überbringen, um seinerseits auch über die europäische Bewegung Erkundigungen einzuziehen.

Da Short auch einige Zeit Mitglied der Sektion der I.W.W. in Sydney war und also die ganze revolutionär-syndikalistische Bewegung [in Neuseeland und Australien] kennt, waren wir sehr erfreut, über beide Bewegungen mit ihm sprechen zu können. Unsere Unterhaltung war desto interessanter, weil unser Genosse von Geburt ein Māori ist (18), ein Sohn der Eingeborenen (19) Neuseelands, des Volkes, das immer mehr von den Weißen verdrängt (20) wird, sich aber mit unglaublicher Energie und Ausdauer aufrecht erhält.

Um unsere Leser einigermaßen zu orientieren, bemerken wir an erster Stelle, daß in Sydney (Neu Süd-Wales) ein revolutionär-syndikalistisches Organ besteht, Direct Action (21), während in Auckland der Industrial Unionist erscheint. Ferner wird in Wellington, Neuseeland, der Māoriland Worker (22) herausgegeben. Die Redakteure dieses Blattes sind die Genossen Harry Holland (23) und J.B. Allen (24), der letztere ein revolutionärer Syndikalist, der in England jahrelang tätig war.

Die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung in Australien und Neuseeland ist ganz nach dem Muster und mit den Statuten der Industrial Workers of the World der Vereinigten Staaten organisiert(25), und unsere Antipoden verdanken denselben auch einen beträchtlichen Teil ihrer Propagandaliteratur(26). Durch das Prinzip des Industrial Unionism, d.h. der Föderation nach Industrien, unterscheidet die syndikalistische Bewegung in Australasien sich ebenso wie in Nord-Amerika vom organisatorischem Standpunkt aus von den alten Berufsvereinen.

Wir haben uns zuallererst mit Genossen Short unterhalten über die allgemeinen Zukunftsperspektiven (27) der revolutionär-syndikalistischen Propaganda, und mit einer wahren Überraschung hörten wir dabei, daß ganz besonders unter den Māoris diese Propaganda durch die Vergangenheit der Bevölkerung mit ihrem Urkommunismus begünstigt wird.

Unter den Māoris scheint ein Arbeiter, der als Streikbrecher seinen Kameraden das Brot aus dem Munde nimmt, so gut wie ein unbekanntes Wesen zu sein, dessen Existenz (28) schon durch das alte Solidaritätsgefühl in den Volkssitten ausgeschlossen ist (29).

Lang sprachen wir weiter über die anti-militaristische Propaganda, welche in den letzten Jahren seit der Einführung des Militärdienstes in Neuseeland (30) angefangen hat. Verschiedene junge Burschen, zum Gefängnis verurteilt, traten in (31) den Hungerstreik, gerade wie es jetzt auch die Suffragets (32) in England machen. Die anti-militaristische Bewegung (33) ist immer noch lebendig (34).

Schliesslich war es die Gewerkschaftsbewegung, und zwar das Verhalten zu den konservativen Verbänden, das uns am Meisten interessierte:

– Sind die konservativen Gewerkschaften, so fragten wir, diejenigen eben, die unter dem (35) Gesetz auf den verpflichteten Schiedsspruch (36) organisiert sind, im Fortschritt begriffen, oder büßen sie vielmehr an Einfluss ein?

– Augenblicklich, antwortete Short uns, sind von den 80.000 Arbeitern, die in Neuseeland leben, 65.000 unter dem Arbitration Act organisiert, während 15.000 unter dem Trade Unions Act (37) organisiert sind (38); letztere regeln ihre Streitigkeiten mit den Unternehmern direkt.

– Und wie geht es mit den Streiks in ihrem Lande, dem ‘Arbeiterparadies’, dem ‘Lande ohne Streiks und Aussperrungen’, wie unsere Sozialreformer in Europa es so gerne nennen?

– Die Streiks nehmen immer mehr zu, an Anzahl und an Intensität.

– Und das Streik-Gesetz (39), wodurch dieselben verboten sind?

– Dem Zwangsschlichtungsgesetz in Neuseeland ist der Schädel zerschmettert worden (40) (Arbitration is killed in New Zealand).

Und Short setzte uns auseinander, wie die Landesregierung es macht, um die wahre Lage zu verbergen.

– Sie werden sich wohl, es ist schon einige Jahre her (41), [an] den grossen Streik der Bergarbeiter in Blackball erinnern (42). Die Regierung ist dabei soweit gegangen, den Hausrat der zu Geldbußen verurteilten Streikenden (43) verkaufen zu lassen; Niemand wagte es aber, davon zu kaufen. Schliesslich bezahlte die Regierung nun selbst die Geldbußen, unter Vorgeben, dieselben seien von den verurteilten Bergarbeitern selbst bezahlt [worden], eine Lüge, wogegen Letztere laut ihren Protest erhoben (44).

Noch vor wenigen Wochen, wie sie sich gewiss erinnern, haben wir noch einen Generalstreik in Neuseeland gehabt, der sich auf alle Städte und auf fast alle Berufe (45) ausdehnte (46).

Short setzte uns weiter auseinander, wie in Australien, wo die Gesetzgebung weniger streng ist, und wo dem Versuch zur Versöhnung der Schiedsrechtsspruch vorausgeht, der Zustand nicht so gespannt ist und der revolutionäre Syndikalismus auch dort große Fortschritte macht.

Gerne hätten wir das Gespräch noch fortgesetzt, aber wie wir schon sagten, war Genosse Short nicht allein gekommen, um Auskunft zu geben, sondern auch um Auskunft zu holen, und da seine Zeit bemessen ist, haben wir versprechen müssen, das Gespräch wohl wieder aufzunehmen, aber um diesmal über die europäische Bewegung zu sprechen.

MW_1914_01_07_Titel

Anmerkungen

1 Zu Short siehe Derby 2012a.

2 (Nr. 3424) New Zealand. 1906 and n.d.

3 Das Original ist dort mittlerweile auch online einseh- und herunterladbar.

4 In dem Konvolut befinden sich drei weitere undatierte Dokumente: ein Flugblatt der New Zealand Society for Social Ethics; ein mehrfach durchgestrichener ‚Schmierzettel‘ (den ich weitgehend nicht entziffern kann); eine englischsprachige Tabelle (möglicherweise ein Korrekturabzug) zu Bevölkerung und Einkommensverteilung eines Landes, das jedenfalls nicht Neuseeland ist: denn dort wird eine Bevölkerungszahl von 43 Millionen angegeben, während Neuseeland selbst im Jahre 2013 nur 4,47 Millionen Einwohner hatte (vgl. Wirtschaftsdatenblatt des Auswärtigen Amtes für Neuseeland [abgerufen am 25. Mai 2015]).

5 A Conversation with a Syndicalist from New Zealand. Max Nettlau talks to Percy Short. Die Übersetzung ins Englische stammt von Urs Signer.

6 »A comrade from the antipodes«; in: LHP Newsletter 55, August 2012, S. 8 – 9.

7 Pete 2012.

8 Lehning [1986]; Thorpe 1989, S. 31f.; Wedman, 1993, S. 8; Wedman 2001, S. 476. – Es erschienen insgesamt 336 Ausgaben.

9 Wedman 2001, S. 476.

10 Westergard-Thorpe 1978; Westergard-Thorpe 1981; Thorpe 1989, S. 66 – 86.

11 Thorpe 1989, S. 78.

12 Westergard-Thorpe 1978, S. 76. – Am 1. Januar 1915 erschien noch eine Ausgabe, die lediglich die Einstellung des Bulletins aufgrund des Krieges mitteilte.

13 Sie war seit 1899 mit dem georgischen Anarchisten Waarlam Tscherkessow verheiratet, einem engen Freund Kropotkins, mit dem sie in London lebte.

14 Thorpe 1989, S. 69.

15 Pete 2012, S. 26 – Die launige Beschreibung des angeblichen Treffens zwischen Short und Nettlau – »In einem verrauchten Zimmer einer Londoner Seitenstraße treffen 1915 zwei Männer aufeinander, die weiter voneinander entfernt nicht leben könnten.« – ist zwar eine hübsche Geschichte, aber allein schon deshalb unmöglich, weil Nettlau zu diesem Zeitpunkt, dem zweiten Jahr des ‚Großen Krieges‘, als Staatsbürger der Donaumonarchie und damit ‚feindlicher Ausländer‘ (und Anarchist!) nicht mehr in London frei herumgelaufen wäre, geschweige denn dorthin hätte einreisen können. Er hätte das Schicksal Rudolf Rockers und anderer Emigranten aus den Ländern der Kriegsgegner des United Kingdom geteilt – die Internierung (siehe Rocker 1974, S. 261 – 275).

16 Veraltete Bezeichnung für Australien und Neuseeland.

17 Im März 1912 streikten 1.000 Bergarbeiter der Goldmine in Waihī. Die Regierung setzte im Oktober Polizei ein, die über 60 Streikende verhaftete und den Einsatz einer großen Zahl von Streikbrechern ermöglichte. Am 12. November griff ein Mob von mehreren hundert Streikbrechern und Polizisten das Gewerkschaftsgebäude an. Bei dessen Verteidigung wurde der Kollege Fred Evans totgeprügelt. Anschließend marodierte der Mob durch die Stadt und vertrieb die Streikenden und ihre Familien aus Waihī (Holland u. a. 1913; Mouat 1992; Derby 2012b; McCulloch 2012; Atkinson 2014).

Etwa 16.000 Hafen- und Bergarbeiter in Wellington, Auckland und Christchurch streikten im November 1913. Auch hier kam es zu militanten Auseinandersetzungen mit Streikbrechern, die von der Regierung herangebracht, bewaffnet und zu ‚Hilfspolizisten‘ ernannt wurden. Zusätzlich sandte man zwei Kriegsschiffe in die bestreikten Häfen. Nach sechs Wochen wurde der Streik durch die Verhaftung der Streikführer gebrochen (Nolan 2005; Doolin 2013; Clayworth 2014).

18 »Es ist nicht bekannt, ob Short tatsächlich von Geburt ein Māori war oder nicht (seine Familie glaubte es nicht), und einige seiner Behauptungen betreffend die Unterstützung des Syndikalismus und von Streiks durch die Māori können Übertreibungen von Nettlau [der das Interview nicht geführt hat; J.S.] oder Short sein. Nichtsdestoweniger ist es immer noch ein wichtiges Beispiel für syndikalistischen Transnationalismus und eine interessante Betrachtung von Ereignissen.« (aus der Vorbemerkung der Red Ruffians). Allerdings schrieb und übersetzte Short für das Neuseeländische IWW-Organ Texte in Māori (siehe E nga kaimahi o te Ao katoa, Whakakotahitia [Arbeiter der Welt, vereinigt euch] auf der Internet-Seite des Aotearoa Workers Solidarity Movement (http://awsm.noblogs.org/2013/07/e-nga-kaimahi-o-te-ao-katoa-whakakotahitia/).

19 in der Vorlage: ‚Einborlinge‘.

20 in der Vorlage: ‚… von den Blanken verdrungen‘. – In der englischen Übersetzung lautet diese Passage: » … the people who is more and more pushed to the side … «.

21 Direct Action. Organ of the Industrial Workers of the World. Erschien seit Januar 1914 vierzehntägig in Sidney; 78 Ausgaben von 135 der Jahrgänge 1914 – 1917 sind auf der australischen Internet-Seite Reason in Revolt online.

22 Der Māoriland Worker wurde 1910 als Monatsschrift von der Shearers’ Union (Schafscherer-Gewerkschaft) in Christchurch gegründet. Nach der Vereinigung der Shearers’ Union mit der Miners‘ Federation im gleichen Jahr erschien er als Organ der Red’ Federation of Labour. Er ist fast komplett (640 Ausgaben, vom 15 September 1910 – 30. Januar 1924) online.

23 Eigentlich Henry Edmund Holland; siehe O’Farrell [1996]; O’Farrell 2014.

24 Olssen 1976.

25 IWW 1912; Hanlon [1913]; Steiner 2006.

26 Burgman 2007; Industrial Unionism 2007; Derby 2009; Clayworth 2010.

27 in der Vorlage: ‚Voraussichten‘.

28 in der Vorlage: ‚Bestehen‘.

29 Dieser Aussage wird im LHP Newsletter vehement (und wohl zurecht) widersprochen: während des Waihī-Streiks befanden sich unter den Streikbrechern viele Māoris; sie zeigten vor dem 1. Weltkrieg auch wenig Neigung, sich der revolutionär-syndikalistischen Bewegung anzuschließen (LHP Newsletter 55, August 2012, S. 9).

30 Der Defence Act führte 1909 die allgemeine Wehrpflicht in Neuseeland ein.

31 in der Vorlage: ‚begangen‘.

32 Suffragetten: gemeint ist die außerordentlich militante Bewegung für das Frauenwahlrecht in Großbritannien und den USA, die fast ausschließlich von (meist bürgerlichen) Frauen getragen wurde.

33 Weitzel 1973; Bodman 2010; Davidson 2014.

34 in der Vorlage: ‚… dauert noch stets weiter‘. Die englische Übersetzung ist verständlicher: »The anti-militarist movement is still alive.«

35 in der Vorlage: ‚unters‘.

36 Der Industrial Conciliation and Arbitration Act (Gesetz zur Versöhnung und Schlichtung in der Industrie) wurde 1894 vom neuseeländischen Parlament verabschiedet. Im Gegenzug zur Anerkennung der Gewerkschaften sah es eine obligatorische Schlichtung vor. Die Mehrheit der Gewerkschaften, vor allem kleinere und schwächere, unterzeichnete diese Vereinbarung (Macrosty 1898; Lloyd 1900; Beer 1901a und 1901b; Labour Laws 1906; Broadhead 1908; Holt 1976).

37 Der Trade Unions Act (Gewerkschaftsgesetz) von 1908, der im Gefolge des Blackball-Streiks und der wachsenden Militanz verschiedener Gewerkschaften verabschiedet wurde, gestand den Gewerkschaften, die die Zwangsschlichtung nicht akzeptierten, weitgehende Rechte zu (s. Trade Unions Act 1908; Doolin 2013; s. a. Anm. 42).

38 in der Vorlage: ‚… gibt es auf den 80.000 Arbeitern, die in Neuseeland leben, 65.000, die unter dem Arbitration-Act organisiert sind, während 15.000 unter einem anderen Gesetz sind, das auf der Arbeitsföderation‘.

39 in der Vorlage: ‚Gesetz auf die Streiks‘.

40 in der Vorlage: ‚Das Gesetz den Verpflichtenden Schiedsspruch ist der Kopf eingedrückt in Neuseeland‘. – Die englische Übersetzung ist verständlicher: »The compulsory Arbitration Act has had its head smashed in New Zealand«.

41 in der Vorlage: ‚… schon vor einigen Jahren her‘.

42 Im Februar 1908 streikten die Bergarbeiter von Blackball. In einem dreimonatigen Arbeitskampf setzten sie den Achtstundentag und längere Arbeitspausen durch. Der Streik führte zur Aufweichung des Arbitration Act und schließlich 1910 zur Gründung der Federation of Labour, die sich dem Schlichtungsgesetz nicht unterwarf (Olssen 1988; Davidson 2011b).

43 in der Vorlage: ‚Streiker‘.

44 Derby 2012b.

45 in der Vorlage: ‚Arbeitskategorien‘.

46 siehe Anm. 17.

 

Literatur

AGWA: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (Fernwald/Anneröd)

Atkinson 2014: Neill Atkinson, ‚Black Tuesday‘ – the 1912 Waihi strike. The killing of Fred Evans [updated 19-Sep-2014]; in: NZHo http://www.nzhistory.net.nz/politics/black-tuesday/the-1912-waihi-strike

Beer 1901a: Max Beer, Das neuseeländische Ideal; in: NZ, Jg. 20, 1901-02, Bd. 2 (1902), Nr. 11 (lfd. Nr. 37), S. 325 – 329  –  http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.04454&dok=1901-02b&f=190102b_0325&l=190102b_0329&c=190102b_0325

Beer 1901b: Max Beer, Das neuseeländische Ideal (Schluß); in: NZ, Jg. 20, 1901-02, Bd. 2 (1902), Nr. 12 (lfd. Nr. 38), S. 365 – 369  http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.04463&dok=1901-02b&f=190102b_0365&l=190102b_0369

Bodman 2010: Ryan Bodman, ‘Don’t be a conscript, be a man!’ A History of the Passive Resisters’ Union, 1912-1914, Auckland (University of Auckland)   http://www.converge.org.nz/pma/psrb2010.pdf

Broadhead 1908: Henry Broadhead, State Regulation of Labour and Labour Disputes in New Zealand. A Description and a Criticism, Christchurch – Wellington – Dunedin, N. Z.; Melbourne – London (Whitcombe and Tombs)  https://archive.org/details/stateregulationo00broa

Burgman 2007: Verity Burgman, The IWW in International Perspective. Comparing the North American and Australasian Wobblies.  http://redruffians.tumblr.com/post/2632498201/the-iww-in-international-perspective-comparing

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Clayworth 2010: Peter Clayworth, Prophets from Across the Pacific. The Influence of Canadian Agitators on New Zealand Labour Militancy in the early Twentieth Century (From a paper presented to the conference ‘Canada and New Zealand: Connections, comparisons and challenges’, Wellington, New Zealand, 9 February 2010) – http://redruffians.tumblr.com/post/2682342488/prophets-from-across-the-pacific-the-influence-of

Clayworth 2014: Peter Clayworth, The 1913 Great Strike (updated 24-Oct-2014); in: NZHo – http://www.nzhistory.net.nz/politics/1913-great-strike

Davidson 2011: Jared Davidson, Miners and the Labour Movement; in: Spark, November 2011, Vol. 21, No. 8, Issue No. 248, S. 6 – 7  –  http://workerspartynz.files.wordpress.com/2011/11/november-spark.pdf

Davidson 2014: Jared Davidson, Fighting war. Anarchists, Wobblies and the New Zealand state 1905-1925  –  https://libcom.org/history/fighting-war-anarchists-wobblies-new-zealand-state-1905-1925

Derby 2009: Mark Derby, A Country Considered to Be FreeNew Zealand and the IWW. Towards a Transnational Study of New Zealand Links with the Wobblies [zuerst in: Perspectives on Anarchist Studies. Journal of the Institute for Anarchist Studies, Issue 2009]  –  http://portland.indymedia.org/en/2009/08/393355.shtml

Derby 2012a: Mark Derby, Marx in Maori – Percy Short; in: LHP Newsletter 54, April 2012, S. 25 – 28  –  http://issuu.com/garagecollective/docs/_54

Derby 2012b: Mark Derby, Strikes and Labour disputes [updated 13 July 2012]; in: Te Ara  –  http://www.TeAra.govt.nz/en/strikes-and-labour-disputes/page-1

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IRSH: International Review of Social History. Published for the Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (Cambridge University Press)

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Labour Laws 1906: Handbook to the Labour Laws of New Zealand. Compiled by Direction of the Hon. The Minister of Labour. Fourth Edition, Wellington  –  https://archive.org/details/handbooktolabou00zealgoog

Lehning [1987]: Arthur Lehning, Cornelissen, Christianus Gerardus [zuerst in: BWSA 2 (1987), S. 35-39]  –  http://hdl.handle.net/10622/05F9A3DA-C74D-4720-B401-5B78F839F5C5

LHP: Labour History Project (Wellington)  –  http://www.lhp.org.nz/

Lloyd 1900: Henry Demarest Lloyd, A Country Without Strikes. A Visit to the Compulsory Arbitration Court of New Zealand. Introduction by William Pember Reeves, New York (Doubleday, Page & Co.)  –  https://archive.org/details/countrywithoutst00lloy

Macrosty 1898: Henry B. Macrosty, Das gewerbliche Schiedswesen in Neuseeland; in: NZ, Jg. 16. 1897-98, 2. Bd. (1898), Nr. 51, S. 783 – 786  –  http://library.fes.de/cgi-bin/neuzeit.pl?id=07.03097&dok=1897-98b&f=189798b_0783&l=189798b_0786

McCulloch 2012: Alison McCulloch, 100 Years On: The Waihi Miners’ Strike. Waihi’s story is history in the present tense … ; in: werewolf [online magazine], August 1st, 2012  –  http://werewolf.co.nz/2012/08/100-years-on-the-waihi-miners-strike/

The Māoriland Worker. A Paper Devoted to the Interests of Industrial Unionism, Socialism and Progressive Politics, 15. September 1910 – 30. Januar 1924 [640 Ausgaben] (Christchurch; Wellington)  –  http://paperspast.natlib.govt.nz/cgi-bin/paperspast?a=d&cl=CL1.MW

Mouat 1992: Jeremy Mouat, The Ultimate Crisis of the Waihi Gold Mining Company; in: NZJH, Vol. 26 (1992), No. 2, S. 184 – 204   –   http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=822&action=null

NZHo: New Zealand History online  –  http://www.nzhistory.net.nz/

NZ: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie [bis Jg. 18, 1899-1900: Revue des geistigen und öffentlichen Lebens] (Stuttgart)  –  http://library.fes.de/nz

NZJH: The New Zealand Journal of History. Published by the Department of History at the University of Auckland  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/index.php

Nolan (2005): Melanie Nolan (ed.), Revolution. The 1913 Great Strike in New Zealand, Christchurch (Oxford University Press)

O’Farrell [1996]: Patrick J. O’Farrell, Holland, Henry Edmund [zuerst in: Dictionary of New Zealand Biography, Volume 3, 1996 – updated 30-Oct-2012]; in: Te Ara  –  http://www.teara.govt.nz/en/biographies/3h32/holland-henry-edmund

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Olssen 1976: Erik Olssen, W. T. Mills, E. J. B. Allen, J. A. Lee and Socialism in New Zealand; in: NZJH, Vol. 10 (1976), No. 2, S. 112 – 129  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=1408&action=null

Olssen 1988: Erik Olssen, The Red Feds. Revolutionary Industrial Unionism and the New Zealand Federation of Labour 1908-14, Auckland 1988 (Oxford University Press)

Pete 2012: Pete, Nettlau und der Anarchismus in Neuseeland; in: Gai Dào. Zeitschrift der Anarchistischen Föderation, Nr. 24, Dezember 2012, S. 26 – 28  –  http://fda-ifa.org/g%C7%8Ei-dao-nr-24-dezember-2012/

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‚Red Ruffians‘. Fragments of Aotearoa’s Anarchist and Syndicalist Past (online-Archiv) –  http://redruffians.tumblr.com/

Rocker 1974: Rudolf Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Hrgg. von Magdalena Melnikow und Hans-Peter Duerr. Einleitung von Augustin Souchy. Nachwort von Diego Abad de Santillan, Frankfurt/M 1974 (edition suhrkamp 711)

Spark: The Spark. For workers‘ power and international socialism. Monthly magazine published by the Workers Party of New Zealand (Auckland)  –  http://the-spark.net/where.html

Stein 2001: Jeff Stein, Freiheit und Industrie. Der Syndikalismus von Christiaan Cornelissen; in: AGWA, Nr. 16/2001, S. 481 – 494

Steiner 2006: Peter Steiner, The Industrial Workers of the World in Aotearoa [2006]; in: Industrial Unionism 2007

Te Ara – the Encyclopedia of New Zealand  –  http://www.teara.govt.nz/en/

Thorpe 1989: Wayne Thorpe, »The Workers Themselves«. Revolutionary Syndicalism and International Labour, 1913 – 1923. Studies in social history (IISG) 12, Dordrecht – Boston – London 1989 (Kluver)

Trade Unions Act 1908: New Zealand Trade Unions Act 1908 No 196 (reprint as at 03 September 2007)  –  http://apirnet.ilo.org/resources/new-zealand-trade-unions-act/at_download/file1

Wedman 1993: Homme Wedman, De Collectie Cornelissen/Chichery, Amsterdam – Groningen 1993 (IISG & IvG RUG)  –  http://www.iisg.nl/archives/docs/cornelissen-wedman.pdf

Wedman 2001: Homme Wedman, Christiaan Cornelissen (1864 – 1943); in: AGWA, Nr. 16/2001, S. 471 – 480

Weitzel 1973: R. L. Weitzel, Pacifists and Anti-militarists in New Zealand, 1909-1914; in: NZJH, Vol. 7 (1973), No. 2, S. 128 – 147  –  http://www.nzjh.auckland.ac.nz/document.php?wid=1498&action=null

Westergard-Thorpe 1978: Wayne Westergard-Thorpe, Towards a Syndicalist International. The 1913 London Congress; in: IRSH, Vol. 23 (1978), No. 1, S. 33 – 78  –  http://search.socialhistory.org/Record/S0020859000005691/Details

Westergard-Thorpe 1981: Wayne Westergard-Thorpe, The Provisional Agenda of the International Syndicalist Congress, London 1913; in: IRSH, Vol. 26 (1981), No.1, S. 92 – 103  –  http://search.socialhistory.org/Record/S0020859000007069

Neuerscheinung 6. Mai 2015

Doris Ensinger – Quer denken, gerade leben.

Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo.

TB EDOEnsinger-Umschlag (download)

Das Buch ist am 6. Mai druckfrisch eingetroffen/erscheinen. Umfang 420 Seiten zum Preis von 20 EURO. Format 23,3 x 15,8 cm – Gewicht: 732 g • Für Wiederverkäufer/Buchhandel und AS-Gruppen gilt der Buchhandelsrabatt von 40% zuzügl. Porto/Versand.
ISBN 978-3-921404-01-0, 20 Euro

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Erste Rezension:

Doris Ensinger – Autobiographie einer kämpfenden Frau

12. April 2015
2015 wird als deutsche Erstveröffentlichung die Autobiographie von Doris Ensinger im Hamburger Verlag Barrikade erscheinen. Wer sich nun sagt: „Doris Ensinger – nie gehört“, dürfte damit nicht alleine stehen. Denn sie ist nach eigener Aussage und Erfahrung eine der „namenlosen Frauen“, die nahezu unbekannt an der Seite aktiver Anarchosyndikalisten und Anarchisten leb(t)en und kämpf(t)en. Ihre mehrere hundert Seiten umfassenden Erinnerungen sind „allen Frauen gewidmet, die als Lebensgefährtin an der Seite eines jener bekannten oder anonymen historischen Kämpfer der anarchistisch-libertären Bewegung Spaniens lebten“, und „die eine bedeutende Rolle in den sozialen Kämpfen des 20. Jahrhunderts spielten. Oftmals halfen sie bei den Aktionen oder waren direkt am Kampf beteiligt, indem sie als Botin agierten oder Material und Personen versteckten. Mit ihrem selbstlosen Verhalten, mit ihrer Aufopferung und ihrem Mut machten sie den Kampf ihrer Männer oft erst möglich. Bisher wurde diesen Namenlosen wenig Aufmerksamkeit und Dankbarkeit zuteil, aber ohne sie hätten viele Aktionen nicht in der Weise durchgeführt werden können, wie dies dann geschah.“ Die in den 1940er Jahren im schwäbischen (Bad) Urach aufgewachsene Autorin wirkte in der alten Bundesrepublik in verschiedenen linken Basis-Gruppen, davon über einen längeren Zeitraum in München und arbeitete u.a. in der internationalen Solidaritätsbewegung mit verfolgten Antifaschisten und Anarchisten in Spanien. Bei einem ihrer dortigen Aufenthalte traf sie 1977 an ihrem Geburtstag in Barcelona auf Luis Andrés Edo. Er wurde die „große Liebe meines Lebens“. Mehr als dreißig Jahre lang, bis zu seinem Tod 2009, blieben die beiden zusammen. Der Eisenbahner, Bauarbeiter, Anarchist und Syndikalist Louis Andrés Edo kämpfte sein ganzes Leben für eine freie Gesellschaft, war im antifaschistischen Kampf gegen das Franco-Regime aktiv und arbeitete in vielen verantwortlichen Funktionen der anarcho-syndikalistischen CNT-AIT. U.a. war er Generalsekretär des katalanischen Regionalkomitees und Herausgeber der traditionsreichen und vielgelesenen „Solidaridad Obrera“ („Arbeiter-Solidarität“). Für seine Überzeugungen verfolgte ihn der Staat und inhaftierte ihn oftmals. Mehrfach wurde er in Isolationshaft gefangen gehalten. Über die Grenzen Spaniens hinaus war Luis Andrés Edo schon zu Lebzeiten ein bekannter und geschätzter Genosse. Vorträge und Treffen führten ihn auch nach Deutschland. Im Zuge CNT-interner politischer Intrigen und Manipulationen wurde er zusammen mit der Mehrheit der Mitglieder der CNT-AIT von Katalonien 1995 ausgeschlossen. Er engagierte sich weiterhin im anarcho-syndikalistischen Sinne in dieser bis heute fortbestehenden CNT Kataloniens und Barcelonas, welche zur besseren Unterscheidung von der offiziellen CNT-AIT den Beinamen „Joaquín Costa“ trägt. Von ihm stammen zwei wichtige Werke zur Geschichte des spanischen Anarchosyndikalismus. Diesen möchte Doris Ensinger ihre Autobiographie hinzufügen. Denn sie schreibt: „Ich bin mit dem Gedanken an dieses Buch herangegangen, die beiden von Luis Andrés Edo geschriebenen Bücher – zum einen das theoretische Werk La Corriente und zum anderen seine Memoiren La CNT en la encrucijada. Aventuras de un heterodoxo – zu ergänzen. Mit meinem Buch möchte ich etwas von der persönlichen, menschlichen Seite von Luis sichtbar machen, da er auf diese Aspekte in seinen Memoiren fast nicht eingegangen ist. Ich beschreibe also die mit ihm gemeinsam erlebten Jahre aus meiner Sicht und erzähle auch einige Anekdoten, die mir interessant erscheinen, und die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Außerdem erzähle ich meine Geschichte mit einem Blick von Deutschland auf Spanien und umgekehrt.“ Doris Ensingers Autobiographie ist ein Buch, auf das wir uns alle freuen können. Es erhebt den Anspruch, den ganzen Menschen zu zeigen. Doris Ensinger: Quer denken – gerade leben. Erinnerungen an mein Leben und an Luis Andrés Edo. Deutsche Erstveröffentlichung. Verlag Barrikade, Hamburg 2015. ISBN 978-3-921404-01-0, 20 Euro Quelle: Blog Institut für Syndikalismusforschung

amapola3Möge Dir die Erde leicht sein!

ISBN-Verlagsnummer

Achtung, wir haben eine neue ISBN-Verlagsnummer. Sie lautet: 978-3-921404.

BUNA #1 erschienen

Titel BUNA1

Revista BUNĂ

Zeitschrift für Befreiung & Emanzipation – nicht nur in Rumänien

Die erste Ausgabe der Zeitschrift BUNA ist erschienen (9.10.2014) und kann ab sofort als Einzelheft für 2,50 EUR oder für 4 Ausgaben im Abo für 10 EUR (beides inkl. Porto) bestellt werden.

Mehr Informationen direkt hier:

http://revistabuna.wordpress.com/

Die Ära Adolf Jäger – Unser zweites Fußballbuch

Die Ära Adolf Jäger.

Umschlag AJ

Bezugsbedingungen: Preis pro Buch 6,80 EURO inkl. Versand gegen Rechnung oder Überweisung.
Bei Mehrfachbestellungen gewähren wir entsprechenden Rabatt.
Buchhandelskonditionen gelten für Wiederverkäufer. Keine Buchpreisbindung!

Einfach email an: barrikade [at] gmx.org

jager

Leseprobe: Adolf Jäger und John Jahr

Inhalt und Spielberichte

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Erste Reaktionen:

« Meiner Meinung nach ist Folkert das Kunststück gelungen eine liebevolle Hommage zu verfassen, ohne dabei den kritischen Blick zu verlieren. Das Buch ist ein Gewinn für die Hamburger Fußballhistorie und auch viele unserer Freunde aus Kiel, Fürth, Schalke und London werden angenehm überrascht sein. »
• Jan, All to nah-Altona93-FanZine # 23

Und • Christoph Heshmatpour hat es so vorgestellt: https://twitter.com/CHeshmatpour

Auf der • AFC-Vereinsseite wird das Buch als „Must have“ angepriesen: www.altona93.de.

Bedankt!

***

Das Buch RED STAR von Christoph Heshmatpour ist -leider- ausverkauft! (Juni 2014)

Economia Col-lectiva

Die letzte Revolution in Europa 1936/39
Kollektive Ökonomie

Die DVD wird es ab 19. Juli 2015 auch mit deutschen Untertitel geben;
bis dahin besteht leider ein öffentliches Aufführungsverbot.
Wir arbeiten bereits an der Übersetzung.

Die Dokumentation über die ‚Letzte Revolution in Europa‚ und ihre kollektivierten Betriebe –
ECONOMIA COL~LECTIVA – L‘ última Revolució d’Europa 1936/39′
gewann gerade den Best Documentary Film Editing”-Preis
beim Amsterdam Film Festival (New York).

banner_ECONOMIACOL

Das Buch als Waffe

Eine originelle Art der Buchvorstellung findet ihr hier:

Die erste Rezension von Philippe Kellermann findet sich auf dem Blog Kritische Geschichte: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2013/10/20/erinnerungen-eines-anarchistischen-auswanderers-rezension/#more-2497

Kniestedt | Erinnerungen

Friedrich Kniestedt:

Fuchsfeuerwild

Erinnerungen eines anarchistischen Auswanderers nach Rio Grande do Sul

Unser erstes Buch der Reihe «Biografien und Erinnerungen» ist ab sofort lieferbar! (6.9.2013)

Kniestedt ERINNERUNGEN Umschlag_Seite_1

Kniestedt Anzeige

Umfang: 232 Seiten (Format 165 x 235 mm) – empfohlener Verkaufspreis: 18 €uro (keine Buchpreisbindung!)

Weitere Informationen, Leseprobe und Lebenlauf finden sich hier und werden regelmässig ergänzt:

Register

Leseprobe

Lebenslauf

Klappentext (Rückseite):

Dies ist ein Deutsch-brasilianisches Geschichtsbuch – die Erinnerungen eines anarchistischen Agitators und Organisators in Rio Grande do Sul, der über seinen Kampf gegen die versumpfende Sozialdemokratie im deutschen Kaiserreich berichtet, seine Erfahrungen als deutscher Emigrant in Südbrasilien Revue passieren läßt, über seine gewerkschaftlichen Aktivitäten als Anarchosyndikalist erzählt und seinen Kampf gegen die Nazis in Brasilien und gegen das Tausendjährige Reich Hitlers dokumentiert.

DfA 1922 - Seite 1Der freie Arbeiter (Porto Alegere) – März 1922 – Titelseite

FAUD-Agitationsbroschüre von 1931

Mit uns voran!

FAUD - 1931

Heute am 1. August 2013 erscheint als 2. Agitationsheft die FAUD-Broschüre Mit uns voran! aus dem Jahre 1931 mit einem ausführlichen Nachwort
des Genossen Helge Döhring zu den Aktivitäten rund um die FAUD-Werbewochen 1931, für die die Broschüre produziert wurde.

Mit uns voran!

• Unser Weg

• Prinzipienerklärung des Anarcho-Syndikalismus

• Organisationsstatut der FAUD (A.-S.)

• Nachwort Helge Döhring mit Grafiken aus der Werbekampagne der FAUD

*

Im Originalformat A6, 64 Seiten, Umschlag vierfarbig.

Die Auflage beträgt 500 Expl., der Verkaufspreis ist 1 €/Einzelheft zuzügl. Porto (1,- €).

Für Mehrfachbeziher/innen bieten wir natürlich bessere Konditionen an:

10 Stück …. 10 €uro inkl. Porto
50 Stück …. 30 €uro inkl. Porto

Sonderkonditionen gibt es natürlich auch bei der Abnahme der FAUD- und der SAJD-Broschüre;
auch das Souchy|Gerlach-Buch kann bei einer Sammelbestellung preiswert angeboten werden. Einfach mal nachfragen.

Lieferung erfolgt gegen Vorkasse oder Rechnung (14 Tage Zahlungsziel).

verlag | barrikade, 25. Juli 2013

SAJD-Agitationsbroschüre von 1932 – ‚Mit uns voran zum Freiheitskampf!‘

SAJD-Freiheitskampf  - TitelDer Reprint der SAJD-Broschüre von 1932 ist jetzt als Agitationsausgabe erhältlich.

Preis pro Exemplare: 1,- € zuzüglich 1,- € Versankosten (leider)

5 Expl. für 5,- € inkl. Porto (bei Bestellung mit Büchern oder der barrikade natürlich versandkostenfrei!)

SAJD Flugblatt Rhein Main An die arbeitende Jugend

barrikade # 8 – Juni 2013 erschienen

Die neue, achte Ausgabe der barrikade ist druckfrisch auf dem Tisch (6. Juni 2013)!

barrikade-8-cover60 Seiten A 4  —  VK-Preis: 4,– €

Inhaltsverzeichnis barrikade # 8 – Juni 2013
4 Wer war KARL ROCHE? Zu seinem 150. Geburtstag
10 »Die Arbeitsmänner. Wer schafft das Gold zutage« – JOHANN MOST
12 Im Sturm – Jahre des Exils. RUDOLF ROCKER in London 1894-1914.
22 IACOV KAPLAN – JACOB CAPLAN
24 Ein Besuch in London (Juli 1910) – BEN L. REITMAN
26 Offener Brief an die C.N.T. – ALEXANDER SCHAPIRO (1937)
28 Die UdSSR und die CNT: eine gewissenlose Haltung – ALEXANDER SCHAPIRO
30 Border crossings: Nachdenken über die Inter-Brigadisten – HELEN GRAHAM
36 Mit der Centuria ‚Erich Mühsam‘ – ROBERT MICHAELIS
43 LUCÍA SÁNCHEZ SAORNIL – HELEN GRAHAM
45 Übersetz te Gedichte von LUCÍA SÁNCHEZ SAORNIL
46 Zur Geschichte des Anarcho-Syndikalismus in Deutschland – HANS JÜRGEN DEGEN
52 Die Ermordung von ERNST VIERING und PAUL ZINKE im KZ Neuengamme in Hamburg 1945
53 Rezensionen: Feindliche Brüder (II) – Massenstreik Berlin 1919

UMSCHLAG 8Cover/Umschlag der achten Ausgabe

Plakat
Das Titelbild ist auch als A2-Plakat erhältlich.
Nicht sonderlich scharf, aber schön für die Küche oder das Klosett – oder als Hingucker für Veranstaltungshinweise.
Kann gerne bestellt werden – Preis pro Stück 2,- €, dann jedoch gefaltet auf DinA4 im Umschlag.
Höhere Abnahmemengen bitte mit uns absprechen, Abgabe gegen Druckkosten plus Versandkosten.
Vielleicht überarbeiten wir die Druckdatei nochmal durch einen Fachmenschen und lassen bei Nachfrage weitere Exemplare drucken.

*

Wir beginnen hier eine neue Rubrik – Errata

In jeder Druckschrift gibt es Tipp- und Flüchtigkeitsfehler; wer sie findet, darf sie behalten. Unsere Druckerzeugnisse gehen als „Manuskript“ in die weite Welt hinaus – und wer Grammatik studiert haben sollte, möge seinen roten Bleistift den Buchhaltern überlassen, es interessiert neben Pedanten und Oberlehrerinnen kaum jemanden (wirklich). Es behindert nicht die Wahrheitsfindung, auf die Inhalte kommt es an!

Inhaltliche Fehler wollen wir aber ausbesser: Errata (Plural von lat. Erratum, Fehler) bezeichnet das Verzeichnis von Druck- und anderen Fehlern
einer Drucksache und deren Korrektur.

Also geht’s hier gleich mal los:

Errata # 8

Erratum S. 42

Lucía_Sánchez_Saornil_&_Emma_GoldmanBildunterschrift:

Lucía Sánchez Saornil (links) mit Emma Goldman in der Mitte und einer anderen Frau (vielleicht die Übersetzerin?) unbekannten Namens.
Der von uns fälschlicherweise als Alexander Berkman vermutete Anzugträger ist bereits am 28. Juni 1936 gestorben.
Im schwarzen Anzug also Lucía Sánchez Saornil.

*

barri juni 2013 gross

Souchy │ Gerlach: Die soziale Revolution in Spanien

Soeben erschienen (30. November 2012)

tb-souchySouchy Gerlach

Die soziale Revolution in Spanien

Kollektivierung der Industrie und Landwirtschaft in Spanien 1936 -1939

Dokumente und Selbstdarstellungen der Arbeiter und Bauern

Mit einer Besprechung von Karl Korsch

184 Seiten großes Format 163 x 235 mm und diversen Plakaten und Bildern – 10 Euro (inkl. Versand)

»Gegenüber der »idealistischen« wie der »realistischen« Oberflächlichkeit der bürgerlichen Historiker ist der proletarische Leser immer noch auf den aufklärenden Bericht über die ersten sieben Monate sogenannter Kollektivierung im revolutionären Spanien angewiesen, der von den spanischen Arbeitern selbst veröffentlicht wurde, um die Verschwörung des Schweigens und der Entstellung  zu durchbrechen, die den wirklich revolutionären Aspekt der jüngsten spanischen Ereignisse fast völlig ausgelöscht hat.

Zum ersten Male, seit den Sozialisierungsversuchen in Sowjet-Rußland, Ungarn und Deutschland nach dem ersten Weltkrieg zeigt der hier beschriebene revolutionäre Kampf der spanischen Arbeiter einen neuen Typus des Überganges von der kapitalistischen zur gemeinwirtschaftlichen Produktionsweise, der, wenn auch unabgeschlossen, in einer beeindruckenden Vielfalt der Formen durchgeführt wurde. Es schmälert die Bedeutung dieser revolutionären Erfahrung nicht, daß alle diese Fortschritte der Arbeiterschaft auf dem Wege zu einer freien Gemeinwirtschaft in der Zwischenzeit entweder von außen durch den Vormarsch der Konterrevolution oder von innen durch die scheinbaren Verbündeten in der antifaschistischen Front zunichte gemacht wurden. Durch offene Unterdrückung oder – häufiger – unter dem Vorwand der »höheren Notwendigkeit« disziplinierter Kriegsführung wurden die Arbeiter gezwungen, auf die Früchte ihres Kampfes zu verzichten. Zu einem großen Teil wurden die revolutionären Errungenschaften der ersten Stunde von ihren Initiatoren in dem vergeblichen Bemühen, damit das Hauptziel, den gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus zu fördern, freiwillig geopfert.

Trotzdem sind die Bemühungen der spanischen Arbeiter an der sozialen und wirtschaftlichen Front nicht völlig vergeblich gewesen.«

 Karl Korsch

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[30.11.12]

Karl Roche zum 150. Geburtstag

Am 31. Oktober wurde vor 150 Jahren (1862) in Königsberg der Genosse Karl Roche geboren

Aus Anlaß seines Geburtstages veröffentlichen wir heute eine vollständig überarbeitete Biografie von ‚Isegrim‚, ‚K.R.‚, ‚kr‚ alias Karl Roche.

Vorbemerkung

Wir legen mit diesem Text eine erweiterte und überarbeitete Fassung unserer bisherigen Forschungen zur Biographie Karl Roches vor. Er hat immer noch den Charakter einer vorläufigen Skizze. Obwohl bei weitem nicht vollständig, konnten wir doch wieder Lücken schließen und wohl jetzt definitiv Fehlinformationen korrigieren, die sich vor allem in der älteren Literatur finden und meist die Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges im Jahre 1918 betreffen.1

Als ‚Barfuß-Historiker‘, ohne akademische Institutionen (und deren finanzielle Mittel) in der Hinterhand, sind wir selbstverständlich immer etwas eingeschränkt in unseren Forschungen, da wir beispielsweise alle Recherchen aus der eigenen Tasche finanzieren müssen (von dem Zeitaufwand ganz zu schweigen). Deshalb sind wir den uns nahestehenden Personen und Einrichtungen, die in der Regel wie wir ihre Forschungen für ‚Genossen Lohn‘ betreiben, für ihre Unterstützung, ihr großzügig geteiltes Wissen – und ihren nicht minder großzügig geteilten Materialfundus – besonders verbunden. Nennen möchten wir vor allem Frank Potts (Berlin und Amsterdam), der mit seinen Archivrecherchen manches Loch zu schließen half; weiter das Institut für Syndikalismus-Forschung, und dort besonders Helge Döhring, der mit Material, Rat und Tat und konstruktiver Kritik nicht geizte. Schließlich geht unser Dank an die Kolleginnen und Kollegen in den Stadt- und Staatsarchiven und Universitäts-Bibliotheken in Bochum, Hamburg, Bremen, der Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Hamburg, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg und, last but not least, dem InternationaalInstituutvoorSocialeGeschiedenis (IISG) in Amsterdam.

Folkert Mohrhof – Jonnie Schlichting

Archiv Karl RocheRegionales Archiv zur Dokumentation des antiautoritären Sozialismus (RADAS) – Hamburg am 31. Oktober 2012

* * *

Wer war  K a r l   R o c h e  ?

Eine politisch-biographische Skizze zu seinem 150. Geburtstag
31. Oktober 1862 – 1. Januar 1931

Johann Friedrich Carl2 Roche: Geboren am 31. 10. 1862 in Königsberg/Ostpreußen – gestorben am 1. 1. 1931 in Hamburg. Er war verheiratet mit Emma Auguste, geb. Lange, geboren am 22. 8. 1864 in Thorn/Ostpreußen. Sie hatten miteinander wenigstens 2 Kinder3.
Seine Eltern sind Christian Roche und Dorotea, geb. Böhm4.

Nach Absolvierung der Volksschule5 schlägt sich Roche mehrere Jahre als Wanderarbeiter (wohl hauptsächlich in der Landwirtschaft6) durch. In diesem Zusammenhang wird er mehrfach »wegen Landstreichens und Bettelns« zu Gefängnis und Zwangsarbeit in kommunalen Arbeitshäusern (»Überweisung«) verurteilt.7

Im Jahre 1887 oder 1888 – noch während des »Sozialisten-Gesetzes« – tritt Roche der illegalen sozialdemokratischen Partei bei8. Roche muß keinen Militärdienst leisten, da er sein linkes Auge verloren hat9. 1891 wird er in der von der »Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands« geführten Gewerkschaftsbewegung aktiv10, zuerst im »Verband der Fabrik-, Land- und gewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands«11, für den er als Agitator hauptsächlich im Hamburger Umland tätig ist. In dieser Zeit wird Roche zweimal zu mehrmonatigen Haftstrafen wegen »Beleidigung« bzw. »Majestätsbeleidigung« verurteilt12. Im Jahre 1897 erfolgt der Übertritt zum »Verband der Bau-, Erd- und gewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands«13, auch hier ist er bis Anfang 1902 vor allem im Bereich Groß-Hamburg und in Schleswig-Holstein als Agitator sowie literarisch (Artikel im Verbandsorgan Der Arbeiter) aktiv14 – was ihm wegen »öffentlicher Beleidigung« eine vierzehntägige Haftstrafe einbringt15.

Im April 1902 geht Roche nach Elberfeld-Barmen (Wuppertal)16, wo er 1905 vom »Verband« als Gauleiter für Rheinland-Westfalen angestellt wird17. Anfang 1906 übersiedelt er nach Bochum/Westfalen, wo er als »Lokalangestellter« (Zweigstellenleiter) tätig ist18, bis er ab dem 2. Mai 1907 wieder nach Hamburg kommt, um als »Bürohilfsarbeiter« beim Hauptvorstand des »Verbandes« zu arbeiten.19 Anläßlich seines Umzugs nach Hamburg 1907 stellt die Polizeiverwaltung der Stadt Bochum Roche das Qualitätszeugnis aus, er sei »in der sozialdemokratischen Partei wie in der freigewerkschaftlichen Arbeiter-Bewegung in schärfster und gehässigster Weise tätig« gewesen20, was sich u. a. in zwei Geldstrafen »wegen öffentlicher Beleidigung eines Polizeibeamten« niederschlug.

Für den Hauptvorstand verfaßt Roche drei größere Untersuchungen, ohne daß seine Autorenschaft gewürdigt, geschweige denn genannt wird21. Die ausgesprochen schlechte Behandlung der angestellten ’niederen Chargen‘ durch die Vorstandsmitglieder und der ungehobelte Umgangston mit ihnen erinnert an ostpreußische Gutsbesitzer, nicht an Kollegen und Genossen, die die Befreiung der arbeitenden Klassen auf ihre Fahnen geschrieben haben. Roche kommen erste Zweifel: »Als ich drei Monate im Büro war, wusste ich, diese Menschen predigten öffentlich das lautere Wasser der Nächstenliebe, Selbstlosigkeit und Solidarität und berauschten sich heimlich am toll machenden Wein niedrigster Herrschsucht22 Eine weitere Merkwürdigkeit sind die Geschäfte des Genossen Albert Töpfer23, der als stellvertretender Verbands-Vorsitzender und Redakteur des Bauhilfsarbeiters ein Jahresgehalt von 2.600 Mark erhält (und insgesamt ein Jahreseinkommen von 5.000 Mark versteuert), Besitzer von mehreren Mietshäusern mit insgesamt 60 Wohnungen ist, die mit 270.000 Mark Hypotheken belastet sind 24. (Einer von Töpfers Mietern ist übrigens Karl Roche samt Familie.)

Am 19. 4. 1909 wird Roche wegen seiner verbandsöffentlich geäußerten Kritik am Hauptvorstand (darunter Unterschlagungen von Mitgliedsbeiträgen durch den Hauptkassierer) schließlich fristlos gefeuert25; der Hauptvorstandskollege und Redakteur des Verbandsorgans Albert Töpfer kündigt ihm zum 1. Mai 1909 die Wohnung26. Roche zieht mit seiner Familie in das Hamburger Umland, ins ländliche Osdorf27 im Kreis Pinneberg in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein.

Da die Hamburger SPD Roche die Gelegenheit verweigert, im Parteiorgan Hamburger Echo zum Rausschmiß Stellung nehmen zu können, verläßt er nach 22 Jahren die Partei28 und tritt zur lokalistischen »Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften«29 über. Im Verlag der FVdG erscheint noch im selben Jahr der Bericht über seine ‚Abenteuer‘ beim Hauptvorstand des »Zentralverband der Bauhülfsarbeiter Deutschlands« unter dem Titel »Aus dem roten Sumpf «30.

Titelseite der Roche-Broschüre
„Aus dem roten Sumpf“ von 1909

Ende August 1909 veröffentlicht schließlich der Vorstand des Bauhilfsarbeiter-Verbandes eine Erklärung, daß »sich R. als individueller Anarchist entpuppt« habe und seine Maßregelung von der Mehrzahl der Mitglieder gebilligt werde, weil er »wenig vorteilhafte Seiten« habe und »wiederholt bewiesen [hat], daß er völlig unwürdig war, eine Stelle zu bekleiden, nach der er sich jahrelang gedrängt hat«. Das zeige sich auch daran, wie »skrupellos R. bei dem Zusammenschmieren seiner Schmähschrift zu Werke gegangen ist33

Roche erwidert in der Einigkeit (die sozialdemokratische und Gewerkschafts-Presse ist ihm verschlossenen): »Jetzt habe ich Euch in die weite Arena der Öffentlichkeit gezerrt und jetzt müßt Ihr tanzen. Also noch einmal: Heraus mit dem Flederwisch! Euch bleibt nur zweierlei übrig: Entweder Ihr bringt mich vor den Strafrichter wegen Beleidigung usw. oder Ihr stellt den Mitgliedern Eure Mandate zur Verfügung. Ein Drum und Rum gibt es nun nicht mehr. Und darum noch einmal: Heraus mit Eurem Flederwisch! Meine Patronen sind noch nicht alle!«34

Nun – es gibt keine Rücktritte, sondern einen Prozeß. Die Verbandsvorständler Gustav Behrendt, Sjurt Wrede und Albert Töpfer verklagen Roche als Verfasser des »Sumpf« und seinen Verleger Fritz Kater. Da einige Zeugen Roches abgesprungen sind, werden am 7. Mai 1910 Roche zu 200 Mark oder 20 Tagen Gefängnis und Kater zu 50 Mark oder 5 Tagen Gefängnis vom Hamburger Schöffengericht verurteilt; die Berufungsverhandlung vom 10. September 1910 bestätigt das Urteil35. Allerdings muß sich der Arbeiterführer und »Hausagrarier« Albert Töpfer von dem Gericht ins Stammbuch schreiben lassen: »Wohl ist aber dem Angeklagten [Karl Roche] darin zu folgen, daß ein solches ohne Mittel erworbenes Hausbesitzertum sich mit den Grundsätzen der Sozialdemokratie nicht verträgt. Es ist ein Mangel an Überzeugungstreue, wenn ein Mann, der sich zur Bekämpfung des Kapitalismus anstellen und bezahlen läßt und dabei selbst sich durch die Inanspruchnahme dieses Kapitalismus zu bereichern sucht36

Ein Kuriosum noch am Rande: Die sozialdemokratische Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung behauptete, daß Roche vom »Reichsverband gegen die Sozialdemokratie«37 für den »Sumpf« bezahlt worden wäre – was der Zeitung eine erfolgreiche Klage des »Reichsverbandes« wegen Beleidigung einbrachte. Der sozialdemokratische Lübecker Volksbote brachte es fertig, daraus zu machen: »Sogar der Reichsverband schüttelt ihn ab, nämlich den ehemaligen Hilfsarbeiter im Zentralverband der Bauarbeiter, Karl Roche38

Roche, der sich als Hausierer39 und Fischhändler40 durchschlagen muß, wird neben Paul Schreyer und ErnstSchneider zu einem der wichtigsten Protagonisten des Syndikalismus in Hamburg. Außerdem ist er im Verein föderierter Anarchisten Hamburg, die zur Anarchistischen Föderation für Hamburg und Umgebung gehört, tätig. Seit 1912 arbeitet er an der von der Anarchistischen Föderation Hamburg-Altona herausgegebenen Monatszeitung Kampf41.

Norddeutsches Zentrum der Lokalisten war vor 1914 Hamburg. Ihre Basis war vor allem im Bereich der Transport-, Hafen und Werftarbeiter, außerdem die Berufe des Bauhandwerks und Dienstleistungssektors, die sich zur »Freien Vereinigung aller Berufe« (seit 1913 »Syndikalistische Vereinigung aller Berufe«) zusammengeschlossen hatten. Sie bildeten mit einigen Fachverbänden und der »Föderation der Metallarbeiter« ein Gewerkschaftskartell. Dem Kartell, das eine Vorläuferorganisation der »Arbeiterbörsen« der FAUD war42, schloß sich der 1913 entstandene »Syndikalistische Industrie-Verband« an, der von Hafenarbeitern und Seeleuten gegründet worden war.43 Hier wurde erstmals das Konzept der »Einheitsorganisation« zur Diskussion gestellt44, (das dann in größerem Maßstab ab 1919 die Arbeiter-Unionen umsetzten) und in Hamburg durch die von KarlRoche geleitete Syndikalistische Vereinigung aller Berufe schon entgegen den Statuten der FVdG praktiziert wurde45. »Die im Vergleich zur gebräuchlichen Praxis der FVdG in Bremen und Hamburg betriebene Aufgabe des Berufsverbandsprinzips zugunsten eines vereinheitlichten Aufbauschemas diktierte dabei mindestens ebenso der Zwang zu Konzentration wie der Wille zur Beseitigung einer verankerten Berufsideologie.«46. Das waren also ganz pragmatische Gründe – nämlich die Wahrung der Handlungsfähigkeit als minoritäre Gewerkschaft, die es sich nicht leisten konnte, berufsständische Ressentiments über die Gebühr zu berücksichtigen. Der 1. Weltkrieg unterbrach diese Diskussion, wie so manches andere.

Er wird Vorsitzender der »Syndikalistischen Vereinigung aller Berufe« und Kartelldelegierter und Schriftführer des im Juni 1913 gegründeten »Syndikalistischen Industrieverbandes«. Neben einer umfangreichen Tätigkeit als Referent veröffentlicht Roche in den beiden Organen der Lokalisten, Die Einigkeit und Der Pionier. Außerdem ist er Verfasser der unter dem Pseudonym Diogenes erschienenen Schrift »Die Ohnmacht der Sozialdemokratie im Deutschen Reichstag«47.

Vorne rechts am Tischende: Carl Windhoff; ihm gegenüber Karl Roche; an der Wand stehend, zweiter von rechts: Fritz Kater

Zusammen mit Fritz Kater und Karl Windhoff wählt die FVdG Roche zum Delegierten für den ersten internationalen Syndikalistenkongreß, der vom 27. September bis zum 2. Oktober 1913 in London tagt48. Die Reise der drei Delegierten wird von der preußischen Polizei fürsorglich observiert49.

Auf dem 11. Kongreß der FVdG im Mai 1914 ist Roche einer der Delegierten für Hamburg und Referent zum Thema »Genossenschaften und Syndikalismus«50.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 werden die Zeitungen der FVdG, der Pionier und die Einigkeit, wegen ihrer konsequenten antimilitaristischen und den Krieg ablehnenden Haltung verboten51, und die Arbeit der FVdG muß sich auf ein Minimum beschränken. Als Ersatz gibt die Geschäftskommission ab dem 15. August 1914 ein wöchentlich erscheinendes organisationsinternes Mitteilungsblatt heraus. Nach dessen Verbot am 5. Juni 191552 erscheint ein Rundschreiben, das schließlich am 28. 4. 1917 verboten wird53.

Laut den Überwachungsakten der Preußischen Polizei hat sich Roche nach Ausbruch des Krieges nicht mehr politisch betätigt. Der Königliche Landrat des Kreises Pinneberg meldet am 19. 4. 1915 nach Berlin, »daß die fortgesetzten Beobachtungen des Roche nichts belastendes ergeben haben. Roche verhält sich ruhig, ist nicht auf Reisen gewesen und scheint seine schriftstellerische Tätigkeit für die anarchistische Partei eingestellt zu haben.« Und im Bericht vom 6. 11. 1915 heißt es, »dass nach den bisherigen Beobachtungen Roche kein ernsthafter Anhänger des Anarchismus zu sein scheint. Der Gemeindevorsteher [von Osdorf] hegt zwar die Vermutung, dass Roche nach Beendigung des Krieges seine schriftliche Tätigkeit für anarchistische Blätter, wie er sie vor dem Kriege ausgeübt hat, wieder aufnehmen wird.

Im übrigen lebt Roche ruhig, nüchtern und zurückgezogen; er betrieb früher einen Hausiererhandel, hat diesen aber seit einigen Jahren eingestellt, und arbeitet, angeblich krankheitshalber, nur sehr selten. Seine Ehefrau geht auf Arbeit; von ihrem Arbeitsverdienste sowie von Unterstützungen der Kinder und seitens der Gemeinde lebt er. Er ist faul und will nicht arbeiten, und auch unzuverlässig54

Am 21. 9. 1916 meldet die Hamburger Polizei ihren Preußischen Kollegen, daß Roche am 11. 9. 1916 nach Hamburg, Lindenallee 25. IV, gezogen ist. » Roche ist wieder unter Beobachtung gestellt worden55 Die Pinneberger Überwacher wissen da allerdings noch nicht, daß Roche umgezogen ist: in ihrem Bericht vom 28. 9. 1916 heißt es, daß Roche »sich durchaus ruhig und unauffällig verhält, er unterhält überhaupt keinen Verkehr und lebt vollständig zurückgezogen56 Kein Wunder, wenn der Überwachte 17 Tage zuvor ausgezogen ist.

Die insgesamt besser informierte Politische Polizei in Hamburg berichtet am 20. 7. 1917 nach Berlin, Roche (er wohnt mittlerweile Amandastr. 61, Haus 2) »ist seit Ende v. J. im hiesigen Friedhofsbureau als Hilfsschreiber beschäftigt. Roche ist öffentlich nicht hervorgetreten; er hat jedoch in den ersten Monaten nach seinem Zuzuge mit mehreren hiesigen Anarchisten verkehrt, insbesondere war er eng befreundet mit dem Tischler Albert Fricke57. Auch hat Roche wiederholt gesprächsweise in Kreisen seiner Bekannten zu erkennen gegeben, daß er noch anarchistische Gesinnungen hegt. Er ist nach wie vor ein Anhänger der anarchistischen Bewegung, hält sich aber seit einigen Monaten – anscheinend infolge seiner jetzigen Stellung – von den übrigen Anarchisten fern. Roche wird weiter beobachtet58.

Im letzten Kriegsjahr, seit dem 20. Juni 1918, wird Roche, der aufgrund seines Alters (und seines fehlenden Auges) nicht zum Militär muß, auf der Vulcan-Werft als Nietenschreiber zwangsverpflichtet59 – eine strategisch günstige Stelle in der Revolutionszeit 1918/19 …

Erstaunlicherweise berichtet die Hamburger Polizei noch am 19. Juni 1918 an das Königlich Preußische Polizei-Präsidium zu Berlin: »Der Händler Carl Roche ist seit langer Zeit krank und ohne Arbeit …«60 – übrigens der letzte Eintrag in der Berliner Akte.

Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches treten auch die Syndikalisten wieder an die Öffentlichkeit und erhalten einen unerwartet großen Zustrom an neuen Mitgliedern. Die Einigkeit wird in Der Syndikalist umbenannt61. Die erste Ausgabe erscheint am 18. Dezember 1918.

Roche ist einer der führenden Propagandisten der wiedererstandenen FVdG. Schon im Januar 1919 unternimmt er zusammen mit Fritz Kater eine erste Agitationsreise durch Norddeutschland62. Roche ist jetzt Geschäftsführer der »Syndikalistischen Föderation Hamburg«63. Neben einer umfangreichen Vortragstätigkeit vor allem im norddeutschen Raum64 und Artikeln im Syndikalist veröffentlicht Roche vier der wichtigsten programmatischen Texte der FVdG im ersten Revolutionsjahr:

• Was wollen die Syndikalisten? Programm, Ziel und Wege der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften, Berlin 1919 (Verlag »Der Syndikalist«)
• Einheitslohn und Arbeitersolidarität [Vortrag, gehalten am 20. April 1919], Berlin 1919 (Verlag »Der Syndikalist«)
• Zwei Sozialisierungsfragen. 1. Wer soll sozialisieren? [Vortrag, gehalten am 1. Mai 1919 in Hamburg] 2. Ist die zusammengebrochene Wirtschaft für die Sozialisierung reif? [Vortrag, gehalten im Mai 1919], Hamburg 1919 (Verlag der Syndikalistischen Föderation Hamburg)
• Organisierte direkte Aktion, Berlin 1919 (Verlag »Der Syndikalist« Fritz Kater).65

Seit dem Sommer des Jahres publiziert er auch in der Tageszeitung der Hamburger KPD, der Kommunistischen Arbeiter-Zeitung, zu gewerkschaftlichen Themen.

Am 29. November 1919 wird Roche von der Hamburger »Vulcan-Werft AG« gefeuert. In dem Kündigungsschreiben werden ausdrücklich seine führende Rolle in der Syndikalistischen Föderation Hamburg und die Propagierung der »passiven Resistenz« als Kündigungsgrund genannt: »Seine Führung und Leistung haben uns voll befriedigt, bis R. nach der politischen Umwälzung nach und nach Führer einer Richtung wurde, die durch Wort und Schrift in Betriebsversammlungen der Werft zur passiven Resistenz aufforderte. Diese Einwirkung war derart, daß wir uns von R. trennen mußten66 Ein Spitzelbericht der Politischen Polizei hatte schon im Oktober des Jahres notiert: »Der Haupthetzer auf der Vulcanwerft ist der Syndikalist Roche. Sein Einfluss auf die Arbeiterschaft ist ungeheuer und mit Recht wird behauptet, daß er die Seele des verderblichen Widerstandes gegen Vernunft und Ordnung eines großen Teils der Arbeiterschaft ist67

Im Dezember 1919, noch vor Gründung der »Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten)«, verlassen Roche und ErnstSchneider die FVdG und wechseln zur »Arbeiter-Union«68; sie sind auch in der oppositionellen Hamburger KPD69 aktiv. Mit ihnen geht offenbar die große Mehrheit der Syndikalisten Hamburgs. Anlaß für diesen Schritt mögen einerseits die von Rudolf Rocker in der »Prinzipienerklärung des Syndikalismus« begründete Ablehnung der Diktatur des Proletariats und des bewaffneten Aufstandes, andererseits die – in der FAUD nicht unumstrittene – Umstellung von den traditionellen Fachverbänden auf das Industrieverbandsprinzip sein, während Roche das Konzept der betrieblichen Einheitsorganisation (»Betriebsorgani­sation«) favorisiert.

Seit Anfang 1920 ist Roche einer der führenden Köpfe der unionistischen Bewegung in Hamburg, neben Fritz Wolffheim und Heinrich Laufenberg, die zu diesem Zeitpunkt die unbestrittenen Sprecher der gesamten linken Opposition in der KPD gegen die Berliner Zentrale um Paul Levi sind (bevor die beiden sich bis August 1920 mit ihrem sogenannten ‚Nationalbolschewismus‘ innerhalb der Linken mehr und mehr isolieren).

Roches erste größere Publikation für die AAU ist Anfang 1920 die Schrift Demokratie oder Proletarische Diktatur! Ein Weckruf der Allgemeinen Arbeiter-Union, Ortsgruppe Hamburg, [Hamburg] 1920. Er publiziert regelmäßig in der Tageszeitung der Hamburger KPD (seit April 1920 der KAPD), der Kommunistischen Arbeiter-Zeitung, und ist als Referent bei Veranstaltungen für Partei und Union vor allem im norddeutschen Raum aktiv. Seit März ist er Redakteur der KAZ-Rubrik »Arbeiter-Union«.

Roche tritt auf der 1. Reichskonferenz der AAU im Februar 1920 erfolgreich den Versuchen der Bremer KPD-Opposition (Karl Becker) entgegen, die Union zu einer wirtschaftlichen Hilfs­organisation der Partei zu machen70. Das erste, sehr föderalistische Programm der AAU, angenommen auf der 2. Reichskonferenz im Mai 1920, trägt wesentlich Roches Handschrift. Da die Bremer Opposition um Becker und Paul Frölich sich nicht an der Gründung der »Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands« beteiligt71 und zur KPD-Zentrale zurückkehrt, verlagert sich das Zentrum der Unionisten nach Hamburg72.

Roches Kontakte zur FAUD scheinen trotzdem weiter bestanden zu haben, er versucht in den nächsten Jahren mehrfach, wenn auch vergeblich, zumindest für Hamburg eine Kartellierung oder sogar organisatorische Vereinigung von Unionisten, Syndikalisten und Anarchisten herbeizuführen.

Als Vorsitzender der Pressekommission ist Roche Herausgeber der seit 1920 in Hamburg erscheinenden AAU-Zeitung des »Wirtschaftsbezirkes Wasserkante«, Der Unionist, und einer der Redakteure.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1920 nimmt in der AAU der Einfluß der KAPD zu. Die Richtung, die den Dualismus von Partei und Union zugunsten der Union überwinden will und die ökonomisch-politische Einheitsorganisation vertritt, gerät in die Defensive. Ihre Schwerpunkte liegen in Hamburg und Ostsachsen73. Auf der 3. Reichskonferenz der AAU im Dezember 1920 in Berlin (an der Roche teilnimmt) zeichnet sich ab, daß es keine Mehrheit für das Konzept der Einheitsorganisation gibt74. Noch im selben Monat schließen die ostsächsischen Unionisten die KAPD-Mitglieder aus, Hamburg folgt Ende Mai 192175.

Roche faßt die Position der Opposition noch einmal in der Schrift Die Allgemeine Arbeiter-Union, (Hamburg [1921]; Herausgegeben von der Pressekommission der A.A.U. Groß-Hamburg) zusammen, die wahrscheinlich Anfang 1921 erscheint.

Nach dem Mitteldeutschen Aufstand im März 1921 (der sogenannten »Märzaktion«)76 wird Roche als Vorsitzender der Pressekommission des Unionist im April 1921 zu einem Jahr Festungshaft verurteilt, der Drucker des Unionist zu 15 Monaten77. Roche kommt allerdings spätestens im November des Jahres wieder frei78.

Aber kann er deshalb nicht an der 4. Reichskonferenz der AAU (wiederum in Berlin) teilnehmen, auf der das von der KAPD favorisierte dualistische Modell Union (als ‚Massenorganisation‘) und Partei (als theoretisch führender Kader) die Mehrheit gewinnt. Außerdem wird der föderalistische Aufbau der Union zugunsten eines zentralistischen Modells aufgegeben79. Die Opposition innerhalb der AAU gründet darauf im Oktober 1921 die »Allgemeine Arbeiter-Union Deutschlands (Einheitsorganisation)«80.

Das Jahr 1923 stürzt die Weimarer Republik in einen existenzielle Krise. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen und der von der Reichsregierung unter dem Kanzler Wilhelm Cuno propagierte passive Widerstand dagegen, der mittels der Notenpresse finanziert werden soll und aus der schon galoppierenden Inflation eine Hyperinflation macht, ruiniert die Reichsfinanzen endgültig. Nach dem Sturz Cunos im Sommer übernimmt ein Koalitionskabinett unter Gustav Stresemann (DVP), bestehend aus SPD, Zentrum, DDP und DVP, die Regierung.

Die Bildung von SPD-KPD-Koalitionsregierungen in Sachsen und Thüringen im Herbst geht parallel mit der Weigerung Bayerns, die antirepublikanischen Umtriebe von rechts zu unterbinden. Zwar hat die KPD unter dem Druck der KomIntern mit dem bewaffneten Aufstand geliebäugelt, aber keinen Rückhalt in den vielbeschworenen »Massen« gefunden. Die Reichsregierung (mit dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) abgesprochen) löst das Problem wie üblich – sie verhängt die Reichsexekution über Sachsen und Thüringen, um die gegen rechts unzuverlässigen Reichswehrverbände nicht gegen Bayern schicken zu müssen.

Die KPD-Führung um Brandler und Thalheimer nimmt – in realistischer Einschätzung der Kräfteverhältnisse – relativ kampflos die Entmachtung der sächsischen und thüringischen Koalitionsregierungen durch die Reichsexekutive hin. Wahrscheinlich durch einen Kommunikationsfehler erreicht diese Entscheidung die KPD in Hamburg nicht81. Der gescheiterte Hamburger Aufstand der KPD vom 22. – 24. Oktober 1923 führt am 23. November zum reichsweiten Verbot nicht nur der KPD, sondern auch aller linksradikalen Organisationen einschließlich der FAUD, das bis zum 1. März 1924 andauert.82

In dieser Zeit gelingt es der Reichsregierung mit der Einführung der Rentenmark83 (15. November), die bis in schwindelnde Höhen angestiegene Inflation in den Griff zu bekommen und der Weimarer Republik eine kurze ökonomische und politische Stabilitätsphase zu bescheren, die mit dem New Yorker Börsenkrach 1929 endet.

Die AAUE in Hamburg bricht während der Illegalität faktisch zusammen. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum Roche zur Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands wechselt, um spätestens im Juli 1924 (wieder) in der FAUD aktiv zu werden84. Im FAUD-Verlag erscheint im selben Jahr seine Broschüre Der Proletarische Ideenmensch.85

Roche gehört zu den Initiatoren vom Block antiautoritärer Revolutionäre in Norddeutschland, der seit 1924 versucht, die radikale nichtbolschewistische Linke in Norddeutschland zumindest zu einer Aktionseinheit zusammenzufassen. In diesem Sinne ist auch die Konferenz des Bezirkes Nord-West der FAUD(S) vom 27. – 28. Dezember 1924 in Bremen gestaltet. Roche ist Referent der FAUD zum zentralen Thema: »Die Aufgaben der anti-autoritären Organisationen im Bezirk Nord-West«. An dieser Konferenz nehmen auch Vertreter der SAJD, AAUE, der IWW und der Hamburger Anarchisten teil86.

1925 erscheint von Roche die Broschüre Arbeiterjugend und natürliche Ordnung87. Er schreibt regelmäßig für das FAUD-Organ Der Syndikalist, außerdem für die seit 1927 erscheinende theoretische Zeitschrift Die Internationale und andere syndikalistische Publikationen.

In seiner letzten größeren Veröffentlichung, dem 1929 als Artikelserie in Der Syndikalist erschienenen »Handbuch des Syndikalismus«88 faßt er nochmal sein politisches Credo zusammen.

Seine letzten Lebensjahre ist Roche ein schwer kranker Mann. Er stirbt am 1. Januar 1931, wenige Monate nach seinem 68. Geburtstag. »Sein letzter Gruß, den er uns unmittelbar vor seinem Tode schrieb, enthielt ein Versprechen weiterer schriftstellerischer Mitarbeit, der seine letzte Sorge galt.« heißt es in dem Nachruf, der im Syndikalist89 erscheint. Und in der von Erich Mühsam herausgegebenen Zeitschrift Fanal schreibt Rudolf Rocker: »Seine rastlose Arbeit hat ihm nie Reichtum eingebracht; er ist als bitterarmer Proletarier gestorben, wie er immer gelebt hat90

 

Anmerkungen

1) Dies betrifft vor allem die – immer mal wieder reproduzierten – biographischen Angaben bei Hans Manfred Bock, demzufolge Roche »um die Jahrhundertwende als junger Seemann zur 'Freien Vereinigung' gekommen war« , und die auf einer Mitteilung von Augustin Souchys an Bock basieren (Bock 1969 und Bock 1993, S. 104; ebenso der Artikel Karl Roche auf der englischen Wikipedia). Souchy hat ganz offensichtlich Roche mit Ernst Schneider ('Icarus') verwechselt; zu Ernst Schneider siehe Schneider [1943]; Schneider [2003]; Mohrhof 2008, S. 30.
2) Die Schreibweise – Carl oder Karl – variiert, vor allem in den Akten der diversen mit der Überwachung 'subversiver Elemente' betrauten Dienststellen. Roche selbst schreibt seit den 1890er Jahren in seinen Publikationen seinen Vornamen mit 'K'.
3) Roche 1909, S. 31; LaB, Apr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 31; genaueres zu den Kindern konnten wir bisher nicht ermitteln.
4) LaB A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 3
5) Roche 1909, S. 12 – er verließ die Schule wahrscheinlich mit 14 Jahren, möglicherweise als Waise oder Halbwaise; so läßt sich zumindest eine Bemerkung in Roche 1919c, S. 7, deuten: »Der junge Arbeiter, der mit 14 Jahren sich selbst überlassen und auf den Arbeitsmarkt geworfen wird … «
6) darauf weisen die Verurteilungen zwischen 1881 und 1886 sowie Bemerkungen in Roche 1919c, S. 7 und Roche 1919d, S. 6 hin (siehe auch Roche 2009, S. 46 und S. 55 f.).
7) StAH PP 331-3 S 7762; LaB A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 3
8) Roche 1909, S. 7
9) LaB A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 3 – ob der Verlust seines Auges krankheitsbedingt oder aufgrund einer Verletzung geschah, war bisher nicht zu ermitteln.
10) Roche 1909, S. 7
11) Gegründet 1890, seit 1894: »Verband der Fabrik-, Land-, Hülfsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands« – siehe hierzu Festschrift 1913 und Schuster 2000.
12) StAH PP 331-3 S 7762
13) Gegründet 1891 als »Verband der Bauhilfsarbeiter und verwandter Berufsgenossen« seit 1905: »Verband der baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands«; seit 1908: »Zentralverband der Bauhülfsarbeiter Deutschlands«; 1910 mit dem »Zentralverband der Maurer Deutschlands« zum »Deutschen Bauarbeiterverband« zusammengeschlossen – siehe Schuster 2000; s.a. Rütters – Zimmermann 2005, S. 44; 116 ff.
14) siehe z.B. die auf der Internet-Seite des Archiv Karl Roche aufgeführten Versammlungshinweise und Artikel aus dem Verbandsorgan Der Arbeiter.
15) StAH PP 331-3 S 7762
16) siehe StAH PP 331-3 S 7762: »Roche war bereits vom 1/10. 01 bis 1/2. 02 hier [Luruperweg 58] gemeldet und hat sich am 11/2. 02 auf Wanderschaft und am 4./4. 02 nach Barmen abgemeldet.«
17) Albert Töpfer, Mitglied des Hauptvorstandes und Redakteur des Arbeiter, schrieb Roche am 21. 3. 1905: »Auf dem Verbandstag (in Leipzig, K.R.) wird man um die Anstellung von zwei oder drei Gauleitern nicht umhin können. Ebenso bedarf es noch einer tüchtigen Kraft im Hauptvorstand und wenn man das Blatt achtseitig schafft, (wozu nicht geringe Luft vorhanden ist), auch einen tüchtigen Redakteur. Da tritt wieder die Frage auf: Wen? Ueberfluß an wirklich tüchtigen Leuten haben wir ganz gewiß nicht. Ich darf mir wohl die Frage erlauben, wie Du Dich zu irgend einem der angedeuteten Posten stellen würdest?« (mitgeteilt bei KR, Ich bin des trockenen Tons nun satt; in: Einigkeit, Nr. 36, 4. 9. 1909)
18) Roche wohnte zu dieser Zeit in der Wiemelhauserstr. 38a (heute: Universitätsstraße); im Vorderhaus (Wiemelhauserstr. 38) wohnte Paul Runge, Parteisekretär des Sozialdemokratischen Volksvereins für den Wahlkreis Bochum-Gelsenkirchen-Hattingen-Witten (Adreßbuch der Stadt Bochum 1907)
19) Roche 1909, S. 7; StAH PP 331-3 S 7762
20) StAH PP 331-3 S 7762 [Schreiben der Polizeiverwaltung des Oberbürgermeisters von Bochum an die Polizeibehörde Hamburg, 20. 5. 1907]
21) Lebenshaltung und Arbeitsverhältnisse der Deutschen Bauhülfsarbeiter. Herausgegeben vom Hauptvorstand des Zentralverbandes der baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands, Hamburg 1908 – 76 S. (Verlag: Verband der Baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands Gustav Behrendt);
Die Tarifverträge der baugewerblichen Hülfsarbeiter bis zum Jahre 1907. Verband der Baugewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands, Hamburg 1908. – 483 S. (Verlag: Verband der Baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands Gustav Behrendt);
Zur Entwicklungsgeschichte des Verbandes der baugewerblichen Hilfsarbeiter Deutschlands. Mit einem Anhang über die bis Ende 1907 vom Verband abgeschlossenen Tarifverträge. Herausgegeben vom Zentralvorstand, Hamburg, 1909. – 76 S.;
für die Autorenschaft und die Umstände der Entstehung siehe Roche 1909, S. 11 – 14
22) Roche 1909, S. 11
23) einige biographische Angaben bei Schmit 1932, S. 1695 – allerdings eine völlig unkritische Eloge des amtierenden Grundstein-Redakteurs auf Töpfer.
24) Roche 1909, S. 10; Urteil des Schöffengerichts Hamburg vom 7. Mai 1910 gegen Fritz Kater und Karl Roche, in Auszügen mitgeteilt bei Karl Roche, Eine Nachlese; in: Einigkeit, Nr. 42, 15. 10. 1910
25) Roche 1909, S. 14ff
26) Roche 1909, S. 29f.
27) Osdorf wurde 1927 nach Altona eingemeindet, das wiederum 1937 mit dem »Gesetz über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen«, kurz »Groß-Hamburg-Gesetz«, zu Hamburg geschlagen wurde; siehe wikipedia Hamburg-Osdorf; wikipedia Groß-Hamburg-Gesetz.
28) Roche 1909, S. 3
29) Die FVdG ging aus der lokalistischen Opposition innerhalb der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften hervor. Ursprünglich aus revolutionären Sozialdemokraten bestehend, die den reformistischen Kurs der Zentralverbände der Generalkommission ablehnten, wurde den Lokalisten 1907 von der Partei das Ultimatum gestellt, innerhalb eines Jahres sich den Zentralverbänden anzuschließen oder aus der SPD rauszufliegen. Die eine Hälfte (etwa 8000 Mitglieder) unterwarf sich, während die andere Hälfte mit den Sozialdemokraten brach und sich rasch dem revolutionären Syndikalismus annäherte. Nach dem 1. Weltkrieg entstand aus ihr die »Freie Arbeiter-Union Deutschlands«. (siehe Aigte 1930/1931; Bock 1969 und Bock 1993; Fricke 1988, S. 1010 – 1021; SyFo [2007]; Kater 1912; Klan/Nelles 1990; Kulemann 1908; Rübner 1994; Vogel 1977; einen schnellen Überblick und reichen Materialfundus bietet zudem die Internet-Seite des Instituts für Syndikalismusforschung).
30) Roche 1909; die Broschüre wurde erstmals in der Einigkeit, Nr. 31, 31. 7. 1909, angekündigt, ist also spätestens Anfang August erschienen. – Im Revolutionsjahr 1919, nach zehn Jahren, bringt Roche den »Sumpf« noch einmal heraus, denn, wie er im Vorwort zur Neuausgabe schreibt: »Die Zentralverbandsführer in Hamburg wie auch die Rechtssozialisten verbreiten Gerüchte über mich, hinterhältig und verlogen. Der „Rote Sumpf“ dient ihrem verleumderischen Beginnen zur Grundlage. Daher habe ich mich entschlossen, diese Schrift neu herauszugeben. … Das Schriftchen hat außer seinem historischen Interesse auch für den Tageskampf der Gegenwart Wert.
Auch eine gewisse Genugtuung beschleicht mich: Was ich vor zehn Jahren über die Arbeiterbewegung und deren Führer auszusprechen wagte, wofür ich geächtet wurde — heute sagen dasselbe Millionen.« (Roche 1919a, S. 1 f)
31) Der Bau-Hilfsarbeiter, Nr. 32, 7. 8. 1909
32) Hamburger Echo, Nr. 189, 15. 8. 1909
33) Der Bau-Hilfsarbeiter, Nr. 35, 28. 8. 1909
34) Karl Roche, Heraus mit dem Flederwisch!; in: Einigkeit, Nr. 33, 14. 8. 1909
35) Karl Roche, Eine Nachlese; in: Einigkeit, Nr. 42, 15. 10. 1910; Hamburger Echo, Nr. 106, 8. 5. 1910; Hamburger Echo, Nr. 213, 11. 9. 1910
36) Urteil des Schöffengerichts Hamburg vom 7. Mai 1910 gegen Fritz Kater und Karl Roche, in Auszügen mitgeteilt bei Karl Roche, Eine Nachlese; in: Einigkeit, Nr. 42, 15. 10. 1910
37) zum »Reichsverband« siehe Fricke 1970
38) Lübecker Volksbote, Nr. 177, 1. 8. 1910
39) LaB, A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 31
40) Der Bau-Hilfsarbeiter, Nr. 2, 8. 1. 1910
41) Kampf. (Unabhängiges) Organ für Anarchismus und Syndikalismus; erschien von 1912 bis 1914 in Hamburg; mit Sicherheit stammt der mit »K. R.« gezeichnete Artikel »Evolution rückwärts« (Jg. 1, Nr. 2, August 1912, Beiblatt, [S. 7 – 8]) von Roche; der mit »R.« gezeichnete Artikel »Aus der journalistischen Düngergrube am Speersort« (ebd., [S. 8] ist nicht sicher Roche zuzuordnen, sein Sprachstil macht es aber wahrscheinlich). – Zum Kampf siehe KAMPF! – Vorwort zum Reprint 1986 (Hamburg); zum Anarchismus in Hamburg vor dem 1. Weltkrieg siehe Heinzerling 1988.
42) zum Konzept der Arbeiterbörsen siehe Barwich [1923]
43) Rübner 1996, S. 75; zu den Aktivitäten der syndikalistischen Seeleute kurz vor dem 1. Weltkrieg siehe Mohrhof 2008
44) offiziell vom Bremer Delegierten Franz Martin auf dem 11. Kongreß der FVdG im Mai 1914 vorgeschlagen; siehe Rübner 1996, S. 76, Anm. 35
45) Rübner 1996, S. 76, Anm. 35
46) Rübner 1996, S. 77
47) Roche 1912 – wir halten die von Angela Vogel vermutete Auflösung des Pseudonyms (siehe Vogel 1977, S. 252, Anm. 26) nach Durchsicht der unter dem Namen Diogenes publizierten Artikel in der Einigkeit und im Pionier für überzeugend. Roche benutzte dieses Pseudonym später auch noch im Syndikalist.
48) Thorpe 1978, S. 57; Thorpe 1989, S. 69 ff – Roche berichtete in der Einigkeit (Nr. 41 und 42, 11. und 18. Oktober 1913) und im Pionier (Nr. 42, 15 Oktober 1913) über den Kongreß. – Zusammenfassend zum Kongreß: Thorpe 1978, Thorpe 1989.
49) LaB, A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 19 & 20
50) siehe die Dokumentation Den Kapitalismus muß man nicht totglauben, den Kapitalismus muß man totkämpfen. Karl Roche und die Genossenschaftsfrage 1911 – 1914; in: barrikade, Nr. 7, April 2012, S. 26 – 29. 
51) Bock 1969 und Bock 1993; Rübner 1994; Aigte 1930/1931
52) Das Weitererscheinen des »Mitteilungsblatt« verboten!; in: Rundschreiben, Nr. 1, 15. 6. 1915
53) Rundschreiben, Nr. 47, 15. Mai 1917 – zusammenfassend dazu Thorpe 2000.
54) LaB, A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 29; Bl. 31
55) LaB, A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 29; Bl. 32
56) LaB, A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 29; Bl. 33
57) Fricke war vor dem Krieg Verleger und verantwortlicher Redakteur des Kampf bis Nr. 10 (siehe KAMPF_Anhang).
58) Hat Roche, wie wir in der ersten Fassung dieser biographischen Skizze noch ziemlich überzeugt behauptet haben,(siehe AKR 2009, S. 5 f) zum Untergrundnetz der FVdG gehört, das den Zusammenhalt der Syndikalisten für die Zeit nach dem Kriege erfolgreich sicherte? Den oben zitierten Überwachungsakten zufolge hat er sich bis zu seinem Umzug nach Hamburg von der Bewegung ferngehalten. Das kann stimmen. Roche hatte sich während der Zeit beim Hauptvorstand des »Verbandes« Rheumatismus in den Beinen zugezogen und war demzufolge in seiner Mobilität eingeschränkt (siehe Roche 1909, S. 8f). Eine der wenigen Versammlungen der Hamburger FVdG während des Krieges fand am 8. Juli 1917 statt, an der 56 Personen, überwiegend Werftarbeiter, teilnahmen; Fritz Kater, der ursprünglich dort sprechen sollte, konnte nicht kommen; siehe Ullrich 1976 (Band 2), S. 153, Anm. 34.
Ob Roche Kontakt zur linken Opposition in der Hamburger SPD um Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim hatte, die später an der Gründung der KPD wie der KAPD führend beteiligt waren, konnten wir bisher nicht ermitteln.
59) Zeugnis der Vulcan Werke, vollständig zitiert in Isegrim (d. i. Karl Roche), An der Unterweser; in: Syndikalist, Jg. 6, Nr. 30, 26. Juli 1924, Beilage.
60) LaB, A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16490, Bl. 37
61) Die Umbenennung hatte der 11. Kongreß der FVdG im Mai 1914 beschlossen, seine Umsetzung wurde allerdings durch den Kriegsausbruch und das Verbot verhindert; siehe Rübner 1996, S. 82, Anm. 58
62) Syndikalist, 1. Jg. 1918/19, Nr. 7
63) Syndikalist, 1. Jg., 1918/19, Nr. 14
64) siehe etwa Kuckuk 1996, S. 22
65) alle vier Broschüren sind nachgedruckt in Roche 2009
66) vollständig zitiert in Isegrim (d. i. Karl Roche), An der Unterweser; in: Syndikalist, Jg. 6, Nr. 30, 26. Juli 1924, Beilage.
67) Politische Polizei Hamburg – Wochenbericht Nr. 9 vom 13. 10. 1919; zitiert auf der Webseite des AKR: http://archivkarlroche.wordpress.com/2009/05/03/der-hetzer-roche/
68) Die unionistische Bewegung entstand spontan in der ersten revolutionären Nachkriegsphase. Sie orientierte sich theoretisch mehrheitlich am revolutionären Marxismus, organisatorische Grundlage war die berufsübergreifende Betriebsorganisation (im Bergbau die Schachtorganisation); aufgebaut war sie in der Regel nach dem Räteprinzip. Ein kleinerer Teil der Unionisten schloß sich im Dezember 1919 mit der FVdG zur FAUD zusammen (Rocker 1919), die Mehrheit beteiligte sich am Gründungsprozeß der AAUD, während eine weitere Strömung (»Union der Hand- und Kopfarbeiter«) sich zeitweilig der KPD annäherte (die darüber nicht immer sehr glücklich war). Aus dieser Strömung entstanden nach 1925 die »Revolutionären Industrie-Verbände«. (Bock 1969 und Bock 1993; Bötcher 1922; Hermberg 1922; Langels 1989; siehe auch Bärhausen u.a. 1986, S. 8)
69) Die Hamburger KPD gehörte fast vollständig zur antiparlamentarisch-antigewerkschaftlichen Opposition gegen die Berliner Zentrale; siehe Protokoll KPD 3. Parteitag.
70) siehe Bock 1969 und Bock 1993, S. 188 ff; Böttcher, S. 75 ff.
71) Der Gründungsparteitag der KAPD fand am 4. und 5. April 1920 in Berlin statt; siehe Bock 1977.
72) siehe Bock 1969 und Bock 1993, S. 188ff; Siegfried 2004, S. 128f.
73) Bekannte Vertreter sind, neben Roche (Hamburg), der Herausgeber der Berliner Aktion, Franz Pfempfert, und Otto Rühle (Dresden).
74) siehe Die 3. Reichskonferenz der AAUD, 12. – 14. Juni 1920 in Leipzig. Eingeleitet und bearbeitet von Jonnie Schlichting; in: barrikade Nr. 7, April 2012, S. 34 – 39.
75) siehe Bock 1969 und Bock 1993, S. 214f; zu Hamburg siehe auch: Partei oder Gewerkschaft; in: Alarm, Jg. 3/1921, Nr. 19
76) Angress 1972, S. 139ff; Bock 1969 und Bock 1993, S. 295ff.
77) Zeitdokument; in: Alarm, Jg. 3/1921, Nr. 17
78) so spricht Roche am 27. 11. 1921 auf einer Veranstaltung der FAUD zur Ermordung des spanischen Ministerpräsidenten Dato durch zwei CNT-Genossen über die Leiden der Festungsgefangenen in Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel; siehe: ZP-Stelle Hamburg – Bericht # 105 – 29.11.1921 (Staatsarchiv Bremen 4,65).
79) siehe Siegfried 2004, S. 129
80) siehe Bock 1969 und Bock 1993, S. 214f
81) siehe Voß 1981; Wollenberg 1973
82) siehe Voß u.a. 1981
83) Eine Rentenmark = 1 Billion Papiermark; 1 US$ = 4,20 Rentenmark
84) Der erste von Roche signierte Artikel im Syndikalist erschien schon in der Ausgabe 43 – 44/ 4. November 1923 – gleich nach den KPD-Putsch vom 23. Oktober in Hamburg: »Die Opfer einer politischen Narrheit«.
85) Roche 1924
86) Die Konferenz des Bezirks Nordwest der FAUD und der Block antiautoritärer Revolutionäre.Bremen am 27. und 28. Dezember 1924 – Eine Dokumentation. Eingeleitet und bearbeitet von Jonnie Schlichting; in: barrikade Nr. 4, Dezember 2010, S. 15 – 22.
87) Roche 1925
88) Roche 1929
89) Karl Roche [Nachruf]; in: Syndikalist, Jg. 11, Nr. 2, 10. 1. 1931 [http://www.syndikalismusforschung.info/rochetod.htm]
90) R [Rudolf Rocker?], Karl Roche; in: Fanal, Jg. 5 (1930/1931), Nr. 5, Februar 1931, S. 119 [http://archivkarlroche.wordpress.com/archiv-karl-roche/nachruf-aus-fanal/]

Quellen
1. Archive
 AKR: Archiv Karl Roche Hamburg
 LaB: Landesarchiv Berlin
 StAH: Staatsarchiv Hamburg
 SyFo: Institut für Syndikalismusforschung Bremen
2. Periodika
 AGWA: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (Germinal)
 Alarm: Alarm. Organ für freien Sozialismus [Herausgegeben von Carl Langer], Hamburg
 barrikade: barrikade Streitschrift für Anarchosyndikalismus, Unionismus und revolutionären Syndikalismus, Hamburg (AKR)
 Einigkeit: Die Einigkeit. Organ der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften, Berlin
 Internationale (FAUD): Die Internationale. Zeitschrift für revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau. Hrgg. von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (AS), Berlin
 Kampf: Kampf. (Unabhängiges) Organ für Anarchismus und Syndikalismus, Hamburg
 KAZ (Hamburg): Kommunistische Arbeiter-Zeitung, [Organ der KPD, Ortsgruppe Hamburg; seit 1920: Organ der Kommunistischen Arbeiterpartei und der Allgemeinen Arbeiterunion Deutschlands, hrgg. von der Ortsgruppe Hamburg], Hamburg
 Mitteilungsblatt: Mitteilungsblatt der Geschäftskommission der Freien Vereinigung Deutscher Gewerkschaften, Berlin
 Pionier: Der Pionier. Unabhängiges sozialrevolutionäres Organ, Berlin
 Rundschreiben: Rundschreiben an die Vorstände und Mitglieder aller der Freien Vereinigung Deutscher Gewerkschaften angeschlossenen Vereine, Berlin
 Syndikalist: Der Syndikalist. Organ der Sozialrevolutionären Gewerkschaften Deutschlands; seit 1920: Organ der Freien Arbeiter-Union Deutschlands, Berlin
 Unionist: Der Unionist. Organ der Allgemeinen Arbeiter-Union, Wirtschaftsbezirk Wasserkante; seit 1921: Organ der Allgemeinen Arbeiter-Union (Einheits-Organisation), Wirtschaftsbezirk Wasserkante, Hamburg
3. Literatur
 Aigte 1930: Gerhard Aigte, Über die Entwicklung der revolutionären syndikalistischen Arbeiterbewegung Frankreichs und Deutschlands in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Freie wissenschaftliche Arbeit; in: Internationale (FAUD), Jg. IV, Nr. 2 (Dezember 1930) bis Nr. 10 (August 1931) – teilweiser Neudruck unter dem Titel Gerhard Aigte, Die Entwicklung der revolutionären syndikalistischen Arbeiterbewegung Deutschlands in der Kriegs- und Nachkriegszeit (1918-1929), Bremen 2005 (FAU Bremen)
 Angress 1973: Werner T. Angress, Stillborn Revolution. Die Kampfzeit der KPD 1921 – 1923 [1963], Wiener Neustadt (Räteverlag)
 AKR 2009: Archiv Karl Roche, Wer war Karl Roche? Eine biographische Skizze; in: Roche 2009
 Bärhausen u.a. 1986: Anne Bärhausen/ Ruth Meyer/ Rüdiger Zimmermann, Baugewerkschaften in der Bibliothek der Sozialen Demokratie/ Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2. erg. Aufl., Bonn
 Barwich [1923]: Studienkommission der Berliner Arbeiterbörsen/Franz Barwich (1923), »Das ist Syndikalismus«. Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus. Mit Texten von Franz Gampe, Fritz Kater, Augustin Souchy u.a. Mit einer Einleitung von Helge Döhring, Frankfurt/M 2005 (Edition AV) – erweiterter und vermehrter Neudruck von: Franz Barwich, Die Arbeiterbörsen des Syndikalismus. Mit einem Vorwort von A. Souchy, Berlin [1923] (Der Syndikalist)
 Barwich u.a. 1973: Franz Barwich/ Erich Gerlach/ Arthur Lehning/ Rudolf Rocker/ Helmut Rüdiger, Arbeiterselbstverwaltung, Räte, Syndikalismus, Berlin/W (Karin Kramer)
 Bock 1969: Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923. Zur Geschichte und Soziologie der Freien Arbeiter-Union (Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands und der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands, Meisenheim am Glan (Anton Hain)
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 Bock 1993: Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923. Ein Beitrag zur Sozial- und Ideengeschichte der frühen Weimarer Republik. Aktualisierte und mit einem Nachwort versehene Neuausgabe [von Bock 1969 – die Seitenzählung ist bei beiden Ausgaben identisch], Darmstadt (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft)
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 Festschrift 1913: Festschrift zum 25jährigen Bestehen des Fabrikarbeiter-Verbandes Zahlstelle Frankfurt a. Main und Umgebung 1888 – 1913, Frankfurt/M (Fabrikarbeiter-Verband)
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 Hermberg 1922: Paul Hermberg, Nachwort [zu Bötcher 1922]
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 Roche 1919e: Karl Roche, Organisierte direkte Aktion, Berlin (Verlag »Der Syndikalist« Fritz Kater).
 Roche 1920: Karl Roche, Demokratie oder Proletarische Diktatur! Ein Weckruf der Allgemeinen Arbeiter-Union, Ortsgruppe Hamburg, Hamburg
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 Rübner 1994: Hartmut Rübner, Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus (Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte Band 5), Berlin – Köln (Libertad)
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 Rütters/ Zimmermann 2005: Peter Rütters/ Rüdiger Zimmermann, Bauarbeitergewerkschaften in Deutschland und Internationale Vereinigungen von Bauarbeiterverbänden (1869 – 2004). Protokolle – Berichte – Zeitungen. Ein Bestandsverzeichnis der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung (Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Bd. 16), Bonn
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 Schneider [1943]: Ernst Schneider (Ikarus), The Wilhelmshaven Revolt. A Chapter of the Revolutionary Movement in the German Navy, 1918-1919 [1. Auflage 1943]. (reprint with an Introduction by Joe Thomas), Nr. Huddersfield 1975
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 Thorpe 1978: Wayne Thorpe, Towards a Syndicalist International: The 1913 London Congress; in: International Review of Social History, Vol. XXIII/1978
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Schon wieder Seidman!

Im September schlug der us-amerikanische Historiker Michael Seidman erneut zu.

Er nahm sich das Buch des englischen Historikers Paul Preston The Spanish Holocaust in der Londoner Times – dem TLS – Times Literary Supplement – vom 7. September 2012 vor. Hier ist die Rezension. Daran anschließend eine öffentliche Antwort des schottischen Genossen Stuart Christie  (http://www.christiebooks.com/ChristieBooksWP/2012/09/the-tls-letter-to-the-editor-whatever-happened-to-serious-and-authoritative/) die wir (vorerst) nur im Original wiedergeben – die Übersetzung ist bereits in Arbeit. Sollte jemand die Kapazität haben, die Seidman-Rezension zu übersetzen, wären wir äußerst dankbar.

Seidman-Victimized-TLS-7-Sep-12

Hier die Ünersetzung:

Spitzfindigkeiten eines offenen Pro-Franco-Kritikers

Anmerkungen zur Rezension Michael Seidmans von Paul Prestons “Der Spanische Holocaust”

Times Literary Supplement, 7. September 2012

Was ist mit dem herausgeberischen Urteilsvermögen bei TLS los? Was in aller Welt hat den Herausgeber dazu verleitet, das herablassende und unverschämte Gelaber eines Pro-Franco-Apologeten wie Michael Seidman in seiner Buchbesprechung von Paul Prestons “Der Spanische Holocaust” zu veröffentlichen?

Wenn man von Beschwerden über Prestons „Diskreditierung des moralischen Kapitals der Nationalisten“ einmal absieht, scheint Seidmans wichtigste Kritik die Verwendung des Begriffs „Holocaust“ zur Beschreibung des Blutbads, das von „rebellischen Offizieren“ ausgelöst wurde, „die bald von Mussolini und Hitler unterstützt wurden“ (womit unterstellt wird, dass keines der beiden Regimes an den Plänen zum Umsturz der Republik beteiligt war). Diese Ablehnung des Wortes Holocaust ist entweder akademische Pedanterie oder ein übereifriger politischer Versuch Seidmans, den Begriff ausschließlich und natürlich ungebeten für die jüdischen Opfer des Nazi-Antisemitismus zu vereinnahmen; auf Kosten der 5, 6 oder 7 Millionen anderen Opfer der Nazi-Mordmaschine – Antifaschisten (jüdisch und nicht-jüdisch), Intellektuelle, Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten, Liberale, Zeugen Jehovas, Roma, geistig Kranke, Behinderte usw. usw. – zwischen Januar 1933 und Mai 1945.

Bisher habe ich auch noch nichts gesehen von der von Seidman beschriebenen “Lawine neuerer Literatur”, die „Prestons antiquierte Sichtweisen“ der Repression in der republikanischen Zone „in Frage stellt“, nämlich dass sie

„Teil eines größtenteils absichtlichen und kalkulierten Versuchs war, (sehr allgemein definierte) ‚Faschisten’ und Rechte zu eliminieren – ebenso wie Mitglieder des Klerus, die für eine fünfte Kolonne und potentielle Hindernisse für die Arbeiter- oder Volksrevolution gehalten wurden. Diese Morde standen in enger Verbindung mit den linken Parteien, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten und wurden gewöhnlich von diesen gutgeheißen.“

Wie Seidmann (oder sonst jemand) schlussfolgern kann, dass solch eine Verschwörung zwischen so unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden Gruppen der „Linken“ existierte, ist mir ein Rätsel und wirft ein ungünstiges Licht auf sein Verständnis von Geschichte, Politik und Kultur Spaniens zwischen den beiden Weltkriegen. Hätte es solch eine Verschwörung gegeben, wäre sie wahrscheinlicher von der nationalen und regionalen Führung gegen ihre eigenen bekannten Dissidenten gerichtet gewesen – einfache Kämpfer und Intellektuelle, die die Parteihegemonie in Frage gestellt hatten – und nicht die unbekannten Mitglieder der fünften Kolonne, die hinter den republikanischen Linien geschnappt wurden, sich oftmals den Gewerkschaften einschließlich der CNT, der kommunistischen oder der sozialistischen Partei anschlossen und häufig die allerdogmatischsten Parteigetreuen waren.

Seidman tut so, als wäre alles erst 1936 losgegangen. Mord und Chaos auf beiden Seiten: zugestanden. Grausamer Mord aufgrund von Abneigung, Eigeninteresse, Gier usw. – das ganze Spektrum war abgedeckt. Zugegeben: niemand war über jeden Tadel erhaben und, wie ich selbst in meinem neuesten dreibändigen Werk ¡Pistoleros! – 1918-24” gezeigt habe, gab es auch keinen Mangel an Täteren im anarchistischen Lager.

Dennoch, Seidmans eigene Zahlen aus dem Zeitraum “während des spanischen Konfliktes” (ich nehme an, er meint 1936-39, also den Bürgerkrieg) belegen ein 13 zu 5 Verhältnis an Tötungen zugunsten der Nationalisten (Faschisten, katholische Autoritäre und Vertreter von „Ein Spanien“). Letzteres erklärt, wie sich Generäle wie z.B. Cabanellas – die in den frühen Jahren der Republik und Monarchie Freimaurer und/oder Republikaner gewesen waren – in „Faschisten“ verwandelt haben. Oder hatten sie schon immer diese autoritäre Einstellung? Eine Einstellung, die sie mit vielen (bis gestern noch Monarchisten) „Neurepublikanern“ gemeinsam hatten, was Vorfälle erklären kann wie die blutige Repression von Castilblanco 1931, Arnedo 1932 und Casas Viejas 1933 etc., und die Einrichtung der Guardia de Asalto als Polizeitruppe zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Der berüchtigte „Republikaner“ und Freimaurer Eduardo López Ochoa führte die Niederschlagung und Unterdrückung des Aufstands in Asturien 1934 an. „Republikanisch“ hieß nicht automatisch „links“, noch nicht einmal „liberal“. Daher auch die Skepsis in den Reihen der CNT. Siehe dazu Melchor Rodriguez’ Artikel “April to April” (KSL Bulletin), der die Opfer der Sicherheitskräfte der neuen Republik gezählt hat.

Die Vernarrtheit in die Romantisierung der Republik lässt uns vor ihren raueren Seiten die Augen verschließen, die die Armen und die arbeitenden Klassen erleben mussten. Die Kirche, die besitzenden Klassen und die Anhängern von „Ein Spanien“ fühlten sich möglicherweise durch Teile der republikanischen Rhetorik und Gesetzgebung angegriffen, aber sie waren nicht Schlagstöcken, Kugeln und Artilleriefeuer ausgesetzt wie die Arbeitenden. Wurde General Sanjurjo nach seinem versuchten Putsch gegen die Republik 1932 genauso hart bestraft wie der Bauer Seisdedos oder die aufständischen Bergleute und Bauern von Llobregat? Einzelheiten der unterschiedlichen Behandlung wären interessant.

Ablehnung der Republik allein war noch kein Vergehen, sofern sie nicht in praktische Aktion mündete wie Desertieren, Widerstand, praktische Opposition. Doch unter dem frankistischen Befehl 108 der National(istisch)en Verteidigungsjunta (13/09/36) wurde die Beschlagnahmung von Eigentum derer vorgesehen, die für Widerstand gegen die nationalistische Bewegung „direkt oder unterschwellig verantwortlich, durch Handeln oder Anstiftung“ sein sollten.

Das frankistische Politische Transparenzgesetz vom 9.2.39 (das die Beschlagnahmung von Gütern regelt) wurde im Nachhinein anwendbar erklärt auf die Ereignisse von Oktober 1934 (was einem einen Hinweis auf die Geistesverfassung der Gesetzgeber gibt: warum nicht 1931, 32, 33?), und sollte der/die Beschuldigte in der Zwischenzeit verstorben sein, gingen alle Verbindlichkeiten und Strafzahlungen, die daraus entstanden, auf seine/ihre Erben oder Verwandten über. Zwei Drittel dieser Beschlagnahmungen betrafen „Übeltäter“ aus der Arbeiterklasse und viele davon mussten erlassen werden, nicht aus Mitleid, sondern mangels beschlagnahmbarer Güter. Bußgelder wurden erlassen und durchgesetzt gegen Republikaner und andere, die bereits 1936 erschossen wurden. Der sozialistische Volksfrontfunktionär (PSOE) Vicente Martin Romera (ermordet am 7. August 1936 in Madrid auf Befehl von Colonel Cascajo) bekam ein Nachkriegs- und nachträgliches Bußgeld von 125 000 Peseten, die seine Familie aufbringen musste, um „freien Zugang zu seinem Besitz“ zu erhalten.

Bußgelder und Beschlagnahmungen waren oft Begleitumstände von Hinrichtungen (und zwar sowohl vor- als auch nachher). In Albacete hatten 43 % der von Kriegsgerichten verurteilten ein Verfahren nach dem Politischen Transparenzgesetz und 80% der Bestraften waren Landarbeiter oder Handwerker. 1942 ersetzte eine Änderung dieses Gesetzes ökonomische Sanktionen mit Berufsverboten, bis das Gesetz am 13.4.45 außer Kraft gesetzt wurde – in Bezug auf neue Fälle. Die bereits laufenden Vorgänge wurden bis 10.11.66 weiter verfolgt. Ich möchte die Republik nicht romantisieren, aber (von einer kommunistischen Machtübernahme abgesehen) bezweifle ich, dass eine Verfolgung in diesem Ausmaß stattgefunden hätte.

Zu Seidmans außerordentlicher Feststellung, dass “Nationalisten verhältnismäßig mehr Kriegsgefangene in ihre Armee eingegliedert haben als alle anderen an Bürgerkriegen im Mitteleuropa des 20. Jahrhundert beteiligten Parteien“ – ist Seidman nicht klar, dass die Kriegsgefangenen in dieser Frage keine Wahl hatten, da die einzige Alternative ein Hinrichtungskommando und ein Massengrab waren? Dieser Bezug auf das nationalistische Recycling von Kriegsgefangenen soll Prestons Anschuldigungen betreffs „Vernichtungsprogrammen“ widerlegen, aber tut er das? In welche Einheiten wurden sie wiedereingegliedert? Wie wurden sie kommandiert, diszipliniert und eingesetzt? In welchen Sektoren wurden sie eingesetzt? Gegen welche republikanischen Kräfte? Gab es möglicherweise Abschreckungsmaßnahmen gegen Zurückweichler? (Maschinengewehre à la Trotzki im russischen Bürgerkrieg oder à la Stalin im Zweiten Weltkrieg? Wie hoch war ihre Sterblichkeitsrate verglichen mit nationalistischen „Freiwilligen“einheiten oder regulären Kräften? Ich weiß es nicht. Ich frage ja nur. Kurz gesagt, solche Recyclingprogramme standen nicht notwendigerweise im Widerspruch zu Vernichtungsplänen, sondern konnten sehr wohl ein Teil davon sein – den Feind durch den Feind töten lassen, während man gleichzeitig die Nachhut von Unzufriedenen säubert.) In seiner eigenen Republik der Egos gesteht Seidmann einen Mangel an Arbeitskräften statt Truppen ein.

Zu Prestons so genannter “Entschuldigung” der spanischen Linken und ihrer angeblichen Tendenz, den sowjetischen Einfluss auf das Paracuellos-Massaker an angeblichen oder bekannten Antirepublikanern durch eine gemischte Truppe spanischer Linker überzubewerten: dieses Massaker scheint unter anderem von Santiago Carrillo veranstaltet worden zu sein, früher bei der Vereinten Sozialistischen Jugend (JSU) und zum damaligen Zeitpunkt bei der Spanischen Kommunistischen Partei (PCE) – und letztere hat wenig getan, das nicht durch das Politbüro und seine Komintern-Berater gefiltert war.

Was Seidmans Argument zu den katalanischen Carlisten in der nationalistischen Armee angeht: liegt es nicht nahe, dass der Verdacht nicht unberechtigt ist, eine fünfte Kolonne sei aktiv in den ländlichen Gebieten Kataloniens, aus der diese Figuren kamen, ebenso typische Requetés, die nicht im richtigen Alter für den Militärdienst gewesen sein mögen, dafür aber andere Dienste leisteten? Dies soll keine Entschuldigung sein, sondern vielleicht eine teilweise Erklärung für die mörderische Behandlung, die Rechten und dem katholischen Klerus zu Teil wurden.

Wenn Preston (laut Seidman) feststellt, dass der “Radikalismus” der republikanischen Führung eher rhetorischer als wirklicher Natur war, ist dieses Argument eigentlich überflüssig. Präsident Azañas angebliche Ankündigung, mit seinen Reformen “Hackfleisch” aus der Armee zu machen (“triturar el ejército”) stiftete genauso viel (vielleicht mehr) Aufregung und Verbitterung in diesen Kreisen wie gewalttätige Streiks. Desgleichen die jakobinische, aufklärerische Kritik an der Kirche. Die CEDA entstand aus dem Begehren, katholische Prinzipien ungeachtet des Regimes zu verteidigen, das Ewige gegen die Umstände: darum ging es bei CEDAs „Accidentalism“: der Schwerpunkt auf dem (Un)Realen anstatt dem Formalen. Ein republikanischer Anhänger der katholischen Werte war gut, ein monarchistischer Nicht-Anhänger derselben böse. Das Gleiche gilt sicher für libertäre oder linke Werte, oder?

Preston mag die “Straßen”angriffe auf Sachen nach dem Februar 1936 unterschätzen, aber Seidmann sollte die „Esst die Republik“-Verhöhnungen während des bienio negro, die Hinterlassenschaft der Repression von Oktober 34, die einschneidenden Beschränkungen von Gewerkschaftsrechten usw., den offenen Flirt der spanischen Rechten mit Autoritarismus und Faschismus im restlichen Europa, das österreichische Beispiel von 1934 usw. im Blick behalten. Gibt es denn nicht wenigstens die Möglichkeit, dass die Straße dadurch in Bewegung geriet und durch ihre eigenen Angelegenheiten anstatt durch hochtrabende Rhetorik irgendeiner republikanischen Leuchte? Mit seinen Bemerkungen über das generelle Herunterspielen der raueren Seiten des Klassenkampfs hat er Recht, aber ich frage ihn: wie „sicher“ waren die Leben, Freiheiten, Nachkommen und Dächer über den Köpfen von NICHT-Rechten und NICHT-Besitzenden? Als Spezialist für die Details der Revolte in all ihren unbequemen und unangenehmen Ausprägungen, die nicht in ordentliche ideologische Modelle passen, sollte Seidman einmal ein typisches Arbeiterleben 1923-43 untersuchen, um Verbesserungen zu entdecken. Diese mögen nicht mit den definierten Konturen von Republik, Monarchie, Diktatur und (noch mal) Diktatur übereinstimmen. Zweitens. Er scheint zu sagen: Schau über das Formale hinaus auf das REALE, aber wenn Prestons Schwerpunkt auf einer Bearbeitung „von oben“ liegt, geht eine Menge davon verloren. Das Leben wird nicht immer von Rednern oder Druckerzeugnissen bestimmt. Die CNT bezog sich stets auf die anonimos, und es gab anonyme Akteure und Faktoren auch außerhalb der CNT.

Der Mord an Calvo Sotelo war in der Tat eine „kaltblütige Tötung“. Was waren Casas Viejas und die vielen anderen ähnlichen Vorkommnisse? Es waren nicht Regierung oder Justiz, die aus Casas Viejas einen Skandal machten, oder? Was hat Seidman zu sagen über irgendeinen Arbeiterklassen-„Franco“, der durch Casas Viejas zur „Revolution“ getrieben wurde oder die Repression irgendeines Streiks?

Zu seiner Erwähnung des Besonderen Militärtribunals des Generalissimus, das 15 000 Fälle von 36 bis 38 abgewiesen hat: Wie viele in der Anklage genannten waren bereits tot? Hingerichtet? Geflohen? Weitere 15 000 wurden aufrechterhalten, und wahrscheinlich erfolgte eine Verurteilung. Er zitiert den Rückgang von Todesurteilen „nach 1941“ (also nach drei Jahren Massenhinrichtungen), doch vernachlässigt jegliche „Kontextualisierung“ wie Bezüge auf den Zweiten Weltkrieg (denkt daran, das war in etwa die Zeit, als Ramón Serrano Súñer den Deutschen mitteilte, dass Spanien kein Interesse am Schicksal spanischer Roter in den Händen der Nazis habe), Spaniens Schwierigkeiten, seine Bevölkerung zu ernähren und die Todesrate in frankistischen Gefängnissen durch Seuchen und Hunger, verschlimmert durch Mangel an medizinischer Betreuung und regelmäßig angewendete Folter. Besser für die Statistik, wenn viele dieser Häftlinge außerhalb starben, arbeitslos und nicht vermittelbar, auf Schwarzen Listen registriert, wohnungslos, abhängig von der Wohltätigkeit der Kirche oder den sozialen Diensten der Falange, nicht gerade die Verkörperung der Mildtätigkeit. Und er vergisst den Höhepunkt der Hinrichtungen zwischen 1947 und 49 zu erwähnen, ein ganzes Jahrzehnt nach dem Krieg und nach all dem Exil, den Verurteilungen und Hinrichtungen der Nachkriegsjahre.

Was Seidmans Kommentare über die nationalistische Agrarpolitik angeht: kann es sein, dass die flüchtigen Grundbesitzeren noch nicht zurückgekehrt waren, dass es stark an Arbeitskräften mangelte, da so viele Männer im erwerbsfähigen Alter an der Front dienten und dass das Angebot von Anreizen für die „besetzenden“ Bauern eine Übergangsstrategie für die Dauer des Krieges in Erwartung der Rückerstattung des gesamten fruchtbaren spanischen Bodens war? Bringt die Opposition um, steckt Leute wegen geringfügigerer Verfehlungen in den Knast, belegt so viele, wie es geht, mit Bußgeldern, zieht die im dienstfähigen Alter ein und ermutigt (!) den Rest, die Produktion zu steigern?

1957 wurde ein Juan García Suárez hingerichtet, allerdings erst, nachdem der kanarische Bischof persönlich an Franco geschrieben hatte, um ihn an die „Tausende Menschen“ zu erinnern, die die „Nationalisten“ auf den Kanaren getötet hatten. Bischof Pildain schrieb: “Sehr geehrter Herr Don Francisco Franco Bahamonde, spanisches Staatsoberhaupt. Sehr geehrter Herr: Ich, Antonio Pildaín y Zapiain, Bischof der apostolischen Diözese von Las Palmas, fühle mich als Hirte der Seelen und spiritueller Vater der Kanaren verpflichtet, sie zu ersuchen, die Todesstrafe von Juan García Suárez umzuwandeln, der von einem Kriegsgericht vor Ort zum Tode verurteilt wurde. Dieser Tod würde auf den Kanaren, wo nichts passiert ist, sehr schlecht aufgenommen werden, da hier all die barbarischen Handlungen von Nationalisten und nicht von Republikanern verübt wurden. Ich möchte dieses Thema lieber nicht zu sehr vertiefen und erinnere Eure Exzellenz an alles, was auf dieser Insel passiert ist, besonders in der Jinámar-Schlucht, wo mehrere Tausend umkamen.“ (Santos Julia [Hg.] Victimas de la Guerra Civil, Temas de Hoy, S. 335-336). Pildaín machte eine mündliche Aussage gegenüber den Historikern José Luis Morales und Miguel Torres, einer der beiden erinnert sich an folgendes: „Bischof Pildaín erwähnte mir gegenüber, dass zwischen 5000 und 6000 Menschen in dieser Gegend umgekommen sind. Die meisten von ihnen verschwanden.“

Stelle das “nicht passiert” der 5000:0-Todesbilanz auf den Kanaren gegenüber! Wann gab es auf den Kanaren eine militärische Bedrohung? Wenn „nichts passiert ist“, können wir davon ausgehen, dass die Inseln ohne ernsthaften Widerstand gefallen sind. Ergehe ich mich in Viktimologie, wenn ich frage, welche Auswirkungen dies auf die Versuche haben könnte, republikanische und nationalistische Gewalt gegeneinander aufzurechnen?

Ich könnte ewig so weitermachen, aber ich erkenne einfach Seidmans Bezugsrahmen nicht an, besonders sein Argument, dass “die spanischen Konterrevolutionäre keinen Rassenkrieg gegen die Juden geführt haben, sondern sich auf die Bekämpfung von Revolutionären konzentrierten, welche ihr Leben, ihr Eigentum und ihren Glauben bedroht haben.“ Wen meint er nur? Franco und seine Kohorte klero-faschistischer Mörder waren niemals „Konterrevolutionäre“, sondern reaktionäre Putschisten, die – mit Hilfe von Nazideutschland, dem faschistischen Italien und einflussreichen Teilen des britischen Establishments – eine regulär gewählte republikanische Regierung stürzten (was immer man von dieser Regierung halten mag) und wer weiß schon genau wie viele Zehntausende Unschuldiger massakrierten – die in keinster Weise eine Bedrohung von Leben, Eigentum oder Glauben darstellten (wie von Bischof Antonio bezeugt) – in einem Versuch, einem eingebildeten „proletarischen Barbarentum“ entgegen zu treten und Spanien 400 Jahre zurück zu werfen zu den mittelalterlichen katholischen Werten des Heiligen Römischen Reiches.

Nein, in Wirklichkeit waren die “Konterrevolutionäre” während der spanischen Revolution und des Bürgerkrieges Azaña, Prieto, Negrín, Companys, Jesús Hernández, Federica Montseny, Mariano R. Vázquez und all die anderen „angesehenen Führer“ auf der republikanischen Seite; ebenso waren es nicht Faschisten, Angehörige der fünften Kolonne, Priester und Nonnen, die vorwiegend hinter den republikanischen Linien verfolgt wurden, sondern Tausende Revolutionäre und einfache Kämpfer, die zwischen Juli 1936 und Dezember 1937 ihren Intrigen und Manövern entgegentraten, die bürgerliche Ordnung wieder herzustellen und zu festigen.

Die Entscheidung, Paul Prestons unbezahlbares Werk über den frankistischen Holocaust der Spitzfindigkeit eines solch offenen Pro-Franco-Kritikers wie Michael Seidman vorzuwerfen, wirft ein ungünstiges Licht auf die vormals hohen herausgeberischen Standards von TLS unter früheren Herausgebern wie Arthur Crook und John Gross (und Stellvertretern wie Nicolas Walter). Was ist nur aus „ernsthaft“ und „maßgeblich“ geworden?

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Das Orginal:

What has happened to editorial judgement at the TLS? What on earth led the editor to commission the patronisingly offensive twaddle from such a pro-Francoist apologist as Michael Seidman in his review of Paul Preston’s “The Spanish Holocaust”?

Apart from complaining about Preston’s ‘discrediting the moral capital of the Nationalists’, Seidman’s principal objection appears to be the use of the term “Holocaust” to describe the carnage triggered by the “rebellious officers, whom Hitler and Mussolini quickly aided” (the implication being that neither regime had been complicit in the plans to topple the Republic). This objection to the word Holocaust is either academic pedantry or a zealous political attempt by Seidman to ‘own’ the term on behalf, exclusively and of course unbidden, of the Jewish victims of Nazi anti-semitism at the expense of the other 5, 6 or 7 million victims of the Nazi killing machine — anti-Nazis (Jewish and non-Jewish), intellectuals, socialists, anarchists, communists, liberals, Jehovah’s Witnesses, gypsies, the mentally ill, the disabled, etc., etc. — between January 1933 and May 1945.

I have yet to come across the “avalanche of recent literature” Seidman writes about as ‘challenging’ Preston’s ‘antiquated views’ on the repression in the Republican zone, that it was

part of a largely deliberate and calculated effort to eliminate “fascists” (very broadly defined), rightists — and also members of the clergy, who were perceived as fifth columnists and potential obstacles to workers’ or people’s revolution. The murders were closely connected to, and usually approved by, the parties of the Left, Socialists, Communists and anarchists.’

How Seidman (or anyone else for that matter) concludes that there was such a conspiracy between such disparate and contending groups on the ‘Left’ escapes me, and reflects poorly on his understanding of the history, politics and culture of Spain between the two world wars. Had such a conspiracy existed it was more likely to have been targeted by the national and regional leaderships against their own known dissidents – rank-and-file militants and intellectuals who challenged party hegemony – not the unknown fifth-columnists caught behind Republican lines who more often than not joined the labour unions, including the CNT, and the communist and socialist parties and often proved to be the most ‘ultra’ of the party faithful.

Seidman speaks as though everything kicked off in 1936. Murder and mayhem on both sides: agreed. Grisly murder tainted by grudge, self-interest, gain, etc., it covered the whole spectrum. No one was above reproach, agreed, and as I relate in my own recent 3-volume work, ¡Pistoleros! – 1918-24”, there was no shortage of offenders in the anarchist camp either.

However, Seidman’s own figures taken from the period “during the Spanish conflict” (I’m assuming he means 1936-’39, i.e. the civil war) show a 13 to 5 kill rate in favour of the Nationalists (fascists, Catholic authoritarians and “One Spainers”). The latter explains how generals such as Cabanellas — who were freemasons and/or republicans under the early Republic and monarchy — morphed into “fascists” in 1936. Or were they perhaps always of the same authoritarian mind-set? A mind-set they shared with many (until yesterday monarchists) “new” republicans, explaining incidents such as the bloody repression at Castilblanco in 1931, Arnedo in 1932 and Casas Viejas in 1933, , etc., and the establishment of the Assault Guard as a public order-only police force. The notoriously “republican” and freemason Eduardo López Ochoa led the crackdown and repression of the Asturias uprising in 1934. “Republican” did not necessarily mean “leftist” or even “liberal”. Hence the scepticism in CNT ranks. See Melchor Rodriguez’s article “April to April” (KSL Bulletin) counting those who perished at the hands of the new Republic’s security forces.

Infatuation with romanticism about the Republic tends to blind us to its rougher edges as experienced by the poor and the working classes. The Church, the propertied classes and the One-Spainers might have taken offence at some of the rhetoric and legislation from the Republic, but they never had to suffer batons, bullets and artillery fire as did the workers. Was General Sanjurjo, after his attempted coup against the Republic in 1932, punished as severely as the peasant Seisdedos or the rebel coalminers and peasants of Upper Llobregat? It would be interesting to have the details of the differential treatment.

The Republic did not make mere disaffection an offence, unless it was translated into action in the form of desertion, obstruction, practical opposition. But under the Francoist’ Order 108 from the National(ist) Defence Junta (13/09/36) provision was made for the confiscation of goods from those deemed to have been “directly or subordinately responsible, by action or incitement” for opposition to the Nationalist Movement.

The Francoists’ Political Accountability Law of 9/2/39 (providing for confiscation of assets) was made retrospectively applicable to events from October 1934 (which must be some sort of a clue to the legislators’ mindset— why not 1931, ’32, ’33?), and in the event of the accused’s having died in the meantime all liability and penalties arising therefrom became applicable to his/her heirs or relations. Two thirds of these confiscation proceedings applied to working class “culprits” and most of these had to be set aside, not from melted hearts, but due to the lack of seizable assets. Fines were applied and enforced against republicans and others who had been shot back in 1936. The Popular Front socialist (PSOE) deputy Vicente Martin Romera (murdered on 7 August 1936 in Madrid on the orders of Colonel Cascajo) was hit with a post-war and posthumous fine of 125,000 pesetas which, his family had to pay in order to recover “free access to his assets”.

Fines and confiscations were often accompaniments (before as well as after the fact) to executions. In Albacete 43 per cent of those sentenced by courts martial had Political Accountability files opened on them and 80 per cent of those punished were farm labourers or manual workers. In 1942 an amendment to this Law replaced economic sanctions with positive disbarments before the law was repealed on 13/4/45, as far as fresh proceedings were concerned. Those already in train were pursued until 10/11/66. I don’t want romanticise the Republic but (barring a communist take-over) I doubt that it would have carried victimisation to those lengths.

As for Sediman’s extraordinary statement that “Nationalists may have integrated proportionally more POWs into their army than any other civil war belligerents in twentieth-century Europe” – Has it not occurred to Seidman that the POWs had little choice in the matter, the other option being a firing squad and a mass grave? This reference to the Nationalist recycling of POWS into their army is intended to counter Preston’s allegations regarding a “programme of extermination”, but does it? Into which units were they recycled? How were they officered, disciplined and deployed? In what sectors were they deployed? Facing which republican forces? Any chance they might have had a deterrent used against retreaters? (Machine guns à la Trotsky in the Russian civil war or à la Stalin in the Second World War? What was their rate of attrition as compared to Nationalist “volunteer” units or regulars? I do not know. I merely ask. In short such recycling was not necessarily in contrast to extermination plans but might well have been integral to them — using the enemy to kill the enemy while clearing one’s rearguard of the openly disaffected.) In his own Republic of Egos, Seidman admits to a manpower shortage in Nationalist Spain — a shortage of workers not of troops.

As to Preston’s so-called “exculpation” of the Spanish left and his alleged tendency to over-state the Soviet influence on the Paracuellos massacre of suspected or known anti-republicans by a motley crew of Spanish leftists, that massacre seems to have emanated from, among others, Santiago Carrillo, late of the Juventudes Socialistas Unificadas (JSU) and by then of the Spanish Communist Party (PCE) — and little was done by that last body that was not filtered through the politburo and its Comintern advisers.

Seidman’s point about Catalan Carlists in the Nationalist armies: does it not suggest that there might be some justification in suspicions of a 5th column operating in the rural areas of Catalonia where these characters came from, and of typical Requetés who might not have been of an age for military service but might have served in other ways? This is not to excuse but rather, perhaps, to partly explain the murderous treatment inflicted on right-wingers and the Catholic clergy.

When Preston suggests (according to Seidman) that the “radicalism” of republican leaders was more rhetorical than actual, the point is redundant. President Azaña’s alleged talk of “making mincemeat” of the army (“triturar el ejército”) with his reforms created as much (maybe more) alarm and rancour in those circles as any strike violence. Likewise the Jacobin, Enlightenment critique of the Church. The CEDA grew out of a desire to defend Catholic principles regardless of the regime, the eternal against the circumstantial: that’s what CEDA’s “accidentalism” was about: a focus on the (un) real over the formal. A republic observant of Catholic values was good, a monarchy unobservant of them, bad. Well, ditto libertarian or leftist values, surely?

Preston may underestimate the “street” attacks after February 1936 on property but Seidman needs to bear in mind the “Eat Republic” taunts of the right during the bienio negro, the legacy of the October ’34 repression, the severe curtailment of union rights, etc., the blatant flirtation of the Spanish Right with authoritarianism and fascism elsewhere in Europe, the Austrian example of 1934, etc. Is there just a chance that the street was moved by this and its own issues rather than some high-flown rhetoric from some republican luminary? He is right in what he says about the general downplaying of the rougher face of the class struggle but I would ask him this: how “safe” were the lives, liberties, offspring and roof over the heads of the NON-rightists and the NON—property-owner? As someone who specialises in the minutiae of revolt in all its uncomfortable and inconvenient manifestations that do not fit into neat ideological models, Seidman ought to trace a typical worker’s life 1923-1943 and spot the improvements. They might not overlap the defined outlines of Republic, Monarchy, Dictatorship and (again) Dictatorship. Mark Two. Look past the formal to the REAL is what he seems to be saying but if Preston’s focus is on working “from above”, a lot of this is going to be missed. Life isn’t always played out by the speechmakers or in print. The CNT was forever referring to the anonimos and there were anonimos players and factors outside the CNT as well.

The murder of Calvo Sotelo was indeed a “cold-blooded killing”. What were Casas Viejas and the many other similar incidents? It was not the government or judiciary that made a scandal of Casas Viejas, was it? What has Seidman to say of some working-class “Franco” pushed into “revolution” by Casas Viejas or the repression of some strike?

His mention of the Generalisimo’s Special Military Tribunal dismissing 15,000 cases in ’36-’38. How many of those named in the charges were already dead? Executed? Escaped? And another 15,000 were upheld and presumably sentencing followed. He cites the decline in death sentences “after 1941” (i.e. after 3 years of mass executions) but he misses out any “contextualization” such as references to WW2, (remember, this would have been about the time that Ramón Serrano Súñer was telling the Germans that Spain had no interest in the fate of any Spanish Reds in Nazi hands) Spain’s difficulty in feeding herself and the death rate in Francoist prisons from disease and starvation, aggravated by lack of medical attention and the regular use of torture. Better for the statistics if many of those prisoners died off-site, unemployed and unemployable, blacklisted, homeless, dependant on the charity of the Church or the social services wing of the Falange, hardly the hallmark of mercy. And he fails to mention the spike in executions in 1947-49, a full decade after the war and after all those exiles, convictions and executions in the post-war years.

As to Seidman’s comments about the Nationalists’ rural policies, was it the case that maybe the runaway estate-owners had not yet returned, that the workforce was seriously depleted due to so many men of economic age serving at the front and that the offering of incentives to the “squatter” peasants might have been a makeshift stratagem for the duration of the war pending the recovery of all of Spain’s productive land? Kill the opposition, jail the lesser offenders, fine as many as you can, conscript those of serviceable age and encourage (!) the rest to step up production?

In 1957 a Juan García Suárez was executed but not before the local bishop of the Canaries wrote to Franco in person to remind him of the “thousands of people” whom the “Nationalists” had killed in the Canaries. Bishop Pildain wrote: “Most Excellent Sir Don Francisco Franco Bahamonde, Spanish Chief of State. Most Excellent Sir: I, Antonio Pildaín y Zapiain, bishop of the apostolic diocese of Las Palmas, find myself obliged, as pastor of the souls and spiritual father of Canarians to ask that you commute the capital sentence on Juan García Suárez, sentenced to death at a council of war held in this place. That death would be looked at very dimly in the Canaries where nothing happened, since all the barbarity committed hereabouts came from the Nationalists and not the republicans. I would rather not go too deeply into this matter and remind your excellency of everything that happened on this island, especially in the Jinámar gorge where several thousands perished.” (Santos Julia [editor] Victimas de la Guerra Civil, Temas de Hoy, pp. 335-336). Pildaín made an oral statement to historians José Luis Morales and Miguel Torres, one of whose recollections was: “Bishop Pildaín mentioned to me that he reckoned from the figures that between 5,000 and 6,000 people must have perished hereabouts. Most of them vanished.”

Contrast the “nothing happened” with the 5,000-to-zero relative kill rate in the Canaries! At what point were the Canaries under military threat? If  “nothing happened” we can take it for granted that the islands fell without serious resistance. Am I indulging in victimology when I ask what implications this might have for attempts to equate republican and Nationalist violence?

I could go on and on, but I just don’t recognise Seidman’s terms of reference, especially his point that “The Spanish counter-revolutionaries did not wage a racial war against Jews, but concentrated on combating revolutionaries who threatened their lives, property and faith”. Who is he talking about? Franco and his cohort of clerico-fascist murderers were never “counter-revolutionaries”, they were reactionary golpistas who — with the help of Nazi Germany, Fascist Italy, and influential elements in the British Establishment — overthrew a legitimately elected republican government (whatever one might think of that government) and massacred who knows exactly how many tens of thousands of innocents — who posed no threat whatsoever to life, property or faith (as witnessed to by Bishop Antonio) — in an attempt to counter perceived “proletarian barbarism” and roll Spain back 400 years to the Medieval Catholic values of the Holy Roman Empire.

No, in fact, the “counter-revolutionaries” during the Spanish Revolution and Civil War were Azaña, Prieto, Negrín, Companys, Jesús Hernández, Federica Montseny, Mariano R. Vázquez, and all the other ‘notable leaders’ on the Republican side; nor was it fascists, fifth-columnists, priests and nuns whom they were primarily targeting behind republican lines, but the thousands of revolutionaries and rank-and-file militants who, between July 1936 and December 1937, challenged their plots and manoeuvres to restore and consolidate bourgeois order.

The decision to give Paul Preston’s invaluable work on the Francoist Holocaust to the sophistry of such a blatantly pro-Francoist reviewer such as Michael Seidman reflects poorly on the formerly rigorous editorial standards of the TLS under previous editors such as Arthur Crook and John Gross (and chief subs such as Nicolas Walter). Whatever happened to ‘serious’ and ‘authoritative’?

Yours, etc.,

Stuart Christie

19. Juli 1936 – Zum Souchy │ Gerlach-Buch

 

Augustin Souchy  │  Erich Gerlach

Die soziale Revolution in Spanien

Kollektivierung der Industrie und Landwirtschaft in Spanien 1936-1939
Dokumente und Selbstdarstellungen der Arbeiter und Bauern

Karin Kramer Verlag, Berlin 1974 – Neuauflage: barrikade, November 2012

Die Streitschrift barrikade wird fast vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung durch den Berliner Karin Kramer Verlag, diese eindrucksvolle Dokumentation von Erich Gerlach (Übersetzer) und Augustin Souchy neu herausgeben. Dies scheint uns umso dringender, weil die Leistungen der Spanischen Revolution vielen jüngeren Genossinnen und Genossen kaum oder gar nicht bewusst sind und scheinbar auch in Vergessenheit geraten. Das wäre fatal und ein weiterer Grabstein auf die Errungenschaften der bisher einzigartigen sozialen Revolution, die die Arbeiterselbstverwaltung durchsetzen konnte.

Anhand der übersetzten Dokumente – die Augustin Souchy, deutscher Anarchosyndikalist, Mitglied der FAUD und des IAA-Sekretariats sowie direkter Begleiter der Revolution nicht nur in Barcelona (1) – wird schnell deutlich, mit welchen Problemen eine kollektivierte Ökonomie konfrontiert wird, die zeitgleich in offener Schlacht dem putschistischen Militär unter Franco die Stirn bieten musste.

Den Bürgerkrieg mussten die Revolutionäre (männlich wie weiblich) auch gegen das Trommelfeuer deutscher und italienischer Faschisten standhalten, den Hitler und Mussolini nutzten den Aufstand der proletarischen Bevölkerung gegen den faschistischen Putsch der spanischen Generäle, um ihre Militärmaschinerie (Flugzeuge und Panzer) mit „freiwilligen“ Legionären (Legion Condor) zu erproben – damit hatte „Rotspanien“, das in der Arbeiterbewegung mehrheitlich überaus eindeutig ein „Schwarzrotes Spanien“ war, keine echte Chance. Zumal die sowjetischen Helfershelfer Waffen nur gegen Gold und politischen Einfluß lieferten und die Stalin treu ergebenen Kommunist/innen an der Front und im befreiten Hinterland ihren Kampf gegen „Trotzkisten und Anarchosyndikalisten“ von POUM und CNT-FAI-FIJL-Mujeres Libres mit eigenen Geheimdiensten bis aufs Messer fortsetzten (wie im nachrevolutionären Russland auch), um die soziale Revolution zu ersticken und sich als Retter einer maroden bürgerlichen Demokratie zu feiern.

August Souchy dokumentiert in diesem Buch auch eine andere Sichtweise: Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, Lohnerhöhungen, Überstundenverbote, Selbstverwaltungsstrukturen und die wichtigsten Beschlüsse des Nationalen Wirtschaftsrates der CNT von 1938. An diesen Dokumenten wird deutlich, wie vielschichtig eine soziale Umwälzung ist und wie konsequent die spanischen Genossinnen und Genossen die Probleme angegangen sind.

• Eventuelle Überschüsse gehen in weitere Buchprojekte und die Herausgabe der Streitschrift barrikade. Wir danken dem Karin Kramer Verlag ganz herzlich für die Zusammenarbeit und die Zusage zur Herausgabe dieser Neuauflage. [fm, 18. Juli 2012]

Verkaufspreis: 10 €

Lieferung erfolgt portofrei gegen Rechnung.

Auflage: 400 Exemplare * Umfang: 184 Seiten A5 mit diversen Abbildungen, farbiger Umschlag, neuer Satz.

Email mit Lieferanschrift an: barrikade [kringel] gmx.org

Zum Inhalt:

Erich Gerlach kommentierte die Texte in seiner Einleitung:

»Die beiden hier erstmals einer deutschen Leserschaft zugänglich gemachten Schriften „Collectivisations“ und „Acuerdos del Pleno Económico Ampliado“ wurden während des spanischen Bürgerkrieges veröffentlicht. Aus heutiger Sicht sind sie zweifach wichtig. Sie zeigen erstens, daß der spanische „Bürgerkrieg“ zugleich eine tiefgreifende soziale Revolution war, nicht aber, wie die Moskauer Schule des Kommunismus behauptet, eine „nationalrevolutionäre Befreiungsbewegung“ in den Grenzen einer bürgerlich-demokratischen Revolution und auch nicht, wie Liberale und Sozialdemokraten meinen, ein bloßer Kampf zur Verteidigung des Parlamentarismus gegen die faschistische Konterrevolution und zweitens vermitteln sie uns ein von den herrschenden „marxistischen“ und staatssozialistischen Auffassungen radikal verschiedenes Modell der Arbeiterbewegung und des Sozialismus.«

Augustin Souchy schreibt in seinem Vorwort:

»Einige Wochen vor Ausbruch des Bürgerkrieges war ich zu einer Vortragsreise nach Spanien gekommen. Diesem Zufall hatte ich es zu verdanken, daß ich in der historischen Nacht vom 19. bis 20. Juli und die darauf folgenden Tage auf den Straßen von Barcelona an der Seite der spanischen Kämpfer stand. 30 Monate hindurch widmete ich alle meine Kräfte der Sache der Arbeiter und Bauern Spaniens, bis ich, im Januar 1939, einen Tag vor Barcelonas Fall, die Stadt fluchtartig verlassen mußte.

Aus dem Abwehrkampf gegen die Militärputschisten hatte sich eine Revolution entwickelt, eine profunde soziale Revolution. Die Anarchisten begnügten sich nicht mit der bloßen Verteidigung der Formaldemokratie, sie gingen in allen Landesteilen, wo es ihnen gelungen war, den Putsch niederzuschlagen, zum Gegenangriff über. Ihrer Meinung nach konnten die Übel des Militarismus und die Gefahr des Faschismus nur durch Errichtung einer freiheitlich sozialistischen Gesellschaftsordnung beseitigt werden. Von dieser neuen und freien Ordnung hatten sie freilich andere Vorstellungen als die Sozialdemokraten und Kommunisten. Sie erwarteten die Lösung der sozialen Probleme nicht von der Gesetzgebung, sie wollten von der staatlichen  Verwaltungswirtschaft nach russischem Modell nichts wissen, und sie verwarfen auch die sogenannte Diktatur des Proletariats. Der private Großgrundbesitz und die privaten Wirtschaftsunternehmungen sollten, nach ihrem Konzept, nicht verstaatlicht, sondern von den Beschäftigten selbst gemeinsam verwaltet werden. Diese Theorie wurde in der zweiten Julihälfte und den darauffolgenden Wochen und Monaten in die Praxis umgesetzt.
Es begann in Barcelona. Die Putschgeneräle waren inhaftiert, die Eigentümer und Manager der großen Unternehmungen geflüchtet. In Übereinstimmung, mit ihrem seit Jahren auf Kongressen und Konferenzen ausgearbeiteten Programm nahmen die militanten Gewerkschafter die Verwaltung der im Privatbesitz befindlichen Verkehrsunternehmungen, der Kraft- und Wasserwerke sowie der privaten Industrieunternehmungen in ihre Hände. Arbeiter, Techniker, Ingenieure und Verwaltungsangestellte bildeten ein gemeinsames Arbeitskollektiv. Die Erhöhung der Löhne um 15% konnte durch Einsparung der Dividenden und Rationalisierung des Arbeitsprozesses ohne Preissteigerung finanziert werden. Die Entfremdung des Lohnempfängers von seinem Werk war im Kollektivbetrieb überwunden, das Interesse an der Produktivität gestiegen, denn nun war der Arbeiter mitbestimmender Kollektivist.«

Und das sagte die CNT:

»Diese Probleme, um die sich niemand kümmert, weil der von der CNT vorgeschlagene nationale Wirtschaftsrat, in dem die beiden großen Gewerkschaften CNT und UGT und die Regierung vertreten sind, noch nicht gebildet wurde, werden wir von uns aus sofort zu lösen versuchen. (…)
Das Wichtigste ist anzufangen. Wir sind uns der Vielfalt der Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich vor uns auftürmen, bewußt, aber wir sind sicher, daß wir alle Schwierigkeiten überwinden und das Mögliche erreichen werden. Fangen wir an. Mögen einige unserem Beispiel folgen und bei der praktischen Demonstration unserer Studien und Beschlüsse ihren Irrtum erkennen und sich überzeugen, das Vieles getan‘ werden kann. Wiederholen wir: das Wichtigste ist anzufangen. Und die CNT fängt an.«

INHALT

ERICH GERLACH

Zu den Texten ……………………………………………………………………………..  11
Aufbau einer neuen Gesellschaft …………………………………………………….. 13
Historischer Hintergrund ……………………………………………………………… 13
Der Einfluß Bakunins ……………………………………………………………………. 14
„Realistische“ Syndikalisten und „reine“  Anarchisten …………………………. 18
Die Entwicklung der Organisationsprinzipien der CNT ……………………..… 20

AUGUSTIN SOUCHY

Warum und wie dieses Buch entstand (1973) … 30
Vorwort zur „Kollektivierung“ (1937) … 34

Großkapital, Militär und Klerus … 38
Sozialisierung und Kollektivierung … 40
Die Schwierigkeiten … 42
Kollektiver Kapitalismus … 43
Reservefonds, Kurzarbeit und Rationalisierungen … 43
Sozialisierung – nicht Nationalisierung … 44

II.
Enteignung? …………………………………………………………………… 44
Kollektivierung von Grund und Boden … 46

III.
Handel und Konkurrenz … 48

IV.
Die Banken …………………………………………………………………….. 49
Die Lebensmittelversorgung … 49

V.
Weg der Kollektivierung … 50
Vorwort des CNT Verlages zur zweiten Auflage  der „Kollektivierung“ … 54
Einleitung des CNT Verlages (1937) … 55
Kollektivierung der Industrie und Landwirtschaft … 56

Erster Teil

Die neue kollektive Wirtschaft

I. Dekret zur Kollektivierung

a) Kollektivierte Unternehmen
b) Der Betriebsrat …57
c) Das Kontrollorgan in den Privatunternehmen … 60
d) Die Generalräte der Industrie … 61
e) Industrielle Gruppierungen … 62
f) Industrielle Verpflichtungen

II. Skizze der katalanischen Wirtschaft … 66

Zweiter Teil

Die kollektive Arbeit innerhalb der Industrie

I. Die Transportunternehmen … 68

II. Die Textilindustrie … 81
a) Ihre Struktur
b) Struktur der kollektiven Organisation in der Textilindustrie … 83
c) „Industrielles Spanien“ – eine kollektivierte Fabrik … 93

III. Verschiedene Industriezweige
a) Die Hispano-Suiza Werke … 102
b) Die Industrie optischer Gläser hat ihren Ursprung in der Revolution …103
c) Die CAMPSA von Katalonien wird kollektiviert … 107

IV. Die Lebensmittelversorgung … 109

V. Öffentlicher Dienst … 116

VI. Das Handwerk … 128

VII. Landwirtschaft … 132

Dritter Teil

Die Kollektive in den katalanischen Provinzen … 141
Die Beschlüsse des erweiterten nationalen Wirtschaftsplenums 1938 …185
An die Gewerkschaften  … 186
Einsetzung von Arbeitsinspektoren …190
Beschluß über die Arbeitsvergütung … 191
Beschluß über die Gründung der Gewerkschaftsbank … 194
Gründung einer gewerkschaftlichen Verwaltungsstelle für Versicherungen … 197
Koordinierung, Kontrolle und Ausrichtung der CNT-Organe,
die mit Versicherung und sozialer Fürsorge beauftragt sind oder sie von sich aus betreiben … 201

Resolution des erweiterten nationalen Plenums … 204
Korrespondenten, Bulletins, Zeitschriften … 207
Ausbau der Verbraucher-Genossenschaften … 208
Wirkungsvolle Planung der Industrie … 210
Zentralisation der Verwaltung der Wirtschaft der CNT ……………………..… 157
Zentralisation der Verwaltung einer nationalen Industrieföderation …..… 157
Die Bildung der verschiedenen Räte für Technik, Verwaltung und Statistik … 159
Die Wirtschaftsräte … 218
Allgemeine Arbeitsregeln …………………………………………………………….… 162
Schlußbetrachtung ……………………………………………………………………..… 170

Karl Korsch

Die Kollektivierung in Spanien ……………………………………………………….. 172

Index ……………………………………………………………………………………….… 178

——————————

(1)   siehe dazu sein jetzt erst in der Edition AV erschienenes Buch „Bei der Landarbeitern in Aragon – Der freiheitliche Kommunismus in den befreiten Gebieten“, Lich 2012
http://www.edition-av.de/

barrikade #7 – April/Mai 2012

Die neue Ausgabe der barrikade # 7  — April/Anfang Mai 2012:

barrikade # 7   –   April 2012

Inhaltsverzeichnis

• Karl Roche und die FVdG zu Genossenschaften 1910-1914
• Über die Arbeitsbedingungen in einer SPD-Genossenschaft 1913

Schwerpunkt:
• Abrechnung mit Seidmans Buch Arbeiter gegen die Arbeit
• Rezension von Helen Graham zu Workers against Work: »… ein unzulängliches Buch«
Wenn man genauer hinsieht, ist es ganz anders. [HH]
Seidmans Plakat-Märchen [Folkert Mohrhof]
• Rezension zu Seidmans Republic of Egos
• D.A. de Santillán: Wirtschaftlicher Wiederaufbau

• Protokoll der 3. Reichskonferenz der AAU
• Hans Jürgen DEGEN: Rudolf Rockers Betrachtungen zur Lage in Deutschland, 1947

Rezensionen: Auf dem Weg – eine Kooperative in Venezuela

Bestellung einfach über email – wer die #7 bestellt, bekommt die # 6 gratis dazu geliefert.

barrikade[at]gmx.org

Anzeigenvorlage

Anzeige barri-7

NEU: die Ausgaben # 1 – # 5 sind jetzt online zum download bereit —> muckracker/download

Solidarität mit SyFo !

Solidarität mit dem Institut für Syndikalismusforschung dringend erforderlich!

17. April 2012

Heiner Becker verlangt über 2.000 Euro für Texte von Rudolf Rocker.

In der Auseinandersetzung mit dem Rechteinhaber Heiner Becker um die Urheberrechte auf die Werke von Rudolf Rocker ist die gerichtliche Zahlungsaufforderung beim juristisch Verantwortlichen der Webseite des Instituts für Syndikalismusforschung eingetroffen.

Heiner Becker verlangt 2.247,03 Euro für seine Anwaltskosten, die durch die Veröffentlichung von Texten Rudolf Rockers entstanden sind. Auf der Homepage des Instituts für Syndikalismusforschung waren einige Texte Rockers zeitweilig ohne kommerzielles Interesse für jedermann öffentlich zugänglich. Im Zuge einer von Becker betriebenen Unterlassungsaufforderung musste das Institut für Syndikalismusforschung diese Texte von seiner Webpräsenz nehmen. Neben Texten von Rudolf Rocker sind auch solche von Milly Witkop-Rocker betroffen. Bis zum Jahr 2029 hat Heiner Becker die alleinigen Urheberrechte an Texten Rudolf Rockers. Erst dann werden dessen Schriften gemeinfrei.

Die finanzielle Forderung von Heiner Becker übersteigt die finanziellen Möglichkeiten des Instituts für Syndikalismusforschung. Wir sehen uns daher gezwungen, uns an die solidarische Öffentlichkeit zu wenden, um die von Heiner Becker geforderte Summe aufbringen zu können. Wir bitten um die Verbreitung dieses Aufrufs und um Spenden auf das folgende Konto:

Folkert Mohrhof
Kontonummer: 2002314600
BLZ: 43060967
GLS Bank Bochum
IBAN: DE64430609672002314600
BIC: GENODEM1GLS

Kennwort: Soli Syfo

Wir werden die Spendeneingänge unterhalb dieses Aufrufs auf dem Blog http://syndikalismusforschung.wordpress.com/2012/04/17/solidaritat-mit-dem-institut-fur-syndikalismusforschung-notig/ verzeichnen. Für weitere Informationen zu den Vorgängen um die Urheberrechte von Rudolf Rocker siehe die Veröffentlichungen des Institutes für Syndikalismusforschung:

“Rudolf Rocker soll verschwinden” Erklärung des Instituts für Syndikalismusforschung von Juni 2011

Unterlassungsaufforderung Rudolf Rocker: Beckers Anwalt fordert fast 2000 Euro vom November 2011

Siehe auch die Sonderseite “Rudolf Rocker darf nicht verschwinden” und von: Valentin Tschepego: “Der diskrete Charme der Bibliothek Theleme oder das Gespenst des Urheberrechts” in Syfo – Forschung&Bewegung Nr.1/2011

Neben diesem Spendenaufruf möchten wir noch auf Folgendes  hinweisen: Wie wir wissen, sind weitere Personen von Beckers Urheberrechtsansprüchen betroffen. Gegen sie wurden auf Anzeige von Heiner Becker in Folge einer Denunziation polizeiliche Ermittlungsverfahren eingeleitet, so u.a. gegen den Herausgeber der Zeitschrift “Barrikade”.

Dazu siehe:

Urheberrechte von Rudolf Rocker: Erklärung des Barrikade-Herausgebers vom November 2011

Erklärung des Herausgebers der Barrikade: Wem gehört Rudolf Rocker von März 2011

Quelle: Rundschreiben des Instituts für Syndikalismusforschung

Artikel-Übersicht

barrikade-Prinzipien

Die Barrikade und der Schützengraben Ricardo Flores Magón

Öffnet die Augen!Aktuell – Hammer

Dr. Seidmans Plakat-Märchen [Folkert Mohrhof]

• Abrechnung mit Gegen die Arbeit von Michael Seidman (2011)

Rezension Helen Graham: »… ein unzulängliches Buch«

Wenn man genauer hinsieht, ist es ganz anders. [Hans Hanfstingl]

Amboss – Artikel

85 Jahre Sowjetgranaten – Eine Dokumentation [J.S.]

Der Fall »Scala« Barcelona 1978 [Folkert Mohrhof]

Die Odyssee des Rudolf Rocker-Manuskriptes »Nationalismus und Kultur« 1949 [Folkert Mohrhof]

Mastkorb – AS-Theorie

Kollektivbetriebe als ‚konstruktiver Sozialismus‘ [Folkert Mohrhof]

Anarchismus und Fußball – die Easton Cowboys aus Bristol [Roger Ball]

»Organzing« – Auf dem Weg zu neuen Ufern? [Heiko Grau-Maiwald]

Deutsche Wobblies gegen den Anarchosyndikalismus? [Folkert Mohrhof]

Torpedo & Harpune – Geschichtliches

FAUD, AAU und Seemannsbund 1919

Die Syndikalistische Bauarbeiter-Internationale ISBF

Die unüberbrückbare Kluft zwischen FAUD und AAU

Konferenz der FAUD Nordwest und des Block antiautoritäter Revolutionäre 1924

Die FAUD (A.-S.) als MinderheitenbewegungReinhold Busch 1931

Die Erinnerungen von Jan Appel

• Hamburg

Rechtsextreme Putschpläne in Hamburg-Altona 1919-1923 [Folkert Mohrhof]

Holtzweg I:  Von der Hamburger Warte zum Fridericus  [Folkert Mohrhof]

Der Holtzweg II:     [Folkert Mohrhof]

Sülze-Unruhen in Hamburg Juni 1919 [js]

• Spanien

Brief von Joaquín Ascaso, Januar 1939

Würdigung des Anarchosyndikalisten und Genossenschaftlers Joan Peiró i Belis [Folkert Mohrhof]

Die Wandlungen des Diego Abad de Santillán


Rezensionen

Auf dem Weg – Gelebte Utopie der Kooperative CECOSESOLA in Venezuela [fm] # 7 • April 2012

Kein Befehlen, kein Gehorchen – Helge Döhring [fm] # 7 • April 2012

Geschichte der Novemberrevolution – Richard Müller [J.S.] – # 7 • April 2012

Gegen die Arbeit – Michael Seidman 2011

Die Kommune von Kronstadt – Klaus Geitinger 2011  [J.S.]

Frieden, Freiheit, Brot! – Joachim Paschen 2009 [Peter Kuckuck]

Schwarze Scharen – Helge Döhring 2011 [fm]

Kapp-Putsch – Rudolf Rocker, Reprint 2010

Der Fliegerblick – Detlef Siegfried 2001 [fm]

Hass. Jetzt! Mit geballter Faust in der Tasche – Schweden 2009 [fm]

Warum IAA? – Martin Veith

Der EVMB – Söldner Moskaus – Stefan Heinz 2010 [fm]

Der Bonzenspiegel

Vorwort – 1926

Die Zentralverbände im Kriege.

Noske stattet der Technischen Nothilfe den ersten Dank ab.

Noske und die Syndikalisten.

Inhaltsverzeichnis – barrikade

barrikade # 8 – Juni 2013

Umfang 60 Seiten – Preis: 4 Euro  —- Vorschau:

barrikade-8-cover

barrikade # 7 – April 2012

Umfang 48 Seiten – Preis: 4 Euro  —- Vorschau:

b7-tb

barrikade # 6 – November 2011

Umfang 48 Seiten – Preis: 4 Euro  —- Vorschau:

Kollektivbetriebe als ‚konstruktiver Sozialismus‘?

• Kollektivierungen in Katalonien 1936-39 – Augustin Souchy

• Theorie in Lichte der Praxis – Helmut Rüdiger

• Würdigung des Anarchosyndikalisten und Genossenschafters Joan Peiró i Belis

Odyssee des Rudolf Rocker-Manuskriptes ‚Nationalismus und Kultur‘ 1949

Jan Appel – Erinnerungen

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barrikade – Prinzipien und Begriffe

Die barrikade-Prinzipien:

► grundsätzliche Ablehnung des nach-faschistischen Arbeitsrechts und der damit einhergehenden Regelementierung und Unterdrückung revolutionärer Betriebsarbeit, Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung durch ein sozialpartnerschaftliches Betriebsverfassungsgesetz, Tarif-, Arbeits- und nachgeordnetes repressives Sozialrecht,
► grundsätzliche Ablehnung von Betriebsrats-Arbeit und Abschluß von friedenspflichtigen Tarifverträgen, dagegen setzen wir gewerkschaftliche Betriebsgruppen, revolutionäre Vertrauens oder Obleute, Arbeiterräte und Betriebsvereinbarungen ohne Friedenspflicht,
► Ziel ist der libertäre Kommunismus in Form der industriellen und kommunalen Selbstverwaltung durch ein föderalistisches, antistaatliches und antinationales Rätesystem,
► der kapitalistischen Globalisierung von oben setzen wir die globale Klassensolidarität von unten entgegen – die Arbeiterklasse hat kein Vaterland, der Kampf des Proletariats ist nicht nur international, er ist antinational.

Begriffsklärung:
► Bar|ri|kade – ein Schutzwall im Straßenkampf, Straßensperre
► Syn|di|ka|lis|mus – romanische Bezeichnung für revolutionäre Gewerkschaftsbewegung, ausgehend von der Charta von Amiens 1905 und der CGT in Frankreich; Ziel ist eine sozialistische Neugestaltung der Gesellschaft auf gewerkschaftlicher Grundlage durch föderierte autonome Gewerkschaften und deren lokale Zusammenschlüsse über Arbeitsbörsen
♦ Aktuelle Vertreter sind die schwedische SAC, diverse italienischen Basisgewerkschaften wie Unicobas, die spanische CGT, die französische SUD und verschiedene andere, sie bilden auch die so genannte FESAL (Europäische Förderation Alternativer Gewerkschaften) und können nicht (nicht mehr) als revolutionär bezeichnet werden.
► Unio|nis|mus – revolutionärer Syndikalismus; amerikanische Variante ohne eindeutige politische Ausrichtung – Ziel ist die eine einheitlich-zentralistische Organisierung aller Arbeiterinnen und Arbeiter in Industriegewerkschaften, in Deutschland seinerzeit die Allgemeine Arbeiter-Union
♦ Derzeit vertreten durch die I.W.W., der Industrial Workers of the World aus Nordamerika mit Mini-Sektionen in anderen Ländern.
► Anar|cho|syn|di|ka|lis|mus – sozialrevolutionäre Bewegung auf gewerkschaftlicher Grundlage, entstanden aus der Kombination von anarchistischen Zielen und revolutionärem Syndikalismus; Ziel ist der libertäre Kommunismus in unterschiedlichen Formen
♦ International vertreten durch die spanische CNT, die deutsche FAU, die italienische USI und andere Sektionen der Internationalen Arbeiter-Assoziation, der IAA.
► Die höchste Stufe des revolutionären Syndikalismus ist für die barrikade deshalb der Anarchosyndikalismus, da seine Ziele die am weitestgehenden sind. Da wir mit dem revolutionären Syndikalismus und Unionismus auch die Ideologien und Organisationswelt des Links- und Rätekommunismus berühren, behandeln wir diesen Themenbereich allerdings nur in inhaltlich-ideologischer Abgrenzung und zur Aufarbeitung dieser gescheiterten Konzepte der revolutionären Arbeiterbwegung. ♦

Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung

Heleno Saña am 7.10.2016 in Hamburg

Plakat Heleno_ A3Der Flyer: Flyer_heleno-sana